Basel
Helmut Hersberger: Von der Verbrecherjagd zum Regierungspräsidenten

Helmut Hersberger, 61, will es wissen. In gut zwei Wochen präsentiert er sich bei der Parteiversammlung der FDP Basel-Stadt nicht nur als einer von vier Regierungsratskandidaten, sondern auch als Aspirant auf das Amt des Regierungspräsidenten.

Christian Mensch
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Helmut Hersberger: Vogelkundler, Privatermittler - bald Regierungsrat?

Helmut Hersberger: Vogelkundler, Privatermittler - bald Regierungsrat?

Zur Verfügung gestellt

Helmut Hersberger, einziger Grossrat aus Bettingen, möchte sein Hobby, die Politik, zum Beruf machen. Er ist bereit zu einem neuen Lebensabschnitt.

Es wäre die dritte Stufe in Hersbergers beruflicher Karriere. Die erste führte steil nach oben. Als Ökonom mit dem Gütesiegel HSG ging er mit 24 Jahren in die USA, wo er vier Jahre lang in der internen Revision der Sperry Rand wirkte. Der Elektronikkonzern mit Nähe zur Rüstungsindustrie ist heute unter dem Namen Unisys bekannt. Anglophil ist Hersberger geblieben.

Ehrgeizig und machtbewusst

Seit 1979 war Hersberger zurück in der Schweiz, wo er beim Basler Holzhandelskonzern Hiag anheuerte. Ehrgeizig, machtbewusst arbeitete er sich nach oben und wurde Finanzchef des Handelskonzerns. Er sei sehr ambitioniert gewesen, erzählt sein einstiger Patron Gustav Grisard. Ein Aufstieg an die Konzernspitze war ihm jedoch ein Ding der Unmöglichkeit; diese Position war für den Grisard-Spross Felix reserviert.

Nach zwölf Jahren Hiag war die erste Berufsphase abgeschlossen. Ein Erlebnis führte ihn in die nächste: Bei der Hiag kam es zu einer Unterschlagung, ein Mitarbeiter hatte Geld abgezweigt. Hersberger, der Finanzchef persönlich, machte sich als Ermittler auf und wurde fündig, erzählt Grisard. Kurz darauf musste er seinen Finanzchef mit lobenden Worten ziehen lassen.

Hersberger machte sich 1991 selbstständig. Er gründete die Orna Management, ein auf Wirtschaftsdelikte spezialisiertes Beratungsunternehmen. Mit von der Partie war Ueli Dietiker. Der heutige Finanz- und stellvertretende Konzernchef der Swisscom bestätigt: «Helmut und ich haben zusammen Fussball gespielt und wir wollten gemeinsam etwas aufbauen.» Doch dann ging Dietiker zur Cablecom und Hersberger musste sich neue Partner suchen. Er hatte Kontakte zu britischen Privatermittlern und aus Hiag-Zeiten kannte er Michael Dietrich, der sich ebenfalls für das Betrugsgeschäft begeistern konnte. Zusammen wollten sie die Orna Management zum Fliegen bringen.

Den Namen «Orna» brachte Hersberger ein. Er steht für Ornithologie, Vogelkunde, ein Hobby Hersbergers. Das Firmenemblem ist ein stilisierter Steinkauz, eine Eulenart. Ein genau beobachtender Vogel, das ideale Wappentier für ein auf Betrug und Geldwäscherei spezialisiertes Beratungsunternehmen.

Auf verschiedene Beine wollte Hersberger die Orna stellen. Mit der Orna Management das Buchprüfer-Geschäft betreiben, mit der Orna Corporate Security Privatermittlungen besorgen, mit der Orna Net das neue Feld der IT-Kriminalität aufrollen. Darüber war eine Orna Holding gespannt. Ob das Geschäft erfolgreich lief, ist nicht zu überprüfen.

Vertraulichkeit ist das Gebot des Geschäfts

Hersberger erzählt etwa von einem Fall: Für eine Privatperson, die um einen zweistelligen Millionenbetrag geprellt wurde, hätten sie den Täter ermittelt, in Südafrika sei es zu einem Zivil- und einem Strafverfahren gekommen. Oder ein anderer Fall: Sie hätten für eine Unterorganisation der Welternährungsorganisation WHO eine Untersuchung vorgenommen. Genaueres, sagt Hersberger, könne er nicht sagen. Vertraulichkeit sei das Gebot dieses Geschäfts.

