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Ist Basel schön? Ein Architekturrundgang durch die Stadt

Wir Basler sind wahnsinnig stolz auf unsere weltberühmte Architektur. Und Herzog und de Meuron sind unsere unantastbaren Baugötter. Aber was sagt ein aussenstehender Experte zur zeitgenössischen Architektur in Basel?

Susanna Petrin
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Reminiszenz ans New Yorker Flatiron-Building: Das Ensemble am Schaffhauserrheinweg. Kenneth Nars
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Pierre de Meurons Elternhaus fügten junge Architekten einen Holzanbau und eine Terrasse mit Solarzelle hinzu. Ken
Architekturrundgang

Reminiszenz ans New Yorker Flatiron-Building: Das Ensemble am Schaffhauserrheinweg. Kenneth Nars

Kenneth Nars

Der schnellste Lift Basels schnellt im Roche-Turm in 36 Sekunden 38 Stockwerke hoch. Der langsamste Lift Basels ruckelt entlang eines Silos im Gundeldingerfeld. Er soll «zur Entschleunigung» beitragen. Oder gar vor seiner Benutzung abschrecken und dazu animieren, doch gescheiter zu Fuss zu gehen. Zwei Lifte, zwei Lebenshaltungen.

Für den Architektur-Spezialisten Axel Simon symbolisieren diese beiden Aufzüge die beiden gegensätzlichen Pole Basels: Hier die «Effizienzmaschine», da der Bewusstmacher, hier globale Megalomanie, da lokaler Recyclingbau. Und man spürt schon beim Start unseres Rundgangs durch das zeitgenössische Basel, dass Axel Simons Herz tendenziell für das Unpompöse höher schlägt. Für Projekte, die sich um Nachhaltigkeit kümmern, um die vielen anstehenden gesellschaftlichen und ökologischen Probleme, um die Zukunft.

Darum hat der ausgebildete Architekt und heutige Architekturredaktor das Gundeldingerfeld zum Ausgangspunkt unserer Tour gewählt. Barbara Busers «Baubüro in situ» hat das Industrieareal umweltbewusst umgenutzt: Photovoltaikmodule auf Hallendächern, maximal 18 Grad in den Innenräumen, Recyclingsysteme, bunt gemischte Mieterschaft zu fairen Konditionen. Mittendrin hängt eine Kunstinstallation mit Pflanzen. Axel Simon schaut sich um: «Ich finde diese alternative Seite der Medaille in Basel sehr wichtig.»

Energiesparfragen scheinen dagegen Herzog und de Meuron wenig zu interessieren. «Schade», sagt Axel Simon, «sie könnten ihre Vorbildfunktion anders nutzen, dann würden ihnen sicher viele junge Architekten nacheifern.» Und hier ist sie schon, die erste Kritik an Basels Architekturgöttern, wie sie offenbar ein einheimischer Experte kaum anzubringen wagte. Da muss man schon einen Deutschen, der in Zürich lebt, fragen, um ehrlich Auskunft zu bekommen. Oder etwa nicht, Axel Simon?

Es ist schlimmer als vermutet: «Wir vom Hochparterre wollten eine Diskussion über die fehlende Mitsprache beim Rochetrum veranstalten, aber haben in Basel kaum Leute gefunden, die sich dazu äussern wollten.» Diese Riesenprojekte würden in Basel wie ein «Naturereignis» angesehen. «Den fehlenden Einbezug der Stadt, die fehlende Diskussion darüber, halte ich für problematisch», sagt Axel Simon: «Es läuft politisch etwas falsch, wenn Bürgerinnen und Bürger nicht mitreden können; dann stimmt etwas mit den Machtverhältnissen nicht.»

