Grossratswahlen
Rita Schiavi versucht ein Comeback: Demos, Streiks und Klassenkampf prägten ihr Berufsleben

Rita Schiavi legt sich gerne mit den Mächtigen an. Nach 20 Jahren versucht die Gewerkschafterin das Polit-Comeback.

Jonas Hoskyn
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Gewerkschafterin durch und durch: Basta-Kandidatin Rita Schiavi.

Gewerkschafterin durch und durch: Basta-Kandidatin Rita Schiavi.

Kenneth Nars

«Das war der Höhepunkt, hochgeheim und generalstabsmässig geplant.» Noch fast zwanzig Jahre später kann sich Rita Schiavi ein Grinsen nicht verkneifen, wenn sie an den 4. November 2002 zurückdenkt. Im Kampf um das Rentenalter 60 auf dem Bau blockierten Gewerkschaftler am Nachmittag für 20 Minuten die beiden Tunnelröhren des Bareggtunnels – eine der Hauptschlagadern des Schweizer Strassenverkehrs.

Die Folge war ein riesiges Chaos. Erst nach Stunden normalisierte sich die Lage wieder. Eine Woche später hatten die Gewerkschaften ihr Ziel erreicht. Für Schiavi und die anderen Drahtzieher hatte die Aktion ein Nachspiel. Sie wurden wegen Nötigung zu bedingten Geldstrafen verurteilt.

Das Baugewerbe war ihr Revier

Schiavi ist sich gewohnt mit harten Bandagen zu kämpfen. Jahrelang war die 65-Jährige an der vordersten Front, wenn es um mehr Rechte oder Lohn für die Arbeitnehmenden ging. Ihr Revier war das Baugewerbe – «ein Macho-Betrieb», wie sie sich erinnert, sowohl auf Seiten der Unternehmen wie auch bei den Gewerkschaften. Gleichzeitig sei ihr als Tochter italienischer Eltern das Baugewerbe auch immer sehr nahe gewesen. Am Anfang noch als einzige Frau in der Geschäftsleitung der Gewerkschaft sass sie mit am Tisch, wenn über GAV und Sozialleistungen gestritten wurde.

Und das tut sie auch noch heute, obwohl sie eigentlich längst pensioniert wäre. Sie vertritt die Unia in der Weltorganisation Bau- und Holzarbeiter Internationale. Diese setzt sich weltweit für die Anliegen der Arbeiter ein. Unter anderem kontrollierte Schiavi mit einer Delegation im arabischen Emirat Katar den Bau der Fussballstadien für die Weltmeisterschaft 2022 – eine Erfolgsstory, wie sie sagt: «Wir haben erreicht, dass das Arbeitsgesetz geändert und die Zusammenarbeit mit zwielichtigen Personalvermittlern beendet wird», sagt sie. Mittlerweile seien die Arbeitsbedingungen auf den Stadion-Baustellen vorbildlich.

Die Basler Geburtsstunde von Rotgrün

Demos, Streiks und Klassenkampf prägten das Berufsleben von Rita Schiavi. Ihr Werdegang zeichnete sich ab, als sie am Mädchengymnasium Präsidentin der Schülerorganisation wurde. An der Uni studierte sie Soziologie und Sozialgeschichte, ein Biotop für linksgrüne Politik. Sie trat der Poch (Progressive Organisationen der Schweiz) bei, die Erben der 68er-Studentenbewegung. «Rückblickend hätte ich mir oft gewünscht, ich hätte Jus oder Ökonomie studiert», sagt sie.

«Das hätte ich in der Politik besser brauchen können.» Nach dem Studium begann Schiavi bei einer Gewerkschaft zu arbeiten. Ab 1993 sass sie für acht Jahre im Basler Parlament, anfangs für die Poch. Als sich diese auflöste, gehörte Schiavi zu den Gründungsmitgliedern der Linkspartei Basta. 1996 trat sie bei den Gesamterneuerungswahlen an. Vor dem zweiten Wahlgang entschied sich die SP für einen überraschenden Kurswechsel. Die Sozialdemokraten zogen mit Roland Stark einen ihrer drei Kandidaten zurück und gingen erstmals ein Bündnis mit den Grünen und der Basta ein: Quasi die Geburtsstunde von der heutigen Erfolgsformel der Basler Linken.

«Grüne Themen sind soziale Themen»

Fast zwanzig Jahre nach ihrem Abschied von der regionalen Politik versucht Schiavi nun das Comeback. Als eine von mehreren aus der alten Garde: Auch langjährige Grossrätinnen wie Heidi Mück oder Patrizia Bernasconi wollen zurück ins Parlament. «Angesichts dessen, dass in Amerika zwei Männer über 70 Präsident werden wollen, fühle ich mich noch sehr fit», sagt sie lachend. Vor vier Jahren hätte sie den Sprung beinahe geschafft. Schiavi wurde sechste auf ihrer Liste und damit erste Nachrückende.

Nun versucht Schiavi erstmals ihr Glück im Wahlkreis Riehen, obwohl sie streng genommen noch knapp auf der Hirzbrunnen-Seite der Gemeindegrenze wohnt – wie auch der abtretende Grüne «Riehener» Grossrat Thomas Grossenbacher. Favoritinnen für dessen Nachfolge sind mehrere Grüne Riehener Politikerinnen, aber auch Schiavi macht sich Hoffnungen: Die Coronakrise habe die Bedeutung des Sozialstaates wieder deutlich in den Vordergrund gerückt, sagt sie.

Gleichzeitig müsse man aufpassen, dass ökologische Anliegen nicht untergehen: «Grüne Themen sind soziale Themen.» Und schlägt wieder den Bogen zum Bau: «Gerade in dieser Branche können mit der ökologischen Wende sehr viele Arbeitsplätze geschaffen werden.»

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