Wenn ein Regisseur vor der Premiere auf die Bühne tritt und seine Entscheidungen erklärt, birgt das eine Chance und ein Risiko. Die Chance: Die Inszenierung wird vom Gesagten aufgeladen. Das Risiko: dasselbe.

Nuran David Calis, Regisseur von Othello X, stellt sich also mit einer Blätterbeige hin und erzählt mit bewegter Stimme von seiner Kindheit im Plattenbau. Von den Deutschen sei er als Türke diskriminiert worden, von den Türken als Ungläubiger.

Der Sohn eines armenischen Vaters und einer jüdischen Mutter kommt zum heutigen Abend: Es gehe um Rassismus, aber nicht um eine Opferhaltung, sondern um Identifikation des mitteleuropäischen Publikums mit Othello.

Bemalung mit Hatespeech anstatt Blackfacing

Othello X habe er als Geschichte eines weissen Musikers geschrieben, der bei einem «schwarzen Label» unter Vertrag ist. Das Theaterensemble aber ist weiss; Blackfacing habe man abgelehnt.

Trotzdem: «Ohne äusseres Stigma wird Rassismus nicht sichtbar.» Das Publikum brauche ein Zeichen, damit es verstehe, was Rassismus bedeutet. Calis geht ab.

Alle Spieler auf die Bühne. Sie bemalen den kahlköpfigen Othello, nur in Boxershorts bekleidet, mit rassistischem Hatespeech. Auf dessen Brust schreiben sie grösser und besser lesbar als alle anderen Beleidigungen: «Nigger». Das Wort, das allen Hass der amerikanischen Sklaverei in sich trägt.

Besser keine Vorrede, die besser ist als die Inszenierung

Der Regisseur hätte auf seine Vorrede besser verzichtet, denn sie war bewegender als die Inszenierung, die jetzt erst beginnt. Othello schreit, Desdemona beschwichtigt, alle anderen intrigieren. Die Drehbühne dreht sich und die Live-Kameras übertragen. Seventies-Tapeten, goldene Schallplatten an der Wand, ein Labelboss mit Gunter-Gabriel-Perücke.

Die männlichen Figuren koksen, saufen und tragen Schlaghosen. Othello X entwickelt sich entlang des dialoglastigen Intrigenspiels von Shakespeares Vorlage, unterbrochen von wenig überzeugenden Sprechgesangspassagen.

Die Freude des Autors an Spoken Word scheint einzig logischer Grund für das Setting «Pop-Industrie». Zwei Mal halten Figuren rassistische Monologe – sie sind kurz im Vergleich zum wiederkehrenden Gesülze über Label-Hierarchie und Mixtapes, die sich der Boss nicht angehört hat. Ohne Calis Vorrede und die diskriminierende Körperbemalung könnte man die rassistischen Passagen nicht nachvollziehen.

Rassismus wird nicht sichtbar, dafür struktureller Sexismus

Othello ist ein Skinhead mit blauen Äuglein. Die Eifersuchtsdramaturgie in der kapitalistischen Labelwelt funktioniert komplett losgelöst von Diskriminierungserfahrung. Struktureller Rassismus erzählt sich so nicht.

Was der Abend umso besser aufzeigt: Sexismus als strukturelles Bühnenphänomen. Die weiblichen Figuren existieren bloss als Projektionsfläche für die Eifersucht der Männer. Die Frauen sind Objekte im Intrigenspiel dieser Kokser. Am Ende des Abends schreit Othello die von ihm getötete Desdemona an: «Du bist schuld! Du bist schuld!»


Weshalb überarbeitet man überhaupt Klassiker, wenn man ihnen trotzdem jungsteinzeitlichen Sexismus einschreibt? Das Frauenbild von Othello X ist rückständiger als jenes von Shakespeares Vorlage aus dem frühen 17. Jahrhundert.

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Weitere Aufführungen
1., 10., 17., 23., 28. November.
Schauspielhaus, Theater Basel. www.theater-basel.ch