Literatur
Mit Toyota auf Tour durch die Anden: Freddy Widmer nimmt die Leser mit nach Südamerika

Der langjährige Basler Journalist Freddy Widmer berichtet in seinem ersten belletristischen Werk von seiner Liebe zu Südamerika.

Thomas Brunnschweiler
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zVg

Eine Hommage an Menschen, Kultur und Natur Südamerikas sind sie, die neun Geschichten von Freddy Widmer. Insgesamt rund zwei Jahre hat er, teilweise mit seiner Frau, den Subkontinent bereist. Er hat ihn lieben gelernt, vom Amazonas bis nach Patagonien. Die Kurzgeschichten erzählen auf berührende Weise von Werden und Vergehen, Gefahr und Rettung, Leiden und Tod. Schon die erste Geschichte ist so alltäglich wie spannend.

Die Titelgeschichte «Der Zeitgeber» ist eine Meditation über die Zeit und die Sprache. Hier lässt der Autor etwas von seiner Aversion gegen sprachliche Gemeinplätze und unreflektierte Redewendungen durchscheinen. Der Esel Toyota nimmt uns danach mit auf eine Tour in die Anden, bei der ein Gringo alle Vorsichtsmassnahmen vergisst. Der Schluss der Geschichte ist verblüffend. In «Wie nichts» werden wir an die unheimliche Belchenfrau ­erinnert, sprachlich an den magischen Realismus von Gabriel García Márquez.

«Der Dorfkönig» weicht von der knappen Form der Kurzgeschichte ab. Der Text ist eine kurze Novelle, in welcher Widmers Talent zum Romancier aufblitzt. Es geht um Vorurteile und Hass, Mordgelüste und Einsicht. Man erlebt ähnliche Gefühle wie nach der Lektüre von Gustav Schwabs Ballade «Der Reiter und der Bodensee»; nur ist bei Widmer der Schluss versöhnlich. Auch in den weiteren Geschichten werden Leserinnen und Leser bestens unterhalten. Die Pointen sind subtil, zeugen von Humor und einer tüchtigen Prise Schalk.

Meister des dichten und lakonischen Stils

Freddy Widmer erweist sich in seinem ersten – und hoffentlich nicht letzten – fiktionalen Werk als Meister des dichten, klaren und fast lakonischen Stils. Die Sprache ist gut getaktet, lässt alles Überflüssige weg und gerinnt oft zu einem Einwortsatz. Dass dem Autor das Geschwätzige und Manierierte fernliegt, ist die Frucht langjähriger journalistischer Arbeit. Darum ist es keine Übertreibung, diese Geschichten als Erzählperlen zu bezeichnen.

Auch die Gestaltung des Buchs durch Jürg Seiberth ist vorbildlich. Statt eines Klischees (indigene Frau in farbiger Kleidung oder ein Lama) wurde für das Cover der Ausschnitt eines unvorstellbar präzis gefugten Mauerwerks der Inka-Ruinen in Ollantaytambo (Peru) gewählt, das Erich von Däniken zu wilden Spekulationen anregte.

Als Verleger zeichnet Thomas Bloch aus Arlesheim, als Lektor Fredy Heller verantwortlich. Mit dem Buch beschenkt Widmer in erster Linie seine Frau, die mit ihm vor genau 30 Jahren zu einer einjährigen Reise nach Südamerika aufbrach. Das hochwertige Bändchen schöpft aus der profunden Kenntnis des Subkontinents und verwandelt Eindrücke zu einem Stück gültiger Literatur.

Freddy Widmer: «Der Zeitgeber und andere Tode», Edition Text und Media, Arlesheim 2020, 160 S. Erhältlich bei Bider & Tanner oder direkt bei: freddywi@bluewin.ch