Fondation Beyeler

Sam Keller im grossen Interview: «Der Untergang der Baselworld ist ein Weckruf»

Sam Keller, Direktor Fondation Beyeler

Sam Keller, Direktor Fondation Beyeler

Sam Keller, der renommierte Direktor, spricht über sein Erfolgsrezept und Kulturpolitik, über die Entwicklung der Stadt Basel und ihrer Kunstmesse, über die Museumskrise und das Improvisieren in Zeiten von Corona.

Herr Keller, Josef Helfenstein, Direktor des Kunstmuseums Basel, vergleicht in einem Interview mit der bz sein eigenes Haus mit einem Dampfer, die Fondation Beyeler dagegen mit einer wendigen, flexiblen Jacht. Ist das so?

Sam Keller: Wenn damit gemeint ist, dass die Fondation Beyeler schön und dynamisch ist, so freue ich mich über das Kompliment. Dass das Kunstmuseum grösser ist, eine längere Geschichte, breitere Sammlung und andere Strukturen hat, sind Tatsachen.

Stimmt es auch, dass Sie viel flexibler arbeiten können?

Ich kann das nicht vergleichen, denn ich arbeite ja nur in unserem Museum. Die Voraussetzungen sind sicher teilweise anders. Über die Qualität der Kunst, der wissenschaftlichen Arbeit, das Besuchererlebnis sagen quantitative Begriffe wie Grösse oder Besucherzahl wenig aus. Im Grunde ist es ja so, dass die staatlichen und privaten Museen dauernd voneinander lernen und sich deswegen in vielem auch immer mehr gleichen.

Von aussen gesehen hat man jedoch den Eindruck, Sie sind in der Planung viel freier, haben weniger Einschränkungen. Stimmt dieser Eindruck?

Freiheit ist in der Kunst sicher sehr wichtig. Ich kenne jedoch kein Museum auf der Welt, das keine Einschränkungen hat. In unterschiedlichen Institutionen gibt es einfach andere. Wir versuchen, das Beste aus unseren Möglichkeiten zu machen.

Seit 23 Jahren bringen Sie die Kunstfans aus ganz Europa nach Riehen. Mit Ausstellungen wie derzeit zu Edward Hopper. Ist diese hohe Messlatte in Zukunft überhaupt zu halten?

Ich bin das schon viel gefragt worden, habe aber nie verstanden, warum es ein Nachteil sein soll, wenn die Messlatte hoch liegt. Ich habe früher auch Stabhochsprung gemacht. Es ist sehr schwierig, von Null auf zwei Meter zu kommen. Aber von der Marke 1.95 aus nicht mehr so. Die Fondation Beyeler hat noch viel Potenzial. Die Voraussetzungen sind gut, dass die erfreuliche Entwicklung weitergehen kann.

Gibt es etwas, das Ihnen bisher nicht gelungen ist?

Glücklicherweise selten. Zurzeit gibt es Ausstellungen, die wir wegen Corona verschieben mussten. Aber sonst konnten wir bisher praktisch alles realisieren, was wir angepackt haben. Manchmal nicht im ersten Anlauf, und manchmal dauert es länger. Die Integration von mehr Künstlerinnen in Sammlung und Programm ist so ein Langzeitprojekt, ebenso die ökologische Nachhaltigkeit.

Gibt es etwas, das Sie gerne tun würden, aber nicht können?

Es gibt Kunst, die ich toll finde, die jedoch nicht zum Profil unseres Hauses passt. Ein solches entsteht nur, wenn man sich fokussiert. Wir orientieren unser Programm an unserer Sammlung und berücksichtigen auch, was andere Institutionen in der Region bereits gut machen. Beispielsweise die Förderung junger und lokaler Künstlerinnen und Künstler, Fotografie, Videos und Performances. Gerade in einer Kunststadt wie Basel ist es sinnvoll, sich zu ergänzen, statt zu konkurrenzieren. Vielfalt und Zusammenarbeit sind wichtig.

Sprechen Sie sich da jeweils mit den anderen Museen ab?

