Use/Abuse

Kontroverse um uralte Olivenbäume an der Art: Missbrauch oder Mahnmal?

Die acht uralten Olivenbäume in der Eingangshalle zur Unlimited sorgen für Kontroversen. Ist es dekorativer Missbrauch oder eine Botschaft für mehr Natur und Nachhaltigkeit?

Sie sind unübersehbar, die acht Olivenbäume in der Eingangshalle zur Unlimited. Riesig und rissig, mächtig und uralt. Wer die Täfelchen liest, erfährt, dass diese Bäume zwischen 300 und 700 Jahre alt sind. Unglaublich! Aber was machen sie hier an der Art Basel? Sie sollen uns Menschen auf das fragile Gleichgewicht zwischen Zivilisation und Natur aufmerksam machen – und für mehr Achtsamkeit und Nachhaltigkeit werben. Steht auf den Täfelchen.

Man schaut sich die gestutzten Bäume mit ihren eng verpackten Wurzelballen an, sieht wie Personal der Art dürre Blätter wischt – und fragt sich: Soll das ein Witz sein? So alte Bäume in Süditalien auszugraben, sie als Deko nach Basel zu karren, sie hier in eine Halle zu sperren und dann zu behaupten: Das sei nachhaltig. Das sei ein Statement für mehr Achtsamkeit gegenüber der Natur.

Typisches Baumschicksal

Statt sich aufzuregen, wollten wir es genauer wissen. Und trafen den Urheber dieser Aktion mit dem Titel «Use/Abuse» (Gebrauch/Missbrauch). Enzo Enea, Landschaftsarchitekt aus Rapperswil Jona. Sympathisch ist der Mann, eloquent erzählt er – mit bodenständigem schweizerdeutschen Akzent -, dass er mit seiner Aktion zeigen wolle, dass wir den Bäumen in unseren Städten zu wenig Raum geben. «Überall gibt es Parkgaragen, Betonplatten, Mauern. Eigentlich haben die Bäume in den Siedlungen kaum mehr Platz als hier, wo sie auf Metallplatten stehen und die Wurzeln eingeschnürt sind.»

Für Olivenbäume habe man sich für das Art Basel-Projekt entschieden, weil sie ebenso symbolträchtig seien, erklärt die Verantwortliche der Kommunikationsagentur, die das Projekt begleitet.

Aber ist es nicht eine Vergewaltigung, Bäume hier in die Halle zu stellen? «Es ist Stress für die Bäume, aber erträglich», sagt Enea. Gerade Olivenbäume sind zäh, ertragen die paar Tage mit zu wenig Licht gut. Die Bäume überleben das also, werden danach nicht weggeschmissen? «Never ever würde ich etwas machen, was die Bäume nicht überleben, was sie langfristig schädigt», betont er. Er sei Landschaftsarchitekt, arbeite für die Natur, nicht gegen sie.

Schnürung der Samurai

Die Wurzelballen habe er nach seinem selber entwickelten System geschnitten – wie bei Bonsai – damit sie möglichst viel Wasser aufnehmen können. «Die Schnürung habe ich von den Samurai übernommen. Die japanischen Krieger haben vor Jahrhunderten ihre Gefangenen so gefesselt. Je mehr sie sich bewegen wollten, desto stärkerer Zug entwickelt die Schnürung. So bleiben die Wurzelballen in der richtigen Form.»

Die Bäume habe er bei einem Kollegen in Rom gemietet, sie je zu zweit auf einem Tieflader hertransportiert. Nach der Messe gehen sie zurück. «Hier in der Schweiz will ich sie nicht einpflanzen, sie sind fremd hier». Er verwende nie Bäume aus fremden Klimazonen, betont Enzo Enea noch. Für Gestaltungen in China oder den USA oder England arbeite er immer mit lokalen Biologen zusammen, damit seine Gärten zu ihrer Umgebung passen.

Enzo Enea mit dem Projekt «Use/Abuse» an der Art Basel 2019

Sie sind unübersehbar, die acht Olivenbäume in der Eingangshalle zur Unlimited. Riesig und rissig, mächtig und uralt. Aber was machen sie hier an der Art Basel? Wir trafen den Urheber dieser Aktion, Landschaftsarchitekt Enzo Enea.

Der Promi-Gärtner

Enzo Enea, 55, der den Einmannbetrieb seines Vaters in Rapperswil Jona für Gartendekoration übernommen hat und ihn mittlerweile zu einem international tätigen Betrieb mit 250 Mitarbeitenden und Büros in Zürich, Miami und New York ausgebaut hat, ist bekannt als Gestalter für Prominente (Tina Turner, Jeff Koons) und namhafte Architekten (David Chipperfield, Tadeo Ando). In Rapperswil hat er zudem ein Baummuseum eröffnet und darin auch Kunst integriert – von Sylvie Fleurie, Claire Morgan, Damien Hirst).

Dann erzählt Kommunikationsfrau Daniela Goldmann, dass Enzo Enea weitere Grossprojekte habe: In China, in München und in Klagenfurt. Dort wird der Landschaftsgärtner das Fussballstadion mit einem temporären Wald bestücken. «Die FPÖ hat schon vehement reklamiert, weil wir die 383 Bäume aus ganz Europa importieren», erzählt Enea. «aber die Partei wusste offensichtlich nicht, dass es in Österreichs Monokulturen gar nicht mehr die Vielfalt für einen richtigen Mischwald gibt.» Von September bis Oktober soll man dort im Stadion miterleben können, wie sich ein einst typischer Mischwald verfärbe. Das Geld für das Stadionprojekt habe der Basler Klaus Littmann organisiert.

Und hier in Basel zahlt die Art Basel? Enzo Enea schüttelt den Kopf. «Nein, das Projekt finanziere ich», sagt er trocken. Wie wenn es eine Selbstverständlichkeit wäre. «Die Art Basel gibt mir dafür eine tolle Plattform.» Plattform wofür? Als Werbung für die Firma? Um hier prominente Kunden anzulocken? Der Kommunikationsfrau ist die Frage peinlich. Doch Enzo Enea sagt: «Ja. Ich bin Handwerker, ich suche immer wieder neue Kunden, auch wenn ich im Moment mit 112 Projekten gleichzeitig genug zu tun habe. Und ich will auf mein Baummuseum aufmerksam machen.»

Keine Kunst

Etwas wolle er noch sagen, betont Enzo Enea. «Die Olivenbäume hier verstehe ich nicht als Kunst.» Deshalb stünden sie auch in der Eingangshalle und nicht oben in der Unlimited. «Use/Abuse» sei ein Statement eines Handwerkers, der für und mit der Natur arbeite.

Nach diesem Gespräch stehen wir in der Halle, sehen uns die acht Olivenbäume aus Süditalien an, kennen nun die Absichten hinter dem Projekt, die professionelle Sorgfalt des Gärtners. Und doch. Und doch will das Gefühl, hier würden Bäume nicht gerade nett behandelt, nicht weichen. Aber das sei ja Teil der Botschaft. Oder wie Enzo Enea selber sagt: «Diese acht Bäume haben Stress, um vielen anderen Bäumen zu helfen.»

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