Die Baloise Session will sich der elektronischen Musik annähern. Zu diesem Zweck standen am Mittwoch zwei britische Acts auf dem Programm, die unterschiedlicher nicht sein könnten.
Clean Bandit wurden 2014 bekannt, präsentieren aber Musik, die 1991 angesagt war.

Trashigen Eurodance. Auweia. Nichts ist abgestandener als schlechte Tanzmusik neu aufgewärmt. Die Briten erinnern live an eine Retortenband: Clowneske Musiker, in groteske Kostüme gezwängte Streicherinnen. Man fragt sich «Belarus Zero Points?» bis man merkt, dass man sich ja gar keinen Fernseh-Contest anschaut, sondern ein «Konzert».

Clean Bandit - Rockabye ft. Sean Paul & Anne-Marie

Clean Bandit - Rockabye ft. Sean Paul & Anne-Marie

Eine Fehlprogrammierung

Im Zentrum der Band: Yasmin Green, die einem Gospelchor entsprungen scheint und im falschen Klangkörper gelandet ist. Die Besetzung wirkt so künstlich wie der Sound, den man sich hätte schön trinken müssen, hätte einen nicht das Geld gereut. Furchtbar.
Eindrückliche Momente gibts kaum, berührt wird man selten, zu den Ausnahmen gehört der balladeske Anfang des Radiohits «Symphony». Doch die Emotionen werden auch hier von schlechten Dancebeats in den Hintergrund gestampft. Clean Bandit: Eine grosse Fehlprogrammierung.

Auch, weil diese dramaturgisch gar nicht zum mystischen Hauptact passen will: Goldfrapp. Gross geworden ums Millennium mit dem traumhaften Album «Felt Mountain», haben Komponist Will Gregory und Sängerin Alison Goldfrapp höchst unterschiedliche Schaffensphasen durchlebt. Die Mystik ihrer Anfänge tauschten sie gegen zunehmend seichteren Discosound ein. Immerhin: Sie blieben durch diese Richtungswechsel unberechenbar, auch live: 2001 schwebte Alison Goldfrapp noch elfenhaft über die Bühne, später spielte sie als Domina mit den Vibrationen eines Theremins, ehe sie sich im Nirgendwo verlor und man sie und ihre Band schon ein bisschen abschrieb.

Eindrückliche Goldfrapp

2017 erlebt man Goldfrapp als Silhouette. Das passt: Die ausgebildete Kunstmalerin hat sich für die Tour zum gelungenen neuen Album «Silver Eye» ein stimmiges Visualkonzept ausgedacht. Sie gibt sich als von Stroboskopblitzen angedeutete Schattengestalt, zieht uns rein in die Clubkultur, ins Berghain oder den Tresor, diese industriellen Technolokale Berlins, die so geheimnisvoll wie anziehend wirken.

Goldfrapp - Ooh La La

Goldfrapp - Ooh La La

Dazu passt auch das Soundbild: Unter den schwebenden, von Hall durchtränkten Gesang schaufelt die Band kompromisslos-knarrende Elektrosounds. Zwei Keyboarderinnen feuern Modulationen ab, die auch Rockgitarren begeistern würden. Ganz besonders attraktiv und mitreissend ist diese Mischung, wenn zu einem 70er-Glamrock-Shuffle («Train») ein hypnotischer Sog kreiert wird. T-Rex auf MDMA: So hätte das wohl geklungen. Auch grandios: Wenn das verführerische «Ooh La La» von bedrohlichen Knattersounds unterlaufen wird.

Goldfrapp bleibt eine Wundertüte. Und ihr Wechselspiel aus Zuckerbrot und Peitsche fährt wieder herrlich ein.