Kunst in den Bergen

Im Safiental: Kunst als wilde Schafsjagd

Der Basler Künstler Denis Handschin macht alles zur Kunst. Derzeit lässt er sich im Safiental zum Schafhirten ausbilden. Ein Besuch.

Er sammelte Strandgut an den Buchten der Osterinsel. Er war Poolprüfer für Tui, in Griechenland, der Türkei und Tunesien. Und nun hütet er auf einer Alp im bezaubernden Safiental Schafe. Denis Handschin, so könnte man meinen, ist ein echter Lebenskünstler: Er reist an beneidenswert schöne Orte, arbeitet in Jobs, auf die man erst mal kommen muss, und hat sein Zuhause zugunsten eines nomadischen Lebensstils aufgegeben.

Wer seine Social Media Profile in den letzten Jahren verfolgte, fand ihn mal als Mitarbeiter einer Kulturinstitution in Berlin, mal als Betreuer für Jugendliche in schwierigen Situationen in Südfrankreich, mal als Regenwald-Bewohner oder in der Atacama-Wüste, einem der lebensfeindlichsten Orte der Welt.

Handschin ist ein Vollblutkünstler, und zwar in einer Konsequenz, die hierzulande seinesgleichen sucht. Kompromisse macht er kaum, eine typische Ausstellung oder auch nur Vernissage sucht man vergebens. Kunst bedeutet hier nicht das Kunstwerk, sondern das Spontane, das Unwägbare, eine Situation, eine Geste, eine Idee, der zündende Gedanke, der göttliche Funke. Darin geht Handschin auf.

Alles, was als Kunst erkennbar wäre, fehlt

«Daily Sheep News« heisst Handschins neustes Projekt. Wie stets hat er mit seiner Ausschreibung an offene Türen geklopft, bekam Geld für seine Idee, diesmal vom Migros-Kulturprozent. Sein Gastgeber ist nun schon im zweiten Jahr die Art Safiental, ein biennales Festival mit junger, gewagter Kunst in einem der abgelegensten, ursprünglichsten Bergtäler der Schweiz.

Handschins Ziel: Seine Ausbildung zum Schafhirten, die tägliche Arbeit als Schäfer und Hirte mittels modernster Kanäle zu dokumentieren, augenzwinkernd, an ein urbanes Publikum gerichtet, das den Kontext hin zu #Sarc, Comic Sans und den «Sheeple» selber herstellt.

Alt trifft auf neu, analog auf digital. Ein reizvoller, nahe liegender Kontrast. So scheint es zumindest, denn mit Interpretation oder allzu deutlichen Querverweisen hält sich Handschin betont zurück. Neben seinem Instagram-Account, einem mehrheitlich verwaisten Blog, gibt es nicht viel zu sehen: ein von Hand angeschriebener Briefkasten, ein leer geräumtes Café, «Z Cafi», mitten im Dorf gelegen, wohl als Showroom gedacht.

Hier hat Handschin im Gang zusammengetragen, was er so an Schaf-Artefakten besitzt: ein Paar Wollschafe als Model, ein Buch über Schafe, eine Sammlung von Post-its zum Thema und ein halbes Dutzend «Schleckskulpturen». Von Schafen in teils faszinierende Form geleckte Salzsteine. Dieses Sammelsurium macht das Ganze aus. Oder eben auch nicht.

Alles, was auf den ersten Blick als Kunst erkennbar wäre, ein originalgetreues Schafsgemälde etwa oder ein rhythmisch zusammengeschnittener Film übers Hirtenleben, das fehlt. Das Leben selbst, so scheint es, ist hier die Kunst: Der Moment, als Handschin, 39, sich seinen grossen Hirtenhut mit Feder aufsetzt, den Hirtenstab, einen Holzstock, in die Hand nimmt und runter zieht, von der Bruschgalp ins Tal, wohin er seine Herde inzwischen gebracht hat, durch’s Dörfli und dessen Gassen geschleust, bewacht von zwei Hirtenhunden, die jeden alten Heimatfilm aufwerten könnten.