Es gibt keine Absprache in Form einer Gebietsabsteckung. Aber wir Museen pflegen ein gutes Verhältnis und versuchen, uns zu koordinieren und kollegial Rücksicht zu nehmen. Mit dem Kunstmuseum reden wir auch über das Ausstellungsprogramm. Das kann dazu führen, dass man zugunsten des anderen auf etwas verzichtet, oder dass sich Ausstellungen ergänzen, wie letztes Jahr bei Picasso und Kubismus oder demnächst mit Hans Arp und Sophie Taeuber. Es geht darum, dass man sich gegenseitig hilft und trotzdem einen gesunden Wettbewerb pflegt.

Basel als internationale Kunststadt profitiert vor allem von der Kunstmesse, deren Direktor Sie in den Jahren 2000 bis 2007 waren. Der Fortbestand der Messe Basel wackelt. Es wird plötzlich vorstellbar, dass auch die Art Basel eines Tages nicht mehr da ist.

Die Corona-Krise hat uns klar gezeigt, dass alles fragil und vergänglich ist. Natürlich könnte die Kunststadt Basel auch ohne Art Basel existieren. Sie wäre jedoch kulturell viel ärmer und würde an internationaler Strahlkraft verlieren. Es sollte uns bewusst sein, dass es ein Glücksfall für die Schweiz ist, die wichtigste Kunstmesse der Welt hier zu haben. Wir sollten uns in Zukunft vielleicht nicht nur fragen, wie wir von der Messe profitieren können, sondern was wir dazu beitragen können, damit die Art Basel hier Erfolg hat. Was können wir noch tun, damit die Rahmenbedingungen optimal und wir wirklich gute Gastgeber sind?

Sind wir gute Gastgeber?

Wir könnten sicher mehr machen, vonseiten der Stadt und in Bezug auf die Hotelpreise oder die Öffnungszeiten der Restaurants. Und die Kunstszene könnte sich fragen, ob sie mehr dazu beitragen kann, dass Basel attraktiv ist, oder ob sie vor allem den bestehenden Strom auf ihre Mühlen lenken will. Aber auch die Privaten sind gefragt: Gehen wir nur an die Vernissage oder kaufen wir auch Kunst? Stellen wir unsere Gästezimmer gratis Künstlern zur Verfügung oder wollen wir sie Gewinn bringend auf Airbnb vermieten?

Braucht es nun nochmals einen Effort, damit die Art Basel weiter besteht?

Der schnelle Untergang der Basel World ist sicher ein Weckruf, auch wenn das zwei ganz verschiedene Messen sind. Die Art Basel ist gut aufgestellt und geführt. Aber jetzt stecken wir in einer Gesundheitskrise, einer Wirtschaftskrise, einer Kunstmarktkrise und die Muttergesellschaft steckt ebenfalls in einer Krise. Das ist viel auf einmal. Da braucht es einen enormen Effort.

Ist nicht auch das Modell der Kunstmesse, ähnlich wie das der Uhrenmesse, überholt?

Ich kann nicht für andere Branchen sprechen. Klar ist jedoch, dass sich durch die Globalisierung und Digitalisierung vieles ändert. Wenn dies dazu führen würde, dass die Konzentration auf Auktionshäuser und Grossgalerien anwächst, könnte das ein Problem werden. Denn eine Messe lebt ja von der Vielfalt und die Kunst ebenso. Die Art Basel war bisher immer gut darin, auf Veränderungen zu reagieren und diese innovativ mitzugestalten. Wichtig ist, dass sie nicht nur ein Kunstmarkt, sondern auch eine Kulturveranstaltung für Kunstschaffende und das interessierte Publikum ist.

Kann die kantonale Kulturpolitik etwas dazu beisteuern?

Ja sicher, die Basler Kantone sind ja Hauptaktionäre der MCH Group! Sie können der Art Basel möglichst viel Freiheit und Unabhängigkeit geben. Kunst und Kultur entstehen nicht von oben verordnet. Es braucht für das grosse Ganze viele kleine Initiativen von unten.

Gibt es davon genug in Basel, oder sind wir eher eine verschlafene Museumsstadt?

Gemessen an der Grösse unserer Region leben wir in einer sehr lebendigen Stadt, mit aktiven Museen, die international Leuchttürme sind. Was die Galerien betrifft, war die Schweiz schon mal besser aufgestellt. Ich freu mich aber darüber, dass es in Basel interessante Künstler, Galerien und Off-Spaces gibt. Trotzdem finde ich, dass das Potenzial noch nicht ausgeschöpft ist. Gerade bezüglich regionaler Kooperation, Abbau von bürokratischen Bewilligungen und Schaffung von Freiräumen im öffentlichen Raum, wie bei der Umnutzung von Immobilienarealen, könnten wir ambitionierter sein.

