Coronavirus
Im Elsass regiert die Vorsicht vor Corona

In Saint-Louis und Huningue spüren Kulturschaffende und Restaurants nach dem harten französischen Lockdown einen fragilen Aufschwung.

Alexandra von Ascheraden
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Hygienemasken sind im Strassenbild von Saint-Louis präsenter als etwa in Basel.

Hygienemasken sind im Strassenbild von Saint-Louis präsenter als etwa in Basel.

Kenneth Nars

Masken im Strassenbild, abgesagte Veranstaltungen, weniger Umsatz – all das kennt man auch in Basel. Im Elsass agieren die meisten aber noch immer deutlich verhaltener als in der Schweiz. Masken, Abstand, Treffen nach Möglichkeit im Freien – die Vorsicht bleibt, da das Virus hier stark zugeschlagen hat. Die Sehnsucht nach einem Leben wie vor Corona ist hier gross – aber die Vorsicht bleibt.

Wenn die Elsässer Pendler am Novartis Campus, am Spital oder der Endstation Fischmarkt aus dem blauen Distribus steigen, nehmen nur wenige umgehend ihre Masken ab. Anders als viele Basler, die noch beim Ausstieg aus dem Tram hinters Ohr greifen, um das lästige Gummiband zu lösen. Die anhaltende Vorsicht vieler Elsässer kommt nicht von ungefähr. Im Frühjahr, während der ersten Hochphase der Pandemie, waren die Intensivstationen überfüllt, während die Lage im grenznahen Deutschland und der Schweiz stets beherrschbar blieb.

 Pfarrer Schluchter: «Das ist den Leuten sehr präsent.» 

Pfarrer Schluchter: «Das ist den Leuten sehr präsent.» 

Alexandra von Ascheraden

«Das ist den Leuten noch sehr präsent. Sie haben sehr nah erlebt, was das Virus anrichten kann», sagt Christian Schluchter, protestantischer Pfarrer für Saint-Louis und die umliegenden Gemeinden. Mulhouse benötigte gar ein zusätzliches Militärspital, das eilends auf einem Parkplatz errichtet werden musste. «Viele Familien haben liebe Menschen verloren, ohne sie begleiten zu dürfen. Im Spital waren wegen der Infektionsgefahr keine Besuche erlaubt. Die Pflegekräfte, die über Wochen bis zur Erschöpfung gekämpft haben, mussten immer wieder erleben, welch unschöner Tod das Sterben mit dem Virus ist. Das vergisst man nicht.»

Kino hat erst vor Kurzem wieder eröffnet

Die Sehnsucht nach Normalität ist gross, wenn auch die Mehrheit weiterhin vorsichtig bleibt. Das Kino in Saint-Louis hat vor wenigen Wochen wieder eröffnet. Die Theatersäle in der Region beginnen, ihr Winterprogramm vorzustellen. Vergangene Woche fand erstmals seit Januar eine grössere Kulturveranstaltung in Huningue statt – mit mehreren französischen Ensembles und der Arlesheimer Zirkustruppe Fahr Away.

«Wir waren froh, dass die Leute gewagt haben, zu kommen. Das Publikum hat endlich wieder Lust auf Live-Veranstaltungen», freut sich Jacques Lamy-Chappuis, Direktor des Kulturzentrums Triangle in Huningue. Er hat den strengen französischen Lockdown damit verbracht, die nächste Saison zu planen. Die Verträge mit Artisten, Künstlern und Musikern sind nun bis Juni 2021 unter Dach und Fach. «Ich sass die meiste Zeit mutterseelenallein mit dem Telefon im Triangle. Das war schon seltsam», sagt Lamy-Chappuis.

Jetzt beobachtet Lamy aufmerksam den Verlauf der Infektionskurven. Dieser entscheidet darüber, wie viele Eintrittskarten sie überhaupt verkaufen dürfen. Zur Zeit ist der Haut-Rhin, anders als die Region um Strassburg, noch als «zone verte» eingestuft und unterliegt daher nur moderaten Beschränkungen, die denen in Basel ähneln. Demnächst startet der Vorverkauf für Huningues wichtigstes Festival «Complicité». Dazu reisen für zehn Tage im Januar jeweils Künstler aus ganz Frankreich an.

