Unverpackt

Nackt und gerettet – die Region wird nachhaltiger

In Basel und im Baselbiet eröffnen immer mehr unverpackt Läden - ein Onlineshop steht in den Startlöchern. Gegen Lebensmittelverschwendung kämpfen derweil Freiwillige und eine App, die den Foodwaste-Markt für hunderte Restaurants erschliesst.

Foodyblutt heisst der neue Unverpackt-Laden, der zurzeit in Basel an der Mittleren Strasse entsteht. «Blutt» wegen der Transparenz; die Herkunft und Produktion der Ware soll der Kundschaft stets offengelegt werden, und natürlich wegen der nackten Lebensmittel, die grösstenteils ganz ohne Verpackung verkauft werden. «Foody», weil der Laden hauptsächlich Lebensmittel verkaufen wird. Zusammengesetzt ergeben die Worte ausserdem ein baseldeutsches Wort. Das schafft regionalen Bezug und zeigt an, woher die angebotenen Produkte kommen. Foodyblutt ist bereits der dritte Unverpackt-Laden in Basel. Vor mehr als zwei Jahren starteten fast gleichzeitig Basel Unverpackt am Erasmusplatz und die Abfüllerei im Gundeli. Alle drei Läden verfolgen ein sehr ähnliches Konzept: Lokale Produkte, Transparenz bei der Herkunft der Lebensmittel, keine oder flache Hierarchien im Team – die Idee zählt mehr als der Profit – und natürlich Lebensmittel wie Reis, Nudeln und Haferflocken in grossen Spendern zum selber Abfüllen, dazu loses Gemüse und verpackungsfreie Kosmetik.

Als Konkurrenten sehen sich die drei Läden allerdings nicht. «Es ist ein klares Miteinander und nicht ein Gegeneinander», sagen Nathalie Reinau und Christoph Mani von Basel Unverpackt. Gemeinsam mit der Abfüllerei und verschiedenen Läden im Aargau gründeten sie kürzlich sogar einen Dachverband mit dem Namen Unverpackt Nordwestschweiz.

Auch das neunköpfige Kernteam von Foodyblutt hält das Prinzip der Gemeinschaft hoch. Das zählt sowohl für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter untereinander, die Entscheidungen im Kollektiv treffen, als auch für die Zusammenarbeit mit den Quartierläden und Geschäften mit ähnlichen Visionen in Basel. So möchte Foodyblutt beispielsweise Produkte vom Backwaren Outlet ins Angebot aufnehmen. Der Backwaren Outlet im Gundeli bietet für wenig Geld Brot und Gebäck an, das in Bäckereien nicht mehr verkauft wird. Überschüssige Lebensmittel wird das Foodyblutt Team an Foodsharing weitergeben. Dort werden die Produkte dann an weitere Stationen verteilt. So soll ein Netzwerk entstehen, das sich gemeinschaftlich bemüht, überflüssige Verpackungen und Foodwaste zu vermeiden. Mit den Bestrebungen, den Konsum nachhaltiger zu gestalten, geht für die Läden und Organisationen in Basel auch der Wunsch einher, die herkömmlichen marktwirtschaftlichen Strukturen zu überdenken. Die Läden begreifen sich nicht in einem Wettbewerb. Die Vision steht im Fokus und die Löhne sind zweitrangig.

Während in der Stadt die Unverpackt-Läden nun schon in mehreren Quartieren präsent sind, kommt auch das Land langsam auf den Geschmack. Am vergangenen Samstag eröffnete Susan Schmidlin im Laufner Stedtli das «Klein, fein, unverpackt». Auch sie möchte von den Läden in ihrer Umgebung nicht als Konkurrenz wahrgenommen werden. «Ganz in der Nähe gibt es einen Bioladen, eine Käserei und einen Metzger. Deshalb bieten wir keine Produkte an, die man auch dort kaufen kann.» Schmidlins Sortiment beschränkt sich daher auf Trockenwaren wie Mehl, Teigwaren, Kosmetik und Putzmittel. Für manche interessierte Laufner ist das offenbar zu wenig. Eine Kundin der Abfüllerei im Gundeli kommt extra alle zwei Wochen aus Laufen in die Stadt, um hier verpackungslos einzukaufen. Auf den neuen Laden im Stedtli angesprochen, sagt sie: «Ich war dort, aber leider konnte ich nicht alles finden, was ich brauche. Deshalb komme ich weiterhin nach Basel.»

