Misstöne

Musikstadt Basel? Bis dahin ist es noch ein weiter Weg

Die Lovebugs und das Sinfonieorchester Basel machten es bereits 2011 vor: Klassik und Pop können gleichwertig aufspielen. (Archivbild)

Die Lovebugs und das Sinfonieorchester Basel machten es bereits 2011 vor: Klassik und Pop können gleichwertig aufspielen. (Archivbild)

Basel will eine Musikstadt sein. Der Weg dorthin ist von einigen Baustellen und interessanten Fragen gesäumt.

2020 soll in Basel zum Musikjahr werden. Kurz vor Weihnachten kündeten Basler Regierung und Präsidialdepartement an, eine Kommunikationsoffensive zum «Musikjahr 2020» mit 120'000 Franken aus dem Swisslos-Fonds zu lancieren. Man wolle die Gelegenheit beim Schopf packen und die Musikstadt Basel als Marke besser in der Öffentlichkeit positionieren. Denn es stünden einige ausserordentliche Anlässe auf der Agenda: die Eröffnung des sanierten und erweiterten Musiksaals im Stadtcasino, das Eidgenössische Jodlertreffen, das europäische Jugendchorfestival oder auch die Eröffnung neuer Probelokale für Orchester.

Soweit das Marketing für das Label Musikstadt Basel. Inhaltlich werden alle Protagonisten dafür sorgen, dass – wie bereits in den Jahren zuvor – Basel diesem gerecht wird. Kulturpolitisch tun sich jedoch gleichzeitig einige gewichtige und interessante Baustellen auf. Denn zu einer Musikstadt gehört auch die Diskussion darüber, welche Art von Musik wie gefördert werden soll.

Die neu gegründete IG für eine breitere Musikförderung trat ebenfalls kurz vor Weihnachten an die Öffentlichkeit. In einem Brief an das Präsidialdepartement Basel benannten über 70 Musikerinnen und Musiker das «systematische Ungleichgewicht» zwischen der klassischen Musik und sämtlichen anderen Genres, was Förderung und Wertschätzung betrifft. Oder anders gesagt: Es steht die Frage im Raum, warum Pop-, Jazz- oder Rockmusiker und deren Projekte nicht ebenso grosse finanzielle Unterstützung erhalten sollten, wie diejenigen der Klassik. Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache: 97 Prozent der kantonalen Musikförderung kommt der Klassik zu Gute.

Die Initianten der IG werden diese Frage nun mit allen Betroffenen diskutieren und das Anliegen präzisieren. Ziel ist eine Volksinitiative, die Pop und Anverwandtes mit der Klassik gleichstellen will.

Die Orchester bringen sich in Stellung

Aber auch innerhalb der gut dotierten Klassik tun sich Förderungsgräben auf: Während das Sinfonieorchester Basel (SOB) rund 13 Millionen Franken im Jahr von der Stadt erhält, bleibt den restlichen vier Orchestern gerade mal ein Zehntel, nämlich rund 1,3 Millionen pro Jahr. Die Konzertgesellschaft Basel, verantwortlich für die Reihen der Allgemeinen Musikgesellschaft, der Konzertgesellschaft-Sinfoniekonzerte und der Volkssinfoniekonzerte kommt gar ganz ohne Subventionen aus.

Die kleineren Orchester formulierten bereits vor einem Jahr ihre Not: Das Kammerorchester Basel, La Cetra, die Basel Sinfonietta und das Ensemble Phoenix sind renommierte Klangkörper, die das städtische Musikleben bereichern und gleichzeitig den Namen Basel regelmässig in die Konzertsäle Europas tragen. Sie finanzieren sich vor allem über Ticketeinnahmen, Fundraising und Sponsoring und sie laufen trotz Erfolg knapp: Keines der Orchester vermag zurzeit die vom Schweizerischen Musikerverband (SMV) empfohlenen Mindestlöhne zu bezahlen. Diese belaufen sich pro Musikerin und Musiker pro Konzert auf 203 Franken, für Proben sollten jedem Musiker 175 Franken bezahlt werden. Alle vier Orchester geben an, höchstens zwischen 75 und 85 Prozent des vorgegebenen Tarifs bezahlen zu können. Dies obwohl die Einhaltung der Tarife im Subventionsvertrag der Stadt empfohlen wird.

Um diese Vorgabe des SMV realisieren zu können, bräuchten die vier Orchester laut eigenen Angaben jedoch insgesamt rund 540'000 Franken mehr Subventionen pro Jahr. So haben sie es gemeinsam errechnet und werden dies kommende Woche nochmals gegenüber dem Präsidialdepartement formulieren. Departement und Regierungsrat haben bereits auf den Vorstoss der Orchester reagiert, mit einer Art Doppelstrategie, die den Namen «Zuckerbrot und Peitsche» durchaus verdient.

Das Zuckerbrot: Der Regierungsrat hat ein bisher kaum gefragtes Fördergefäss gefunden (ja, auch das gibt es in Basel): die Strukturförderung. Aus diesem Topf sollen die vier Orchester 167'000 Franken mehr pro Jahr erhalten, was begrüsst wird, obwohl der Betrag den oben genannten Bedarf von 540'000 Franken nicht deckt.

Als Peitsche dürfte die regierungsrätliche Forderung wahrgenommen werden, dass die Einhaltung der SMV-Tarife in Zukunft für Subventionsempfänger nicht eine Empfehlung, sondern eine Pflicht sein soll.
Chandler Cudlipp, Geschäftsleiter des Barockorchesters La Cetra, sagt klar: «Wenn die Mittel nicht in dem Masse wie von uns errechnet erhöht werden, und gleichzeitig die Tarife eingehalten werden müssen, kommt es zwangsläufig zu Leistungsreduzierungen.»

Wie das Problem gelöst werden soll, darüber wird demnächst auch die vorberatende Bildungs- und Kulturkommission befinden. Vielleicht schlägt sie ja eine Änderung der Strategie vor, oder es findet sich noch ein weiteres bisher ungenutztes Fördergefäss. Schliesslich ist ja Musikjahr.

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