Studie aus beiden Basel
Hausärzte verschreiben zu oft Antipsychotika an Personen in Alters- und Pflegeheimen

Vier von fünf Bewohnenden von Alters- und Pflegeheimen in der Region Basel erhalten Psychopharmaka. Darunter werden Medikamente verstanden, die die Abläufe im Gehirn beeinflussen und so eine Veränderung der psychischen Verfassung in Gang setzen. Zu dieser Erkenntnis kommt die Doktorarbeit von Niclas Kiss, die er am Universitären Zentrum für Hausarztmedizin beider Basel erarbeitet hat.

Silvana Schreier
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Depressive Symptome, Schlafstörungen und Demenz: Da viele Heimbewohnende unter psychischen Problemen leiden, werden oftmals Psychopharmaka verschrieben. (Symbolbild)

Depressive Symptome, Schlafstörungen und Demenz: Da viele Heimbewohnende unter psychischen Problemen leiden, werden oftmals Psychopharmaka verschrieben. (Symbolbild)

Keystone

«Bis zu 22'000 Demente werden unnötig ruhiggestellt», titelt SRF 2016. «Missstände – und keiner schaut hin», heisst es später beim «Beobachter». Solche Schlagzeilen verunsichern Angehörige, deren Familienmitglieder in einem Alters- und Pflegeheim wohnen. Sie rütteln Medizinerinnen und Mediziner auf, lösen manchmal politische Forderungen aus. Meist geraten sie aber so schnell wieder in Vergessenheit, wie sie aufgetaucht sind.

Zahlen passen zu europäischem Vergleich

Die Doktorarbeit von Kissnennt nun neue Zahlen zur Situation in den Alters- und Pflegeheimen. Die in der Studie befragten Hausärztinnen und Hausärzte aus Basel-Stadt schätzen, dass 63 Prozent der Heimbewohnern unter psychischen Problemen leiden. Demenz wird dabei bei 60 Prozent festgestellt, 23 Prozent haben depressive Symptome und 11 Prozent geben Schlafstörungen an.

Daraus resultiert ein hoher Einsatz von Psychopharmaka. Ganz überraschend kommt die Zahl, dass 78 Prozent der Heimbewohnenden Psychopharmaka einnehmen, für die Studienleiter nicht. Denn der europäische Vergleich zeigt, dass auch andere Länder solche Verhältnisse vorweisen. Problematisch hingegen ist die Tatsache, dass zwei Drittel der Psychopharmaka wegen Schlafstörungen verschrieben werden. «Dieser Gebrauch in Alters- und Pflegeheimen wird kritisch bewertet, da die Gabe solcher Medikamente wegen potenzieller Nebenwirkungen sorgfältig abgewogen wer den sollte», schreibt Kiss in seiner Arbeit.

Mehr Medikamente, zu wenig Pflegepersonal

Woran liegt es, dass Hausärztinnen und Hausärzte anscheinend zu oft Psychopharmaka verordnen? In Einzelgesprächen zur Studie hatten die befragten Hausärzte angegeben, dass Psychopharmaka häufig als Schlafmedikation eingesetzt würden, da die natürlich verringerte Schlafdauer von älteren Menschen nicht kompatibel sei mit dem Personalschlüssel der Alters- und Pflegeheimen. Kurz gesagt: Da es zu wenig Pflegepersonal hat, das sich um die Bewohnenden kümmern kann, sollen sie mehr schlafen.

Die Ärztinnen und Ärzte beurteilen weiter den Zugang zu psychiatrischer Hilfe für ihre Patienten aus den Alters- und Pflegeheimen als mittelmässig bis ungenügend. «Die psychiatrische Betreuung von Personen in Alters- und Pflegeheimen ist zeitlich wie auch fachlich eine Herausforderung für die betreuenden Hausärzte», schreibt Kiss dazu. Im Kanton Basel-Stadt gibt es kein Heimärztesystem. Hausärzte betreuen die Heimbewohnende und müssen darum Zeit für die Hausbesuche aufwenden. Gleichzeitig herrscht schweizweit bekanntlich ein Mangel an Hausärztinnen und Hausärzten, was die Problematik laut Studie verschärft.

Dienst könnte «den Antipsychotikagebrauch reduzieren»

Die Lösung der Problematik ist laut der Studie die Einrichtung eines ambulanten gerontopsychiatrischen Dienstes in Basel-Stadt. 89 Prozent der befragten Ärztinnen und Ärzte wünschen sich dies. Damit könnten sie in herausfordernden Situationen auf psychiatrische Unterstützung zurückgreifen.

«Der Dienst könnte in anspruchsvollen Situationen Betroffene, Pflegende und Angehörige unterstützen, bevor die medizinische Hilfe ausgeschöpft ist.» Monica Illenseer, Pflegedienstleiterin des Adullam Pflegezentrums Basel

«Der Dienst könnte in anspruchsvollen Situationen Betroffene, Pflegende und Angehörige unterstützen, bevor die medizinische Hilfe ausgeschöpft ist.» Monica Illenseer, Pflegedienstleiterin des Adullam Pflegezentrums Basel

zvg

Zudem kann ein ambulanter Dienst laut Studie «den Antipsychotikagebrauch reduzieren». Dies zeige sich am Beispiel von Lausanne. Eine 2018 durchgeführte Studie konnte nachweisen, dass der Einsatz von mobilen alterspsychiatrischen Teams die Anzahl der Hospitalisierungen senken. SP-Grossrätin Jessica Brandenburger nimmt die Studie zum Anlass für einen politischen Vorstoss.

Psychische Probleme als Grund für Eintritt in Pflegeheim

Diese Ansicht teilt auch Monica Illenseer. Sie leitet den Pflegedienst im Adullam Pflegezentrum und ist Vorstandsmitglied der Basler Sektion des Heimverbands Curaviva. Der ambulante Dienst wäre geeignet, um die verschiedenen Fachstellen zu koordinieren. «Und er könnte in anspruchsvollen Situationen Betroffene, Pflegende und Angehörige unterstützen, bevor die medizinische Hilfe ausgeschöpft ist», sagt Illenseer.

Gleichzeitig wehrt sie sich gegen die Darstellung, Ärzte würden Medikamente «mit der grossen Kelle verteilen». Vielmehr seien psychiatrische Probleme oftmals der Grund für den Eintritt ins Pflegeheim, weshalb die Verschreibung von Medikamenten daraufhin erfolgt.

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