Nur günstiger Wohnbau fehlt

Zehn Minuten später – wir sind mit dem Fahrrad unterwegs – stehen wir vor einem der vielen Herzog und de Meurons Basels, vor dem Helsinki-Haus auf dem Freilagerplatz im Dreispitzareal. «An Herzog und de Meuron kommt man in Basel nicht vorbei – im Guten wie im Schlechten.» Hier im Guten, befindet Axel Simon. Ihr Haus hält er visuell für das wichtigste auf dem Platz. Oben teure Wohnungen, unten ein Schaulager für Forschungszwecke – eigens dafür entworfene Regale und alles, «wunderschön». HdM seien zweifellos wahnsinnig kreative, einfallsreiche und extrem begabte Architekten, die immer wieder neu Formen und Materialien hinterfragen.

Das kleine Hochhaus des Campus der Künste (ffbk Architekten) schräg gegenüber hält Axel Simon dagegen für «zu glatt, zu abweisend». Gefallen findet er wiederum am grossen Transitlagerhaus. Das dänische Architekturbüro Bjarke Ingels Group (BIG) hat dem Betonbau drei weitere Stockwerke mit Wohnungen hinzugefügt, schräg versetzt. Da würden zwei Welten aufeinandergepfropft, «im guten Sinne frech».

Überhaupt entwickle sich das Dreispitzareal positiver als das vergleichbare Züri West – dank des heterogenen Miteinanders von Arbeit, Bildung, Wohnen und Kultur. Allerdings seien die Wohnungen alle sehr teuer, sicher zu teuer für die Studentinnen und Studenten. Beim günstigen Wohnungsbau, auch dank Genossenschaften, da sei Zürich Basel gegenüber klar voraus.

Das Aha-Erlebnis mit dem Loch

Zwölf Träger der höchsten Architekturauszeichnung, des Pritzkerpreises, haben bereits in Basel gebaut – HdM gehören zu ihnen. Gar die höchste Konzentration an Pritzkerpreis-Gebäuden der Welt – so die Handelszeitung – findet sich auf dem Novartis-Campus. Axel Simon scheint nicht allzu beeindruckt: «Ein Architektur-Zoo», sei der Campus, ein Ensemble von mehr oder weniger exaltierten Gebäuden, von berühmten Namen.

Auch zum HdM-Messebau sagt der Architekturkritiker nüchtern: «Natürlich riegelt der Bau einen Stadtteil ab, er schliesst eine wichtige Achse». Dafür bekomme man «das Aha-Erlebnis mit diesem Loch». Es ist derzeit das von Touristen meistfotografierte Sujet Basels. «So Bilder schaffen, das können sie dann», HdM seien «Bilderproduzenten». Doch gute Architektur sei viel mehr als ein schönes Bild – «was HdM selbst immer wieder beweisen». Immerhin hätten sie gar nicht erst zu vertuschen versucht, dass diese Messe einen anderen Massstab braucht, wenn sie hier in Basel bleiben soll. «Sie machen solche Grösse sichtbar».

Nirgends ist diese Grösse sichtbarer als beim omnipräsenten Roche-Turm. Neben dessen Wucht schrumpft das Basler Münster am Horizont zur Spielzeuggrösse. «Der Turm sprengt den Massstab von Basel», sagt Axel Simon: «Er ist der Einbruch des Globalen ins Lokale.» Und der Turm stehe, wo er stehe, nicht weil er dort der Stadt gut tue, sondern «weil mans dort machen kann». Auf privatem Grundstück, mit geringstem Widerstand.

Wir schauen hoch. Es sei, als ob die vielen kleinen Roche-Gebäude rundum «aufeinandergestapelt und etwas hin- und hergewackelt» worden seien, sagt Axel Simon. Daran sei nichts auszusetzen: Die entstandenen Terrassen seien «eine schöne Erfindung», so simpel sie auch aussähen. Und innen gebe es «ganz tolle Räume für die Gemeinschaft», natürlich mit einer unglaublichen Aussicht.