Nur Ungefähres: 30 Prozent der Kundschaft sei schweizerisch, 40 Prozent europäisch, 30 Prozent aussereuropäisch. Oder: Zwei Drittel der Auftraggeber stammten aus der Industrie, viele grosse Publikumsgesellschaften würden mit der Orna zusammenarbeiten. Sie seien ein führendes Unternehmen. Referenzen könne er aufgrund der Vertraulichkeit aber leider keine beibringen. Umsatzzahlen ebenso wenig. «Wir sind keine börsenkotierte Firma», sagt Hersberger.

Fakt ist, dass die Orna-Gruppe mittlerweile wieder aus einer Firma besteht, mit einem Mitarbeiter: Helmut Hersberger. Das Aktienkapital schrumpfte von zwischenzeitlich 660000 Franken auf 100000 Franken. Hersberger redet zwar konsequent von «wir», doch Mitarbeiter finden sich keine in seinem Büro an der Freien Strasse. Er sagt dazu, er arbeite nicht mehr mit Mitarbeitern, die er ohnehin vor allem auszubilden hätte, sondern mit selbständigen Spezialisten. Benennen kann er sie nicht. Vertraulichkeit ist erneut sein Argument. Eine Ausnahme ist John Westall. Der Brite, ehemals Londoner Dedective der Metropolitan Police, führt in Australien die Orna (Asia) Pty. Ltd. Hersberger sagt, er sei dort Minderheitsaktionär. Westall schreibt auf seiner Homepage, die Orna-Gruppe habe Niederlassungen in Frankfurt und Paris. Davon weiss Hersberger nichts.

Als Politiker tritt Hersberger mit Verkehr-, Umwelt- und Regio-Themen auf, als Berufsmann als Experte in Sachen Wirtschaftskriminalität und Korruption. Er konnte in der Presse einige Beiträge publizieren, der «Tages-Anzeiger» befragte ihn 2009 als Fachmann für internationale Korruption. Der Öffentlichkeitsschub kam nicht von ungefähr: Seit 2009 ist Hersberger im Vorstand von Transparency International (Schweiz). Sein Fürsprecher war Toni Fritschi, der ehemalige Präsident der Vereinigung. Fritschi ist Parteikollege, ehemaliger Landrat und Arlesheimer Gemeinderat. Dieses Wochenende möchte Fritschi dort wiedergewählt werden.

Der Betrugsspezialist bei der Kantonalbank

Auch Hersberger möchte gewählt werden. Seit 2005 vertritt er das «Aktive Bettingen» im Basler Grossen Rat. Die Wiederwahl 2008 erfolgte mangels Mitbewerber kampflos. Als Mitglied der FDP-Fraktion ist er seit 2006 auch Bankrat der Basler Kantonalbank. Als Betrugsspezialist, könnte man meinen, hätte Hersberger dort etwas zu sagen, etwa zu den Governance-Problemen der Kantonalbank mit ihrem US-Geschäft. Doch Hersberger winkt ab. Sein Rat sei schon gefragt, doch öffentlich äussern könne er sich nicht. Vertraulichkeit.

Im Herbst will Hersberger nun in die Basler Regierung. Als Gegenkandidat zum grünen Regierungspräsidenten Guy Morin stellt er sich seiner Partei zur Verfügung. Die Ambition macht Sinn. Er wäre der Aussenminister, heute präsidiert er den Oberrheinrat. Mit dem Geschäft der Betrugsbekämpfung würde Hersberger abschliessen. Die Orna wolle er in andere Hände geben, sagt er. Oder vielleicht dieses Kapitel einfach nur abschliessen und dann die dritte Stufe seines Berufslebens zünden, als Berufspolitiker. Ein weiteres Mal dann aus einer Passion einen Beruf machen. Klappt dies nicht, dann bleibt ihm weiter die Ornithologie.