Sonderausstellung

Kunstmuseum Basel: Düstere Bildwelten des Fasnachtskünstlers

Eine Sonderausstellung im Kunstmuseum Basel bietet die Gelegenheit, das eindrückliche Schaffen des Basler Künstlers Max Sulzbachner kennenzulernen, der vielen Baslerinnen und Baslern vor allem als Laternenmaler in Erinnerung ist.

Es sind wahrhaft düstere Visionen, die Max Sulzbachner (1904–1985) 1925 in seiner Grafikmappe mit dem Titel «Mondnächte» entwarf. Zu einem titellosen Gedicht des expressionistischen Lyrikers Georg Heym («Spitzköpfig kommt er über die Dächer hoch/Und schleppt seine gelben Haare nach …») breitete er in einem Dutzend Holzschnitten eine schauerliche Geschichte aus: Ein Mann trifft nachts in abgeschiedener Natur auf eine nackte Frau, es kommt zum (gewaltsamen?) Geschlechtsakt und schliesslich zum Mord, bis der Mann im Mondlicht zurück in die Stadt taumelt und sich nach einem Gang durch die Herbstmesse grenzenlos betrinkt.

Ist das wirklich der Max Sulzbachner oder kurz Sulzbi, den man in Basel vor allem als Fasnachtskünstler, allenfalls noch als Bühnenbildner in Erinnerung hat? Die Blätter sind in Form und Stil unverwechselbar dem berühmten Werk von Ernst Ludwig Kirchner nachempfunden. Der grosse deutsche Expressionist diente auch anderen Basler Künstlern als Vorbild – zuallererst Albert Müller, Hermann Scherer und Paul Camenisch, die an Sylvester 1924/25 die Gruppe Rot-Blau gründeten.

Die Künstler grenzten sich mit der Hinwendung zu Kirchners Expressionismus vom Kanon der sonst eher konservativen Basler Kunstszene ab. Auch Sulzbi wäre gerne mit von der Partie gewesen, wurde aber vorerst nur als Trittbrettfahrer bei Gruppenausstellungen akzeptiert. Bei der Zweitauflage der Gruppe Rot-Blau 1928, ohne die inzwischen verstorbenen Pioniere Müller und Scherer, war Sulzbi dann dabei.

Der Zyklus «Mondnächte», der Dank einer Schenkung von Betty und Hartmut Raguse-Stauffer erstmals vollständig gezeigt werden kann, steht im Zentrum der Ausstellung. Sie zeigt einen Vertreter der Basler Moderne, dem zu Lebzeiten nicht wirklich die Aufmerksamkeit bekam, die er verdient hätte. Wenig schmeichelhaft war stellvertretend die Einschätzung durch den in Paris lebenden ungarischen Schriftsteller und Bohemien Emil Szittya, der Sulzbachner als «eher geschickten» denn als «guten Meister» bezeichnete.

Unverwechselbarkeit war nicht seine Stärke

Vielleicht war damit gemeint, dass stilistische Eigenständigkeit und Unverwechselbarkeit nicht die wirkliche Stärke des Künstlers waren. Auffallend an Sulzbis Werk sind die Anlehnungen an bedeutende Vorbilder. Kirchner wurde bereits genannt, Robert Delaunay schimmert bei seinen in Paris entstandenen frühen Werken durch. Auch Gauguin, van Gogh, Munch und später den Surrealisten eiferte er nach, ohne sie eins zu eins zu kopieren. Sulzbachner hatte diese Künstler unter anderem in Ausstellungen in der Basler Kunsthalle kennen gelernt, die als sehr aufgeschlossenes Haus der Moderne stets auf dem Fuss folgte.

So findet sich in Sulzbachners Werk auch die Darstellung der berühmt-berüchtigten Figur des Raskolnikoff aus Dostojewskis Roman «Verbrechen und Strafe». Die Figur des jungen Juristen, der aus Geldnot und einem verwerflichen Überlegenheitsgefühl heraus eine alte Pfandleiherin erschlägt, fand in vielen Werken der Expressionisten ihren Niederschlag. Sulzbachner hatte Dostojewskis Text übrigens im Basler Untersuchungsgefängnis Lohnhof gelesen, in welchem er wegen einer nicht bezahlten Busse aufgrund eines Aufruhrs für drei Tage einsitzen musste.

Ab den 1930er-Jahren begann Sulzbachner als Bühnenbildner unter anderem für das Basler Stadttheater, aber auch für das legendäre Cabaret Cornichon in Zürich zu arbeiten. Und er wurde mehr und mehr zum Sulzbi, dem Fasnachtskünstler. Er war vor allem für die traditionellen Cliquen Basler Mittwoch-Gesellschaft, Basler Bebbi und Olympia tätig.

Die Arbeiten für diese drei Cliquen brachten ihm den Ruf als «Laternenkönig» ein. Die von Géraldine Meyer stimmig kuratierte Ausstellung im Kunstmuseum zeigt auch Beispiele dieser Schaffensphasen. Auch wenn die Tätigkeit als Gebrauchskünstler aus heutiger Sicht vielleicht abschätzig klingen mag, für Sulzbi war sie es nicht. Für ihn zählten solche Kategorisierungen nicht, wie dem schön aufgemachten kleinen Katalog zur besuchswerten Ausstellung zu entnehmen ist.

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