Im gleichen Verlag wie «Harry Potter»
Das ist Weltklasse: Zwei Basler schreiben das Vogelbuch des Jahres

Raffael Winkler und Lukas Jenni werden für ihr Monumentalwerk über die Altersbestimmung von Zugvögeln mit Lob und Preisen überschüttet. Doch das hat in ihrer Heimatstadt noch kaum jemand mitbekommen.

Bojan Stula
Drucken
Teilen
Die beiden Basler Ornithologen Lukas Jenni (links) und Raffael Winkler haben ein Buch über Zugvögel geschrieben, das weltweit auf Beachtung stösst.

Die beiden Basler Ornithologen Lukas Jenni (links) und Raffael Winkler haben ein Buch über Zugvögel geschrieben, das weltweit auf Beachtung stösst.

Zvg Vogelwarte Sempach / bz Zeitung für die Region

Es ist die Krönung einer Lebensleistung, wie man sie allen Forschenden nur wünschen kann. «Die enorme Arbeit, die darin steckt, und die hohe Qualität der Illustrationen gewährleisten, dass dieses Buch ein würdiger Gewinner ist. Es ist eine ebenso informative wie verständliche Einführung in die Welt des Gefiederwechsels sowie eine unverzichtbare Quelle.»

Gemessen am britischen Understatement kann man wohl kaum ein Werk euphorischer preisen, als es Preisrichter Stephen Menzie von der renommierten Zeitschrift British Birds tut. Vor wenigen Tagen ist «Moult and Ageing of European Passerines» von British Birds und dem British Trust for Ornithology als «Bestes Vogelbuch des Jahres 2020» ausgezeichnet worden. Die Konkurrenz war hart, der 336 Seiten starke Band musste sich zuerst gegen 50 nominierte Titel aus der ganzen Welt und anschliessend auf einer Siebner-Shortlist durchsetzen. Dabei sei «Moult» vielleicht die spezialisierteste Untersuchung auf der Shortlist gewesen, aber von unbestrittener Bedeutung. So begründete die britische Expertenjury ihre Wahl.

Gemeinschaftswerk von Vogelwarte Sempach und Naturhistorischem Museum Basel

Hier in der Region und ausserhalb der Fachwelt dürfte diese bedeutende Auszeichnung noch kaum jemand mitbekommen haben. Dabei stammen die beiden Autoren aus Basel. Mit «Moult and Ageing of European Passerines» legen Lukas Jenni (65) und Raffael Winkler (72) eine Synthese ihrer jahrzehntelangen gemeinsamen Forschungen vor. Jenni stand bis zu seiner Pensionierung vor einem Jahr als Institutsleiter und Titularprofessor der Vogelwarte Sempach vor. Winkler kuratierte als promovierter Zoologe bis zu seiner Pensionierung 2012 die Vogelsammlung des Naturhistorischen Museums, das er weiterhin mit seinem Fachwissen unterstützt. «Es ist also ein Gemeinschaftswerk zwischen Schweizerischer Vogelwarte Sempach und Naturhistorischem Museum Basel», betont Winkler. Und mit einem Augenzwinkern könnten die beiden Ornithologen vermerken, dass ihr Buch vom gleichen Verlag Bloomsbury publiziert worden ist, der auch die «Harry Potter»-Reihe von J. K. Rowling herausgibt.

Spezialisiert ist «Die Mauser und Altersbestimmung europäischer Zugvögel», so eine ungefähre Titelübersetzung, in der Tat. Ihr Buch richte sich insbesondere an die vielen, meist ehrenamtlichen Vogelberinger, die beispielsweise auf der Ulmethöchi bei Lauwil und Hunderten von anderen europäischen Beringungsstationen jeweils im Frühjahr und Herbst Zugvögel markieren.

Winkler erklärt die Hintergründe: Während die Artenbestimmung der zur Beringung eingefangenen Zugvögel anhand von Bestimmungsbüchern relativ einfach sei, stelle die Feststellung des Vogelalters die Hobby-Ornithologen vor ungleich grössere Probleme. Denn für eine zuverlässige Unterscheidung zwischen Alt- und Jungvögeln seien spezifische Kenntnisse über die Unterschiede in der Mauser, also dem Gefiederwechsel, unabdingbar.

«Deshalb dieses Buch», folgert Winkler:

«Diese Unterschiede werden in dem Buch für 74 häufig gefangene Vogelarten beschrieben und mit Fotos von Flügeln von Alt- und Jungvögeln illustriert. Flügel deshalb, weil hier die Unterschiede in Färbung und Abnutzung der Federn zwischen Alt- und Jungvögeln besonders zur Geltung kommen.»

Dieser allgemeine, gesamteuropäische Anspruch ist auch der Grund dafür, wieso es «Moult» nur auf Englisch gibt und geben wird. Der deutschsprachige Markt allein wäre für ein solches Buchprojekt zu klein gewesen. Das selber in 40 Forschungsjahren und auf Beringungsstationen gesammelte Expertenwissen von Jenni und Winkler floss bereits 1994 in ein Vorläuferwerk. Die jetzt ausgezeichnete zweite Auflage haben die Beiden wesentlich erweitert und zusätzlich illustriert. Zahlreiche der Bilder stammen vom Binninger Tierfotografen Thomas Degen.

Es werden nur noch kleinere Aufsätze folgen

Für Raffael Winkler steht fest, dass dies sein letztes Buchprojekt gewesen ist. Von ihm werden nur noch kleinere Aufsätze in Fachzeitschriften folgen. Umso erfreuter hat er die Auszeichnung aus England entgegengenommen: «Die Auszeichnung Best Bird Book of the Year 2020 ist für mich wie eine Goldmedaille an einer Europameisterschaft.»

Wer Jennis und Winklers Werk sein eigen nennen möchte, sollte sich beeilen. Bloomsbury hat bereits die gesamte Auflage an Buchhandlungen weltweit ausgeliefert. Im Versandhandel ist es jedoch noch erhältlich, ebenso ihr themenverwandtes Buch «The Biology of Moult in Birds». Nicht nur Expertenjurys, auch die Leserbewertungen überschlagen sich mit Lob. Beim Online-Versandhändler Amazon vergeben sämtliche verifizierten Käufer die Maximalnote von 5 Sternen. Ein Zeichen dafür, dass «Moult» nicht nur EM-Gold gewonnen hat, sondern eigentlich Weltklasse ist. Das hat, wie stets bei Fachbüchern, seinen Preis: Im E-Shop der Vogelwarte kann es für 125 Franken bestellt werden, bei Bloomsbury für rund 85 Pfund.

Aktuelle Nachrichten