Im Vergleich zu den bewegten Achtzigerjahren, in denen Sie auch aktiv waren, läuft derzeit alles in sehr geordneten Bahnen, sehr reibungslos. Ist das ein guter Nährboden für Kreativität?

Reibung muss von unten kommen. Was jedoch von oben kommen kann, ist der Wille, gute Ideen schnell und einfach zu ermöglichen. In der Schweiz hat man die Tendenz, alles zu reglementieren und Einsprachen stärker als Eigeninitiativen zu gewichten. Etwas mehr Courage und Grosszügigkeit täte gut. Kreativität und Kunst wachsen nicht aus der Ordnung, sondern aus Chaos und Widerspruch. Es braucht Freiheit, Experimentierlust und Solidarität. Und natürlich auch Geld. Ohne Gold gibt es auch kein goldenes Zeitalter.

Die kulturpolitische Diskussion um die Finanzierung kreist derzeit stark um das Verhältnis zwischen der Förderung etablierter Institutionen und der freischaffenden Szene. Wie sehen Sie das?

Die grossen Institutionen bilden das Rückgrat des Kulturlebens. Wären sie weg, wäre ganz schnell auch viel anderes nicht mehr da. Kunstausstellungen, Konzerte und Opern auf internationalem Niveau kosten einfach viel Geld. Aber von den Institutionen profitieren auch viele freischaffende Künstlerinnen und Künstler. Diese müssen natürlich ebenfalls gefördert werden, denn es braucht Vielfalt. Reine Staatskultur ist jedoch nicht die Lösung. In Basel engagieren sich zum Glück viele Stiftungen, Sponsoren und Mäzene.

An den Schweizer Kunstschulen wird heute intensiv gelehrt, wie man sich für Unterstützung bewirbt. Im Grunde wird da ja die Abhängigkeit von Staat und Stiftungen herangezüchtet.

Dafür habe ich keine Lösung. Mal wird verlangt, den Kunststudenten zu helfen, in den Markt zu kommen, dann wieder sich im Fördersystem zurechtzufinden oder sich nur auf die Kunst zu besinnen. Ich glaube, dass die Kunstschulen heute besser sind denn je.

Basel hat sich in den letzten zwanzig Jahren sehr stark internationalisiert. Besteht die Gefahr, dass wir ununterscheidbar werden? Gehen die Traditionen der Stadt verloren?

Es gibt den schönen Satz: Tradition ist nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers. Zu meinen, die Traditionen bewahren zu können, indem man sie nicht verändert, ist ein Trugschluss. Sie müssen sich verändern, damit sie bestehen bleiben. Es ist doch für Basel als Kultur-, Forschungs- und Handelsstadt ein Gewinn und Teil unserer Identität, dass Menschen aus anderen Ländern zu uns kommen. Sie wollen uns ja nicht die Fasnacht und den FCB wegnehmen, sie wollen nur mitmachen. Vielleicht müssten wir uns eher überlegen, ob wir genug dafür tun, um Expats und Migranten in unser kulturelles Leben zu integrieren. Es ist nicht damit getan, dass wir Museumstexte ins Englische übersetzen und an der Museumsnacht türkische oder spanische Führungen anbieten!

Die Museen der Stadt geben viel zu reden. Es folgt Betriebsanalyse auf Betriebsanalyse. Ist das nicht ein kleines Trauerspiel?

Inhaltlich machen die Basler Museen einen engagierten und guten Job. Aber ein gesunder Geist braucht auch einen gesunden Körper. Inhalte sind sicher wichtiger als Betriebs- und Strukturanalysen. Aber ohne das Funktionieren der Strukturen und Prozesse geht es nicht. Eine Krise kann ja auch positiv sein, wenn sich danach etwas verändert. Die Ansprüche an die Museen sind in den letzten zwanzig Jahren enorm gewachsen. Sie müssen sich laufend verändern: Digitalisierung, Kunstvermittlung, Provenienzforschung, Fundraising, Nachhaltigkeit und Diversität. Das müssen Museen meist ohne mehr personelle und finanzielle Ressourcen bewältigen. Klar, dass dadurch Druck entsteht. Ich würde die Lage also nicht dramatisieren. Läuft es mal gut, halten wir uns für die beste Kulturstadt der Welt. Und kaum geht mal etwas schief, befürchten wir den Absturz ins Provinzielle.

