Kunst und Natur
Olafur Eliasson setzt die Fondation Beyeler unter Wasser

Das Museum in Riehen lässt Olafur Eliasson acht Räume mit grün gefärbtem Wasser fluten. Die Installation ist eine Absage an die Trennung von Kultur und Natur.

Mathias Balzer
Merken
Drucken
Teilen
«Life» von Olafur Eliasson in der Fondation Beyeler Riehen.

«Life» von Olafur Eliasson in der Fondation Beyeler Riehen.

Mark Niedermann

Gute und relevante Kunst ist immer auf der Höhe ihrer Zeit. Diejenige von Olafur Eliasson ist das. Der dänisch-isländische Künstler legt den Finger auf den wunden Punkt unseres Jahrhunderts: Dem Verhältnis von Mensch und Natur. Seine Kunst stellt die Frage, wie wir unsere Umwelt wahrnehmen und wie wir sie gestalten.

Seit Mitte der 1990er-Jahre hat der 54-Jährige dieses Thema weltweit in zahlreichen Ausstellungen bearbeitet. Sein «The Weather Project», eine leuchtende, in Nebel gehüllte Innensonne, lockte 2003 zwei Millionen Besucher in die Turbinenhalle der Tate Modern in London. Für «Ice Watch» brachte er Gletschereis aus Grönland in die Innenstädte von Kopenhagen, London und anlässlich der Klimakonferenz 2016 nach Paris. Im Kunstmuseum Zürich schliesslich verwandelte er diesen Winter die Museumsdecke in einen Wolkenhimmel.

Immer wieder arbeitet Eliasson mit Wasser. Für «Green River», zwischen 1998 und 2001 in verschiedenen Städten realisiert, färbte er sechs Flüsse mit dem wasserlöslichen Farbstoff Uranin in ein leuchtendes Grün. 2001 füllte er einen Raum im Kunsthaus Bregenz mit Wasser und liess das Publikum über Stege darüber flanieren. Seine aktuelle Arbeit in der Fondation Beyeler in Riehen ist eine spektakuläre Fortsetzung dieser Werkreihe.

Keystone-SDA

Ein Fussbad für das Museum

Für «Life» liess Eliasson die Vorderseite der Fondation Beyeler zum Park hin öffnen. Die grossen Glasscheiben des Renzo-Piano-Baus wurden entfernt, der Pegel des davor liegenden Seerosenteichs erhöht, das Wasser mit Uranin grün eingefärbt und so acht Räume des Museums geflutet. Zugänglich sind sie vom Park her über Holzstege. Der Landschaftsarchitekt Günther Vogt hat die entstandenen Wasserflächen mit Zwergseerosen, Muschelblumen, Wasserfarnen und anderen Pflanzen bestückt. Die Installation und der Park sind täglich 24 Stunden zugänglich. Nachts wird das grüne Gewässer von unzähligen UV-Röhren beleuchtet.

In der Nacht wirkt das Wasser wie eine dickflüssige Masse.

In der Nacht wirkt das Wasser wie eine dickflüssige Masse.

Georgios Kefalas / EPA

Sam Keller, Direktor der Fondation, sagt, Architekt Renzo Piano habe auf die Idee begeistert reagiert. Nach zwanzig Jahren tue es dem Gebäude gut, seine Füsse zu baden. Keller nennt Eliassons Kunstwerk im Manifest zur Ausstellung ein «kollektives Experiment»:

«Es stellt Konventionen von Kunst, Natur, Institution und Leben in Frage und versucht ihre Grenzen zerfliessen zu lassen.»

Eliasson selbst möchte die Wirkung seines Werks nicht durch Erklärungen beeinflussen. Im besagten Manifest legte er jedoch seine Inspirationsquellen offen. «Life», so der Künstler, präsentiere ein Modell für eine Landschaft der Zukunft. Eine Welt, in der wir uns bewusst werden, dass unsere Existenz untrennbar mit unserer Umgebung, mit Strukturen und Systemen verwoben ist. Ein schwer fassbarer Gedanke, gerade weil wir dadurch verletzlich werden und Kontrolle abgeben müssten. Eliasson plädiert für die Erkenntnis, dass die lang gehegte Trennung von Kultur und Natur obsolet geworden sei. Im Anthropozän, dem Zeitalter, in dem der Mensch zum wichtigsten Einflussfaktor auf der Erde geworden ist, müssten wir die Tatsache erkennen, etwas weniger aussergewöhnlich zu sein als gedacht.

Das ist kein naives Retour à la nature

Vom Park aus präsentiert sich «Life» als monumentales Triptychon. Der Blick verliert sich in den Raumfluchten. Es sind dieselben, in welchen letztes Jahr die Landschaftsbilder von Eduard Hopper für einen Publikumsansturm sorgten. Nun sind die Wände leer. Die raffiniert platzierten Holzstege führen das Publikum ins Innere. Sie unterteilen die Wasserflächen in unterschiedliche Rechtecke, monumentale Tableaus, die an Monets Seerosen im trockenen Teil des Museums erinnern. Eliasson lädt zum Spaziergang durch ein Museum, das keines mehr ist, eine zum Park hin offene Struktur, die Wind und Wetter ausgesetzt ist.

In «Life» von Olafur Eliasson wird das Wasser zum Kunstwerk.

In «Life» von Olafur Eliasson wird das Wasser zum Kunstwerk.

Georgios Kefalas / Keystone

An diesem Mittag ist es kalt, Wind kräuselt die Wellen, Vögel zwitschern, es riecht modrig. Man würde sich gerne auf eine Bank setzen, was der Künstler aber verweigert. Die Stege leiten von Raum zu Raum, bilden Sackgassen, lassen den einen Raum unberührt. Wenn sich die Nacht über die Riehener Landschaft senkt, wird die tagsüber durchsichtige Wasserfläche zu einer dicken, gelbgrünen Masse, die Decke und UV-Lichter spiegelnd. Beide Erlebnisse sind einen Besuch wert.

«Life» ist vordergründig ein ästhetisches Erlebnis von Raum, Natur und Zeit. Die Installation ist aber auch eine Rampe für Gedankengänge. Die Idee, dass hier die Natur das Museum erobert, wird manchen Kulturskeptiker euphorisieren. Doch um ein naives Retour à la nature geht es Eliasson nicht. Bei ihm wird Natur zum Kunstwerk und das Museum zum Haus für die Natur, auch für diejenige des Menschen.

«Life», Olafur Eliasson. Fondation Beyeler, Riehen.
Bis Juli 2021. Tickets unter www.fondationbeyeler.ch.

«Life» von Olafur Eliasson ist sieben Tage, 24 Stunden besuchbar.

«Life» von Olafur Eliasson ist sieben Tage, 24 Stunden besuchbar.

Georgios Kefalas / Keystone