Strafgericht
Havarie: War der Lotse schuld am Unfall?

Mit der Befragung der Angeklagten und Zeugen hat am Mittwoch in Basel der Strafprozess um eine Havarie auf dem Rhein mit zwei Toten begonnen. Wie sich das Unglück vom August 2012 abspielte, blieb am ersten Prozesstag umstritten.

Patrick Rudin
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Bei der Havarie im August 2012 überfuhr ein Güterschiff ein Vermessungsboot. Zwei Männer kamen dabei ums Leben.

Bei der Havarie im August 2012 überfuhr ein Güterschiff ein Vermessungsboot. Zwei Männer kamen dabei ums Leben.

Kenneth Nars

Der Unfall geschah am 31. August 2012, kurz nach 10 Uhr morgens: Das 85 Meter lange belgische Gütermotorschiff «Deo Favante» überfuhr unterhalb der Schwarzwaldbrücke das Hamburger Vermessungsboot «Level-A» und drückte es sogar für kurze Zeit auf vier Metern Tiefe auf den Grund.

Der 79-jährige Bootsführer des Vermessungsbootes starb bei dem Unfall, ebenso der 48-jährige Leiter des Vermessungsprojekts. Der 28-jährige Bordingenieur sowie ein gleichaltriger Student konnten sich mit einigen Schrammen aus dem havarierten Boot retten.

Mehrfache fahrlässige Tötung

Am Mittwoch begann vor dem Basler Strafgericht der Prozess gegen den 64-jährigen Lotsen, der das Gütermotorschiff zu jenem Zeitpunkt gesteuert hatte: Die Basler Staatsanwaltschaft hat ihn wegen mehrfacher fahrlässiger Tötung angeklagt. Der Beschuldigte sagte vor Gericht, er habe das Vermessungsboot im Bereich der Schwarzwaldbrücke kurz wahrgenommen, als er auf Höhe Wettsteinbrücke stromaufwärts fuhr. «Wenn mir ein Boot nicht entgegenkommt, nehme ich an, dass es auf der Bergfahrt ist», meinte er. Deshalb habe er nicht mehr darauf geachtet. «Ich habe es nicht mehr gesehen. Da dachte ich, es ist weg in Richtung Birsfelden».

Einen Ausguck am Bug des Motorschiffes habe es gegeben, betonte der Lotse, Kontakt zu ihm hatte er allerdings keinen: «Das macht der Schiffsführer. Ich bin nur da, um zu fahren», gab er zu Protokoll. Inzwischen ist allerdings bekannt, dass der Schiffsführer zum Zeitpunkt des Unfalles nicht im Steuerhaus war. Der Mann aus Belgien war als Zeuge vorgeladen, wollte allerdings keine zusätzlichen Fragen beantworten.

Die Staatsanwaltschaft sieht aber den Lotsen in der Verantwortung, nicht den belgischen Schiffsführer, was dessen Verteidiger in seinem Plädoyer am Donnerstag wohl detailliert kritisieren wird.

Weshalb der verstorbene Kapitän des Vermessungsbootes das mit rund sieben Stundenkilometern relativ langsam bergwärts fahrende Gütermotorschiff nicht gesehen hat, wird wohl nie geklärt werden. Der 28-jährige Student der Vermessungsgruppe wurde dazu befragt, konnte aber zum Unfallhergang nichts beitragen: Er habe plötzlich eine «Wand» gesehen, dann habe es auch schon gekracht.

Der angeklagte Lotse betonte mehrmals, das Vermessungsboot müsse seitlich vor seinen Bug geraten sein, dies hätten auch Zeugen an Land bestätigt. «Es war im toten Winkel.» Das Gütermotorschiff verfügt eigentlich über vier Kameras: Je eine nach vorne und hinten sowie auf beiden Seiten nach vorne. Der Lotse wusste aber nicht mehr, ob die Kameras in Betrieb waren. Bis zum Unfall steuerte der Lotse vier bis fünf Schiffe pro Tag durch Basel, inzwischen ist er pensioniert.

Urteil am Freitag

Ebenfalls wegen fahrlässiger Tötung angeklagt ist ein 60-jähriger ehemaliger Kadermitarbeiter der Schweizerischen Rheinhäfen: Seine Disponenten in der Revierzentrale hätten die Schiffsführer über die Messfahrt entlang der Schwarzwaldbrücke warnen müssen, er als Bereichsleiter Schifffahrt habe es aber unterlassen, entsprechende Anweisungen zu geben.

«Die Kleinfahrzeuge behindern die Grossschifffahrt ja in keiner Weise. Taxiboote können in jeglicher Richtung hin- und herfahren, darüber wird auch niemand informiert», verteidigte sich der Mann vor Gericht. Seit jenem Unfall informiere man aber freiwillig über Messfahrten. Vorgeschrieben sei dies jedoch nicht.

Am Donnerstag halten Staatsanwaltschaft und Verteidigung ihre Plädoyers. Einzelrichterin Kathrin Giovannone fällt ihr Urteil am Freitag.

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