Vorschriftenregen aus Paris

Falls die Zahl der Neuinfektionen stabil bleibt, kann der Triangle-Saal komplett gefüllt werden. Sollten im Haut-Rhin über 50 Neuinfektionen pro Tag registriert werden, sind gewisse Einschränkungen nötig, wie sie im Bas-Rhin um Strasbourg bereits gelten. Dann muss jeder zweite Platz frei gelassen werden. Die Hälfte des Kartenkontingents kann daher nur kurzfristig freigegeben werden. Es bleibt dem Triangle nur die rollende Planung. Und die Hoffnung, dass das Publikum mitzieht.

Um letzterem die Schwellenangst zu nehmen, organisiert die Equipe des Triangle seit einigen Wochen zudem kleine Gratis-Konzerte mit lokalen Musikern. Wenn möglich finden diese draussen statt, auch um die Leute in zwangloser Atmosphäre zur Kultur zurückzuholen. Lamy-Chappuis erklärt: «Ich tausche mich immer wieder mit den Kollegen der umliegenden Veranstaltungssäle aus. Sie alle haben nur etwa ein Drittel ihres Stammpublikums zurückgewonnen. Die meisten Zuschauer warten noch ab.» Dazu kommen laufend neue Vorschriften. Lamy-Chappuis führt aus: «Ich bin ständig am Lesen neu eingetroffener Regelungen. Zum Glück sind wir gut vernetzt. Die Berufsverbände beraten tatkräftig, wie wir die Paragrafen aus Paris in der Praxis umsetzen müssen, um rechtlich abgesichert zu sein.»

Nicht nur Kulturschaffende, auch Restaurants und Bars spüren einen vorsichtigen Aufschwung. Vor allem, wenn sie über Aussenflächen verfügen, innen sitzen wollen nur wenige. Spielt das Wetter nicht mit, wird eben auf den Restaurantbesuch verzichtet. Célia Kloetzlen vom Restaurant Autour de la table in Huningue berichtet: «Wir haben bereits Gäste, die uns sagen ‹Wir kommen noch schnell, bevor es im Winter schwierig wird, wir wollen nicht drinnen sitzen›.»

Schweizer Kunden bleiben noch immer fern

Mit dem Lockdown hat Kloetzlen, wie viele andere Kollegen, ein Take-away-Angebot auf die Beine gestellt, um trotz Zwangsschliessung etwas Umsatz zu generieren. «Manche Kunden haben bis heute keinen Fuss in ein Restaurant gesetzt und holen ihr Menü nach wie vor ab. Auch die Schweizer Geschäftsleute, die regelmässig Kunden und Geschäftspartner zu uns eingeladen haben, konnten wir noch nicht zurückgewinnen», fasst sie zusammen. Viele seien nach wie vor im Homeoffice. Und bei den einen oder andern wirken vielleicht auch die Schlagzeilen aus dem Frühjahr nach.

Dabei hatte ausgerechnet 2020 für das Restaurant mit einem Paukenschlag begonnen. Im Februar war nach jahrelanger Vorbereitung endlich die Aufnahme in den Guide Michelin gelungen. «Wir hatten gerade die Bestätigung erhalten und waren dabei, die lokale Presse zu informieren, als ganz Frankreich über Nacht in den Lockdown geschickt wurde», bedauert Küchenchef Rode Niarfait.

Immerhin kann er sein Können nun wieder bei Familienfeiern und Hochzeiten zeigen, die langsam, wenn auch im eher kleinen Rahmen, wieder in seinem Restaurant gebucht werden. Vor wenigen Wochen wurde endlich das Guide-Michelin-Schild geliefert. Niarfait hat es umgehend neben die Eingangstür geschraubt.

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