Film

Romeo und Julia in Israel

Langsamer Annäherungsprozess: Nach rund zehn Jahren Arbeit kommt Benno Hungerbühlers Film «La Troisième Langue» nun ins Kino.

Langsamer Annäherungsprozess: Nach rund zehn Jahren Arbeit kommt Benno Hungerbühlers Film «La Troisième Langue» nun ins Kino.

Im langen Konflikt zwischen Arabern und Juden versucht ein Basler Projekt zu verstehen und zu bewegen. Am Sonntag 26. März feiert der daraus entstandene Film «La Troisième Langue» Premiere im Kultkino Atelier.

Zum Ende des Films schaut die Theatermacherin Dalit Bloch nachdenklich, das Gesicht verschattet von einem Baum. Sie frage sich, ob sie überhaupt etwas bewirkt habe mit ihrem Projekt. Sie zuckt mehrmals mit den Schultern, so wie sie andere die Schultern hat zucken sehen: «Ich habe viele Menschen gehört, die sagten: ‹Jä, jo, bringts das?›» Minute 80 von 84 des Films «La Troisième Langue».

Als Zuschauerin, gerade bestärkt von diesem Film, der Hoffnung, die er bringt, will man Dalit Bloch zurufen: «Doch, natürlich bringts das!» Dabei weiss man, dass sie es selbst auch weiss – und nur gerade etwas müde ist. Fast nichts scheint zäher, langwieriger, zermürbender als der sogenannte Friedensprozess im Nahen Osten. Inmitten dieses Sumpfs hat Dalit Bloch, eine Basler Theatermacherin mit israelischen Wurzeln, versucht, mit anderen zu bewegen, was feststeckt. Wenigstens ein bisschen.

Mit arabischen und jüdischen Israeli zwischen 13 und 16 Jahren hat Dalit Bloch im Städtchen Jaffa bei Tel Aviv ein Theaterprojekt erarbeitet: Gottfried Kellers «Romeo und Julia auf dem Dorfe», die Geschichte einer Feindschaft unter Nachbarn, welcher der nächsten Generation die Zukunft verbaut. Eine universelle Geschichte, wie zugeschnitten für dieses Land. Ergänzt mit den so einfachen wie starken Monologen des arabisch-israelischen Theatermachers Shredy Jabarin.

Zehn Jahre und 120 Stunden Film

Das eigentliche Theaterprojekt hat 2010 in Israel stattgefunden – es folgten Vorstellungen in der Schweiz. Nun läuft am Sonntag der Film über das Theater im Kino an. Denn von Anfang an ist Dalit Bloch vom Basler Filmemacher Benno Hungerbühler bei ihrem Vorhaben begleitet worden, nicht zuletzt um die Wirkung ihres friedensbildenden Projekts zu verstärken.

Die Theateraufführung, ob sie nun weniger oder besser gelingen sollte, war für Dalit Bloch von Anfang an nebensächlich, Mittel zum Zweck. Sie wollte über die Kunst einen Raum für Begegnung schaffen. Sogar in Jaffa, wo Araber und Juden Nachbarn sind, lebe man in Parallelwelten. «Als ob es eine virtuelle Mauer gebe», sagt Benno Hungerbühler. An die Kraft der Begegnung glaubt auch er, an ihr Aufweichen von Vorurteilen, weg vom Schwarz-Weiss-Sehen zu Graustufen; letztlich an die Möglichkeit von Frieden. Für viele sei er «ein naiver Idealist» gewesen. Doch man müsse weiterstupfen, was bleibe dem Land sonst übrig? Oder wie der Theatermacher François Abu Salem zu ihm sagte: «Quoi, si personne ne piquerait plus?»

Mehrere Jahre Anlaufzeit brauchte Dalit Bloch, bis sie geeignete Jugendliche gefunden hatte, die mitmachen durften. Sie stiess auf viel Widerstand. Als es einmal fast so weit war, kam der erste Gaza-Krieg, die Fronten verhärteten sich. Weitere sechs Jahre sollte es nach der Theaterpremiere dauern, bis Hungerbühler die 120 Stunden Filmaufnahmen in mehreren Sprachen gesichtet, geordnet, geschnitten hatte, und bis der Film ausfinanziert war. «La Troisième Langue» sei zu einer «Art Lebenswerk» geworden, sagt er «wider Willen». Und doch freiwillig: ein total unkommerzielles Herzblutprojekt.

Verkompliziert hat das Projekt, dass der Filmemacher sich in Israel in alle Richtungen hat treiben lassen, sich von Dutzenden von Menschen ihre Version der Wahrheit hat erzählen lassen. «Etwas viele Wahrheiten für ein Land.» Er hörte stundenlang zu – den Jugendlichen, deren Eltern, dem Olivenbauer, der Siedlerin, der Begründerin eines Friedensdorfs. «Bis ich komplett erschöpft war.» Entstanden ist eine Collage, die rund um den Konflikt kreist. Der Film macht beide Seiten verständlich: die Angst der Juden, die Verletztheit der Palästinenser.
Was war und ist Benno Hungerbühlers Haltung? «Ich bin als Lernender hingegangen, wollte offen sein gegenüber allen», sagt er, «ich hüte mich davor, mir Meinungen zu bilden, bevor ich den Kontext genau kenne.»

Der Regisseur hält sich auch während des Films komplett zurück: Zur Sprache kommen alle Anderen. Ohne Wertung, sogar ohne Beschriftung. Man weiss nie, wer da genau spricht; vor allem bei den Jugendlichen sind so die Unterschiede kaum auszumachen. Der Film fordert den Zuschauern viel ab. Dafür wirkt er nie erklärend oder gar belehrend, nie etikettierend. Zur Vorbereitung empfiehlt sich aber die Film-Website.

2014 präsentierte Benno Hungerbühler den Jugendlichen, ihren Eltern und Freunden erstmals den Film im Rohschnitt. Er war nervös. «Am Ende weinten viele, fielen sich um den Hals, tauschten Adressen aus. Beide Seiten fühlten sich verstanden.» Mehr konnte Benno Hungerbühler sich nicht wünschen. Der Film und das Projekt haben im Kleinen bereits viel bewirkt. Der Theaterautor Shredy Jabarin sagt: «Aber es ist nicht genug. Es ist überhaupt nicht genug.»

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Autor

Susanna Petrin

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