Heimwehbasler

Im Ritterhause Chasa de Capol in Santa Maria werden Gäste auf Baseldeutsch empfangen: «Eine gute Sprache verlernt man nie»

Wurde nolens volens zum Hotelier: Ernst Schweizer vor seinem Ritterhaus. (zvg)

Wurde nolens volens zum Hotelier: Ernst Schweizer vor seinem Ritterhaus. (zvg)

Die bz besucht in diesem Sommer mehrere ausgewanderte Basler Persönlichkeiten in der neuen Heimat. Dieser Ausflug führt zu Ernst Schweizer im Val Müstair in ein historisches Hotel. Zu seinen Gästen zählten Adenauer und Albert Hofmann.

Wer nach dem Ofenpass im Val Müstair Richtung Landesgrenze fährt, dem sticht im Dorfkern von Santa Maria das mit Sgraffiti verzierte herrschaftliche Gebäude und der daneben parkierte schwarze Citroën Traction Avant, Jahrgang 1934, ins Auge. Haus und Auto gehören E.T.A. – Ernst Theodor Amadeus – Schweizer. Der Basler führt in Santa Maria in einem Ritterhaus aus dem 12. Jahrhundert ein historisches Hotel. Obwohl der 87-Jährige vor über einem halben Jahrhundert vom nordwestlichsten in den südöstlichsten Zipfel der Schweiz gezogen ist, empfängt er seine Gäste in astreinem Baseldytsch. «Eine gute Sprache verlernt man nie», scherzt er.

Das Verhältnis zu seiner Wahlheimat ist kompliziert: Schweizer spricht fliessend Rätoromanisch und kennt das Tal und seine Geschichte besser als die meisten Einheimischen. Für diese sei er dennoch keiner von ihnen. Gemeindeversammlungen besucht er nicht. Als vor wenigen Jahren eine neue Bettensteuer eingeführt werden sollte, legte er sich mit den Behörden des Tals an. Die Leute im Dorf seien ihm mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Respekt begegnet, sagt Schweizer. «Griezi sagen wir einander aber alle.»

Junger Bohemien grenzte sich von der Familie ab

Ernst Schweizer ist wegen der Chasa de Capol im Val Müstair gelandet. «Das Haus sucht sich seine Gäste – seit Jahrhunderten», sagt er. Die Schweizers aus Binningen verbrachten nach dem Zweiten Weltkrieg die Sommerferien jeweils im Val Müstair. Vom Hotelzimmer aus hatte er Aussicht auf die Chasa de Capol, die einsam, verwunschen und als einziges Haus im Dorf ohne Geranien vor dem Fenster dastand. Der junge Ernst verliebte sich in den einstigen gräflichen Sitz, der zu jener Zeit seit über einem Jahrhundert leerstand. Über das Haus kursierten im Dorf schaurige Spukgeschichten. Es hatte weder fliessendes Wasser noch elektrisches Licht und ein Plumpsklo.

«Der Wind blies durchs Haus wie durch einen Vogelkäfig», erinnert sich Schweizer. Dennoch war es für den unbekümmerten Bohemien, der zu jener Zeit Musik in Basel und am Mozarteum in Salzburg studierte, die passende Bleibe: «Ich wollte ein Schloss haben, in dem ich tun und lassen konnte, was ich wollte.» Damit grenzte er sich auch von seiner Familie ab, in der Karriere gross geschrieben wurde. Ernsts älterer Bruder Rolf zählte als späterer CEO von Sandoz und Chef von Clariant zur hiesigen Wirtschaftselite.

Ernst Schweizer führte im geräumigen Ritterhaus Kurse und kleine Konzerte durch. Dank des Vorschusses, den er für die Musik zu einem Film von France Tourisme erhielt, konnte er 1962 das zuvor gemietete Haus kaufen. Daraus ein Hotel zu machen, wäre ihm allerdings nie in den Sinn gekommen. Ein guter Freund, der in Bonn als Auslandkorrespondent für eine Schweizer Zeitung tätig war, drängte ihn, auch Gäste aufzunehmen. Plötzlich stand eines Tages der damalige Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier vor der Tür. In der Folge besuchte fast die gesamte politische Elite der jungen Bundesrepublik das kleine Val Müstair: Konrad Adenauer, Ludwig Erhard, Theodor Heuss, Heinrich von Brentano. In der altehrwürdigen Chasa de Capol wurden gar Bundestagsausschusssitzungen abgehalten. «So bin ich nolens volens zum Hotelier geworden», meint Schweizer schulterzuckend.

Dank der Einkünfte der ersten Gäste konnte Schweizer das Haus renovieren und geschmackvoll einrichten. Lange galt es als erste Adresse zwischen St. Moritz und Meran. Zu Schweizers Stammgästen zählte unter anderen der Basler LSD-Entdecker Albert Hofmann. In der heutigen vielfältigen Hotellandschaft zählt die Chasa de Capol zu den Mittelklassehäusern, dies allerdings mit ausgeprägt eigenständigem Charakter. Das Haus verströmt mit seinen gotischen Gewölben noch immer den Geist des Mittelalters, Schweizers Sohn Ramun kocht auf einem Holzofen und verwendet Kupferpfannen, wie es vor Jahrhunderten üblich war. Im hauseigenen Theater steht ein Steinway-Flügel, der noch immer rege benutzt wird. Man könnte das Ritterhaus als Kulturhotel bezeichnen, doch Schweizer mag den Begriff nicht: «Das ist abgegriffen.»

Auf Trends und Konventionen in der Hotellerie pfeift Schweizer. In der Chasa de Capol sieht jedes der zwölf Zimmer anders aus. «Für die Honorierung der Leistungen wird Barzahlung erbeten», heisst es im Hotelprospekt. Auf Tripadvisor gibt ein Stammgast eine Gebrauchsanleitung: Das Ritterhaus sei nichts für Pauschaltouristen und solche, die sich an gängigen Standards orientierten. Wer indes bereit sei, sich auf das spezielle Haus mit seinen Ecken und Kanten einzulassen, der werde mit einem aussergewöhnlichen Erlebnis belohnt.

Basler Fasnacht ist noch immer ein Pflichttermin

In der Chasa de Capol sind Haus und Gastgeber eins. Doch trotz der speziellen Verbundenheit vermisst Schweizer Basel. Die 300 Kilometer lange Autofahrt quer durch die Schweiz nimmt er jedes Jahr mehrere Male auf sich: Ein Pflichttermin ist für ihn die Basler Fasnacht. Solange es die Muba gab, verkaufte er an seinem eigenen Stand die Tropfen seines Südtiroler Weinbergs. Jedes Jahr lädt er zudem ins Wettsteinhaus in seinem Bürgerort Riehen zur Weinverkostung.

An Basel vermisse er alles, was es im Val Müstair nicht gibt. Eine gewisse Anonymität zum Beispiel: «Ich geniesse es, in Basel ohne ständig erkannt zu werden, durch die Innenstadt zu schlendern.» Und hat er doch Lust auf Geselligkeit, so geht er in die nächste Baiz. Dort trifft er sicher jemanden, mit dem er einen Schwatz halten kann.

Meistgesehen

Artboard 1