Lust am Widerspruch

«Jedes Gebäude ist ein Teil der Stadt, geht also jeden etwas an», sagt Axel Simon. Anderseits kommt das Besondere bei Volksabstimmungen oft nicht durch. Sonst hätte Basel heute eine Calatrava-Brücke und den Casino-Bau von Zaha Hadid. Streng genommen müsste Axel Simons Anspruch auf öffentliche Mitbestimmung auch für den Jazz-Campus gelten: Dieser ganz besondere Ausbildungs- und Konzertgebäude-Komplex an der Utengasse kam aber 2013 ohne öffentliche Gelder und darum ohne Ausschreibung, ohne Abstimmung zustande. Den Bau der Architekten Buol & Zünd hat die Stiftung Habitat finanziert.

Ist man drin, ist man froh drum. Der Jazz Campus ist wie ein utopisches Stückchen Stadt in der Stadt. Axel Simon zeigt auf die Spitzdächer, die Erker, die Bögen. Im Kontrast zu diesen Altstadt-Formen stehen die noble, minimale Schlichtheit und das Material: Die auffälligen Erker sind aus Beton. «Die Lust am Widerspruch macht es so spannend.»

Selbstbewusste Jungbüros

Basel hat traditionell grosszügige Mäzene, grossherzige Bauherren – und Herzog & de Meuron. Deren Beispiel ermutigt gemäss Axel Simon auch andere zu «einer Experimentierfreude und auch einer gewissen Hemmungslosigkeit». Daher können junge Architekten tendenziell schneller gross werden, selbstbewusst – etwa Christ & Gantenbein mit ihrem markanten Kunstmuseums-Neubau. Und darum diese Häufung architektonischer Besonderheiten.

Dazu zählt für Simon auch die 2014 erbaute Siedlung mit 84 neuen Wohnungen am Schaffhauserrheinweg. Das Büro Jessenvollenweider hat hier einen völlig eigenen Stil geschaffen: Dreieckige Holzhäuser. «Sie haben sich total über die Architektur der Umgebung hinweggesetzt.» Wenn man die Gebäude von der Seite anschaue, erinnerten sie gar an das Flatiron-Building in New York. Das Ganze sei «ziemlich unverschämt», sagt Axel Simon und meint es positiv: «Das ist hier möglich, weil ein kultureller Wind weht, der diese Grenzüberschreitung erlaubt.»

Dasselbe Architekturbüro habe auch das den Neubau des städtischen Amts für Umwelt und Energie an der Spiegelgasse entworfen, dem die Basler kürzlich zugestimmt haben. Dort würden bald Solarzellen an der Fassade wie Stein eingesetzt. Ziemlich revolutionär. «Und das mitten in der Stadt.»

Terrasse mit Solarpanel

Komm mit! Zum Schluss möchte Axel Simon mir noch etwas zeigen. An der Peter Rot-Strasse, unweit vom Rocheturm, machen wir halt vor einem Eckhaus. Es schaut aus wie zwei halbe Häuser aus zwei Stilepochen; zwei Gesichter, neu zusammengesetzt. Holz und Stein, neu und alt. Dazu kommt, etwas versteckt hinter einer alten Rotbuche, eine «in die Höhe gestemmte Terrasse» mit einem Solarpanel. Wie eine hypermoderne Baumhütte. Das Solarpanel wirke «wie Blätterwerk, durch das die Sonne scheint.»

Hier ist Pierre de Meuron aufgewachsen. Doch damals sah das 30er-Jahre-Haus noch ganz gewöhnlich aus. Den futuristischen Anbau haben junge von de Meuron damit beauftragte Architekten angebracht: die Sauter von Moos Architekten. «Herzog und de Meuron ermöglichen jungen Leuten, dass sie so was machen können, ihren eigenen Weg gehen können», sagt Axel Simon. Und HdM hätten selber auch «ein bisschen so angefangen», mit dem Bau eines kleinen Fotostudios in Weil – eines ihrer ersten Projekte.

Axel Simon begeistert dieses kleine Haus viel mehr als der grosse Turm. Es ist mehr als ein schönes Bild, es ist eines dieser Projekte, «das Antworten auf Zukunftsfragen gibt».

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