Die Abfüllerei selbst plant, eine weitere Filiale in Liestal zu eröffnen. «Dort gibt es mittlerweile viele kleine Geschäfte, der Genussmarkt ist ein Erfolg. Das zeigt: In Liestal ist Platz für grüne, alternative Einkaufsmöglichkeiten», sagt Ivo Sprunger, Mitglied der Geschäftsleitung.

Start-up plant Onlineshop ohne Verpackungen

Dennoch, die breite Masse konnten die Unverpackt-Läden noch nicht für sich gewinnen. In Zeiten von riesigen Sortimenten und Onlinehandel wollen die Kunden ihre Wünsche schnell und möglichst bequem erfüllt bekommen. Der Aufwand, jeweils alle Gefässe für den Einkauf selber mit in den Laden zu tragen, Reis, Joghurt und Abwaschmittel selber abzuwiegen und am Ende vielleicht doch nochmals zu Coop oder Migros zu müssen, weil etwas fehlt – all das ist für viele Kunden dann doch zu mühsam.

Diese Kluft zwischen bequemem Konsum per Mausklick und umweltbewusstem Einkaufen will nun ein neues Basler Start-up schliessen. Das Unternehmen mit dem Namen Lyfa möchte einen Onlinelieferdienst für verpackungsfreie Produkte anbieten. Auf der Website listet Lyfa bereits jetzt 18 verschiedene Produkte auf, wie Olivenöl, Linsen und Tee. Das Unternehmen befindet sich allerdings noch in der Probephase. Noch im November werden sie ein Crowdfunding starten, um die finanziellen Mittel für Produkte, Lager, Website und Logistik zusammenzutragen. Zurzeit können sich Kunden melden, die an Testlieferungen teilnehmen möchten.

Das Konzept ist einfach: Die Kunden wählen online ihre Produkte aus, geben einen gewünschten Liefertermin an und bezahlen. Im Lyfa-Lager packen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die losen Lebensmittel in die entsprechenden Gebinde, ein Kurier bringt den Einkauf dann per Cargo-Velo direkt vor die Haustür. Bei der nächsten Bestellung übergibt der Kunde die leeren Gefässe dem Kurier, der sie wieder ins Lager bringt, wo sie erneut verwendet werden können. Neu ist dieses Prinzip nicht. Früher lieferte der Milchmann so frische Milch. Auch er nahm die leeren Flaschen nach Gebrauch wieder mit.

Gründer des Unternehmens ist Michael May. Der Schotte lebt seit zwei Jahren in Basel. Die Idee für Lyfa hatte er gemeinsam mit seinem Kollegen Lewys Thomas aus Wales. Beide sind sie gelernte Ingenieure. Weder als Gründer noch in der Lebensmittel- oder der Logistikbranche konnten die beiden bisher Erfahrungen sammeln. Dennoch haben sie ein grosses Ziel vor Augen: «Wir wollen Anfang des nächsten Jahres in Basel starten und dann bald in weitere Schweizer Städte expandieren.» Auch in anderen europäischen Ländern präsent zu sein, könnte sich May gut vorstellen.

Lyfa hat sich bereits in das Netzwerk der Basler Unverpackt-Szene eingegliedert. Viele der Produkte stammen aus dem Laden am Erasmusplatz. Zudem stand das dortige Team dem neuen Start-up beratend zur Seite. May hat die Entwicklungen im umweltbewussten Konsum in Basel beobachtet und einige Umfragen gemacht. Es habe sich gezeigt: Das Bedürfnis nach nachhaltigem Einkaufen ist da. In seinem Konzept sieht May einige Vorteile gegenüber den stationären Unverpackt-Läden. «Die Läden sind nicht für alle Leute praktisch. Man muss sich gut vorbereiten und seine Gefässe alle selber mitbringen. Ich glaube die Zeit ist reif für ein neues digitales Konzept», sagt er.

