Strafprozess
Plädoyer des Staatsanwalts: Hafen-Könige und Lotsen mit Hungerlöhnen

Im Prozess um die Rhein-Havarie von 2012 in Basel kreuzten Anklage und Verteidigung die Klingen. Der genaue Unfallhergang ist umstritten.

Patrick Rudin
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Schlimme Erinnerung: Beim Unglück auf dem Rhein im August 2012 kam für zwei Besatzungsmitglieder des überfahrenen Vermessungsbootes jede Hilfe zu spät.

Schlimme Erinnerung: Beim Unglück auf dem Rhein im August 2012 kam für zwei Besatzungsmitglieder des überfahrenen Vermessungsbootes jede Hilfe zu spät.

Kenneth Nars

Am zweiten Tag im Strafprozess um die Havarie im Rhein vom August 2012 waren am Donnerstag die Verteidiger sowie der Staatsanwalt mit ihren Plädoyers dran: Wenig überraschend forderten beide Verteidiger für ihre Mandanten Freisprüche, während Staatsanwalt Tomislav Hazler für beide Angeklagten eine Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung forderte.

Beide Männer verfügten nach einer langen Dienstzeit in einem risikoreichen Umfeld über einen makellosen Leumund, daher reichten bedingte Geldstrafen: 180 Tagessätze für den ehemaligen Lotsen, 210 Tagessätze für den ehemaligen Kaderangestellten der Rheinhäfen.

Schwierige Rechtslage

Zwischen den Zeilen wurde in seinem Plädoyer allerdings auch klar, dass die Staatsanwaltschaft mit der rechtlichen Situation auf dem Rhein nicht ganz glücklich ist: Wegen der Patentpflicht auf dem Hochrhein scheint faktisch der Lotse für alles verantwortlich, nicht mehr der eigentliche Schiffsführer. «Er übernimmt für einen regelrechten Hungerlohn eine immense Verantwortung als Lotse», sagte Hazler zu Beginn seines Plädoyers. Rechtlich sei die Sache aber eindeutig: «Als er das Schiff übernahm, wurde der Lotse zum Schiffsführer. Er war auf diesem Streckenabschnitt für den sicheren Schiffstransport zuständig. Es wäre auch seine Aufgabe gewesen, zu schauen, dass der eigentliche Schiffsführer nicht mit Putzen beschäftigt ist».

Hätte er einen Ausguck am Bug bestellt, hätte ihn dieser über das Vermessungsboot im Bereich der Schwarzwaldbrücke orientieren können. «Der Lotse hat schlichtweg die elementarsten Grundregeln missachtet», so Hazler. Der Verteidiger des Lotsen hingegen sieht die Fehler nicht bei seinem Mandanten. Das Vermessungsboot sei nach einer Pause überraschend hinter einem Pfeiler der Schwarzwaldbrücke und damit im Sichtschatten hervorgekommen. Auch mit einem Ausguck am Bug des Motorschiffes wäre eine Reaktion unmöglich gewesen. Zum Unglück habe wohl auch beigetragen, dass das Vermessungsboot nach hinten eine schlechte Sicht geboten habe.

Bootscrew hat nicht hingesehen

«Die ganze Besatzung des Vermessungsbootes hat nicht aufgepasst», sagte der Verteidiger. Er monierte auch, dass dem verstorbenen 79-jährigen Bootsführer von der Staatsanwaltschaft eine grosse Zuverlässigkeit attestiert, seinem Mandanten trotz langjährigem Dienst als Lotsen dies jedoch nicht zugestanden werde. Der Lotse selber ergänzte, für ein Motorschiff von bloss 86 Metern Länge sei ein zusätzlicher Ausguck am Bug schlichtweg nicht vorgeschrieben.

Der Staatsanwalt forderte auch für den ehemaligen Kadermann der Rheinhäfen eine Verurteilung, weil er die Vermessungsarbeiten mit ungewöhnlichen Manövern nicht kommuniziert hatte. «Es wäre für ihn ein leichtes gewesen, den Lotsen über die Arbeit des Vermessungsbootes zu informieren». Offenbar war er über die Machtfülle bei den Rheinhäfen erstaunt: «Ich hatte zuerst das Gefühl, ich habe es mit König und Königin in Personalunion zu tun», sagte Hazler. Der Verteidiger meinte, sein Mandant sei für die Messfahrten gar nicht verantwortlich: Auftraggeber sei sowieso das Tiefbauamt gewesen. Das Urteil wird am Freitag gefällt.

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