Es gibt auch Krisen, die von aussen kommen. Wie nachhaltig verändert Corona den Betrieb der Fondation Beyeler?

Für uns als privates Museum, das für und auch von den Besuchern lebt, ist es schon dramatisch, wenn Hunderte Führungen, Dutzende von Veranstaltungen abgesagt und zwei von drei Ausstellungen verschoben werden müssen. Ich denke, die Krise wird wahrscheinlich länger anhalten, als wir es uns wünschen. Zu warten, bis es vorbei ist, ist keine Option. Bis dann wäre die Kultur längst ausgeblutet. Wir bei der Fondation Beyeler stellen uns auf unsichere und unruhige Zeiten ein und vertrauen darauf, dass Not erfinderisch macht. Eigenverantwortung, Eigeninitiative und Experimentierfreude sind jetzt gefragt. Die Krise zeigt: Der Mensch kann unglaublich anpassungsfähig und solidarisch sein.

Wie hoch sind die finanziellen Einbussen?

Gross. Wir haben Millionen verloren, sind zum Glück aber solide finanziert und erhalten grosszügige Unterstützung von Stiftungen und Privatpersonen. Wir haben die variablen Kosten heruntergefahren, konnten die Hopper-Ausstellung zweimal verlängern, haben ein neues Ticketing-System eingeführt, das den Besucherfluss verteilt, und wir haben wieder angefangen, kleinere Veranstaltungen zu realisieren. Wir haben keine Lust, zu warten, bis das Gewitter vorbei ist. Wir tanzen lieber im Regen.

Wird von all diesen Veränderungen etwas bleiben, wenn das Gewitter vorbei ist?

Hoffentlich. Für die Museen, die immer langfristig planen, ist es neu, so experimentieren zu müssen. Die Anmeldung und Verteilung der Besucher mittels Online-Ticketing könnte auch in Zukunft eine Möglichkeit sein. Von den neu entstandenen digitalen Programmen möchten wir die Live-Führungen, online Workshops, Meditationen vor Kunstwerken und das Augmented Reality App weiterführen. Aber ein Leben nur am Bildschirm ist trist. Menschen sind sinnliche, soziale, selbstbestimmte Wesen. Der Museumsbesuch, alleine oder gemeinsam, die persönliche Begegnung mit Kunstwerken und Menschen an einem schönen Ort sind digital nicht ersetzbar. Auch das hat die Krise deutlich gezeigt.

Angesichts der unsicheren Zukunft: Ist die geplante Museumserweiterung die richtige Strategie?

Auf jeden Fall, sie ist auch schon von langer Hand geplant. Bereits Ernst Beyeler dachte an eine zweite Erweiterung. Wir brauchen einen eigenen Veranstaltungsraum, was wir bisher nicht haben. Zudem wächst unsere Sammlung. Das Konzept der Fondation Beyeler war immer zu sammeln, um Kunstwerke auszustellen, nicht für das Depot. Der Erweiterungsbau von Peter Zumthor schafft dafür den nötigen Raum. Eine besondere Bereicherung ist der Park mit den schönen alten Bäumen, der nun öffentlich wird.

Ansichten des Erweiterungsbaus von Peter Zumthor

Ansichten des Erweiterungsbaus von Peter Zumthor

Hinter dem Neubau steht jedoch eine klare Wachstumsstrategie. Mit wie viel mehr Besuchern rechnen Sie?

Für uns besteht das Wachstum nicht in der Zunahme von Publikum, sondern in der Zunahme von Möglichkeiten. Wir planen weiterhin nicht mehr als drei grosse Ausstellungen im Jahr. Und diese machen den Hauptteil der Besucher aus. Es sollen also auch in Zukunft zwischen 300'000 und 500'000 sein, je nach Jahr. Wir erwarten keine sprunghafte Zunahme, hoffen jedoch, dass das bisherige, organische Wachstum bestehen bleibt.

Wie steht es um die Kosten der Erweiterung?

Inklusive Land, Bau und Betriebskosten für die ersten zehn Jahre rechnen wir mit 120 Millionen Franken. Mittlerweile sind davon rund 90 Prozent von grosszügigen Gönnern finanziert. Wir hoffen, es engagieren sich noch weitere in der Region.

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