Lebensmittel per App retten setzt sich durch

Dass ein digitales Konzept, eine analoge Idee aufgreifen und gross machen kann, zeigt sich zurzeit im Bereich Foodwaste. Bereits seit mehreren Jahren engagiert sich die Organisation Foodsharing im Kampf gegen die Verschwendung von Lebensmitteln. Ein grosses Netzwerk von rund 700 Freiwilligen in Basel bemüht sich ganz physisch mit Veloanhänger und Kistenschleppen darum, dass möglichst wenig geniessbare Lebensmittel in der Tonne landen. Seit Juni 2018 ist Essenretten in Basel nun auch per App möglich. Das dänische Unternehmen Too Good To Go vermittelt zwischen Restaurants, die überschüssige Menüs loswerden möchten, und den Kunden, die ein solches Menü per Mausklick zu reduziertem Preis kaufen wollen. In Basel arbeitet Too Good To Go mit 112 Partnerbetrieben zusammen. Darunter Manor Food, Negishi, die Confiserie Bachmann, und Cupcake Affair. Seit dem Start von Too Good To Go in Basel konnten nach Angaben des Unternehmens rund 25'000 Mahlzeiten verkauft werden. Die Rechnung scheint aufzugehen. Seit der Lancierung steigerte sich sowohl das Angebot wie auch die Nachfrage massiv. Die Handhabung für den Kunden ist einfach. Ein paar Klicks – und schon ist das Menü gekauft. Auch für die Restaurants bietet die Partnerschaft mit Too Good To Go ein lukratives Angebot. Die Marketingchefin Delila Kurtovic zählt die Vorteile auf: «Zusätzliche Einnahmen, weniger Food Waste, über 540'000 potenzielle Kunden». Es sei nicht schwierig, die Unternehmen von einer Zusammenarbeit zu überzeugen, sagt sie.

Die Preise der Menüs werden gemeinsam verhandelt. Was allerdings immer gleich bleibt: Egal, wie hoch der Preis der Mahlzeit ist, To Good To Go erhält 2.90 Franken der Einnahmen. So entsteht eine finanzielle Win-win-Situation für beide Seiten. Personal benötigen die Appbetreiber kaum. Das System funktioniert praktisch automatisch. Somit steht es im Gegensatz zu der Arbeit bei Foodsharing. Dort arbeiten sogenannte Foodsaver ehrenamtlich. Sie haben sich dazu verpflichtet die Ware nicht weiterzuverkaufen. Der eigene Profit steht also nicht im Vordergrund. «Das Netzwerk ist immer nur so stark wie die Leute, die daran teilhaben», sagt Sebastian Freyse von Foodsharing. Ganz konkret zeigte sich die Wahrheit hinter diesem Satz, als ein Fairteiler in der Müllheimerstrasse geschlossen werden musste.

Fairteiler sind grün angemalte Holzschränke, die gelegentlich von den Foodsavern und Bewohnern des Quartiers mit überschüssigen Lebensmitteln befüllt werden. In Basel gibt es sechs solche Fairteiler. Sie stehen in Höfen und auf Vorplätzen und sind immer zugänglich. Wenn jemand neue Lebensmittel in den Schrank legt, postet er auf der Website der Organisation, was es Neues abzuholen gibt: «Frischer Schnittsalat, viele Gipfeli und Brioches», hat eine Nutzerin in den Fairteiler in der Mittleren Strasse gebracht. «Der Fairteiler an der Müllheimerstrasse wurde leider als Müllhalde genutzt», sagt Freyse. Für den Unterhalt der offenen Schränke sei die Gemeinschaft verantwortlich. Wenn es offensichtlich wird, dass das Interesse am Unterhalt schwindet, würde es keinen Sinn machen den Fairteiler weiter zu erhalten.

Nachhaltiger Konsum fordert Engagement von allen Seiten

Ein Umdenken im Konsumverhalten benötigt grosses Engagement. Sei es vonseiten engagierter Freiwilliger, innovativer Unternehmer oder von den Konsumenten selbst. Als Sinnbild der überflüssigen Produktion von Verpackungen und Bequemlichkeit wird international der To-go-Kaffeebecher verwendet. Er wird nur wenige Minuten genutzt und dann in den nächsten Abfalleimer geworfen. Wegen seiner Beschichtung im Innern kann er nicht richtig recycelt werden. Produziert und benutzt werden die Becher täglich millionenfach.

Als Statement gegen diese Wegwerfkultur werden wiederverwendbare Kaffeebecher gehandelt. Die meisten Barista in Basel füllen den Kaffee To Go auch in mitgebrachte Becher aus Porzellan, Plastik oder Bambus. Eine kurze Umfrage auf der Bahnhofpasserelle zeigt: Das Angebot wird sehr unterschiedlich genutzt. Während im Sutter Begg nach Angaben von Geschäftsführerin Katharina Barmettler-Sutter pro Tag etwa fünf Kaffees im mitgebrachten Becher verkauft werden, sagt ein Mitarbeiter des Caffè Spettacolo, er verkaufe rund jeden dritten Take-away-Kaffee im Mehrwegbecher.

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