Die Herde lebt im Tal. Handschin allerdings wohnt bei Bergbauern, ganz oben am Kamm des Safientals, in Zalön. Mitbringen kann er da leider niemanden, das sehen die Bauern nicht gerne. So steigt er seit über drei Monaten Nacht für Nacht alleine hoch zur Alphütte. Früh am nächsten morgen, nachdem er im Stall nach den anderen Tieren gesehen hat, steigt Handschin hinunter und schaut nach seiner in der Talsenke grasenden Herde. Tag für Tag.

Er füttert die Jungen, gibt Milch, instruiert die Hunde, erklärt jedem möglichen Zuhörer die Unterschiede zwischen den Heidschnuck- und Spiegelschafen, den beiden Rassen seines Trosses, zeigt das obligate schwarze Schaf, zählt alle, und zieht mit ihnen weiter zur nächsten Weide.

Ein Leben mit Schafen, für die Herde, in einem abgelegenen Bündner Tal also. Wo ist der Clou? Wo ist die Kunst? Handschin zeigt und erklärt gerne und gekonnt die technisch aufwendigen Werke seiner Kollegen, welche diese für die Art Safiental und deren Thema, «Analog Digital», gefertigt haben.

Er selbst hat ganz andere Ambitionen. Sein Steckenpferd ist die Prozessarbeit: Alles, was er macht, verarbeitet, erlebt, ist Teil eines grösseren Ganzen, einer eigentümlichen kreativen Dynamik, oder noch höher gegriffen: einer komplexen Entfaltung.

Im Reinen mit sich und der Kunst als oberstes Prinzip

An Ausstellungen im herkömmlichen Sinn denkt Handschin kaum noch. Vielleicht organisiere er sich einen Wohnwagen und fahre damit zu seinem nächsten Projekt, wo und wann auch immer sein Konzept als Nächstes angenommen werde: «Ich verweigere mich dem Schaffensdruck, ich verweigere mich dem Kunstmarkt. In den letzten Saisons habe ich darum höchstens noch unter Pseudonym präsentiert.»

Lieber bastelt er Abfallkunst im Korb an einem abgelegenen Strand. Das zu zeigende Artefakt, das Produkt des Prozesses ist unwichtig und darf verschwinden. Handschin will Kunst als allumfassendes Unterfangen, als wilde Schafsjagd über die Bündner Berge, bis hin zum Einswerden mit seiner Herde bei Sonnenuntergang.

Das sei die eigentliche Kunst, erklärt er beim feierabendlichen Calanda im «Turrahus». «Allein das Festhalten an sich ist eigentlich schon eine Aufspaltung, ein Akt, der in Objekt und Betrachter unterteilt», räsoniert der gute Hirte. «Weiter muss es eigentlich nicht gehen.»

Er wirkt glücklich, wenn er das sagt. Glücklich, und überzeugend. Im Reinen mit sich und der Kunst als oberstes Prinzip. Während gegenüber malerische Quellwolken den Säumerweg zum Glaspass umschmeicheln, und tief im Tal das Wasserreservoir türkis-grau schimmert, schweift der Blick vom Naturpark Beverin zurück zur malerischen Kapelle von Thalkirch.

Dort, in der weiss getünchten Miniatur-Kirche, liesse sich eine audiovisuelle Installation der Art Safiental ansehen. «Wollen wir uns den Film noch ansehen?», fragt Handschin. Einen Sekundenbruchteil lang steht der Vorschlag im Raum. Doch dann scheint dies irgendwie abwegig.

Stattdessen fährt Handschin uns in der Dämmerung nochmals hinunter zu seiner Herde. Als er den Strom für den Zaun anschaltet, bellen die beiden Hirtenhunde kurz, zur Bestätigung. Über den Wipfeln der gegenüberliegenden Bergkette leuchtet zum Abschluss ein Regenbogen. Bald geht’s wieder hoch, nach Zalön.

Art Safiental. Bis 1. November im ganzen Safiental, von der Rheinschlucht bis zum Glaspass. Infos unter: artsafiental.ch.

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