Späte Würdigung
Sebastian Castello: Der Humanist, den Basel hungern liess

Sebastian Castello soll endlich wieder einen Ehrenplatz im Kreuzgang des Münsters erhalten.

Susanna Petrin
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Etwa so dürfte der Humanist, Autor und Übersetzer Sebastian Castellio (1515–1563) ausgesehen haben. ZVG

Etwa so dürfte der Humanist, Autor und Übersetzer Sebastian Castellio (1515–1563) ausgesehen haben. ZVG

Scan2Net

Mit Spezialausstellungen und vielem mehr feiert Basel heuer ein Erasmus-Jubiläumsjahr. Vor 500 Jahren erschien seine Übersetzung des griechischen Neuen Testaments. Ein anderer grosser Humanist, der seine zweite Lebenshälfte in Basel verbrachte, ist derweil fast vergessen gegangen. Dabei hätte Basel im Vorjahr Sebastian Castellios 500. Geburtstag feiern können – ja sollen.

So manche Historiker vermuten, Castellios Nichtbeachtung habe damit zu tun, dass er der reformierten Kirche nicht geheuer ist, bis heute nicht. Oder dass sein Gedenken das Gewissen belastet, weil es an eine sehr dunkle Episode der Reformation gemahnt. Denn Castellio wagte es einst, sich dem mächtigen Reformator Johannes Calvin entgegenzustellen. Er verurteilte dessen Umgang mit Andersdenkenden und sprach sich für mehr religiöse Toleranz aus. Den viel zitierten Kernsatz seiner Lehre möchte man gerade heute wieder Extremisten aller Art ans Herz legen. Er lautet: «Einen Menschen töten heisst nicht, eine Lehre zu verteidigen, sondern einen Menschen töten.»

Gegen Hinrichtung von Ketzern

Schon 1544 zog Castellio wegen eines Disputs mit Calvin von Genf ins liberalere Basel. Hauptanlass für den Streit zwischen Calvin und Castellio gab jedoch neun Jahre später die Hinrichtung eines sogenannten Ketzers. Am 27. Oktober 1553 liess das reformierte Genf den spanischen Arzt und Querdenker Miguel Servet zu Tode foltern: Servet wurde auf schwachem Feuer bei lebendigem Leibe langsam verbrannt. Was war sein Verbrechen? Er lehnte einige damalige Glaubensgrundsätze ab, allen voran die Dreifaltigkeit Gottes.

Castellio teilte Servets Ansichten nicht. Aber sein Punkt war gerade der: Wessen Ansichten wir nicht teilen, den sollen wir für diese trotzdem nicht töten. Bei der Wahrheitssuche eigene Gedanken dazu zu äussern, dürfe nicht als Kapitalverbrechen geahndet werden. Zumal es eine totale Objektivität in Glaubensfragen ja gar nicht geben könne. In «Über Ketzer und ob man sie verfolgen soll» trug Castellio solche Argumente gegen die Hinrichtung Andersdenkender zusammen. Calvin fand heraus, dass Castellio hinter diesem Manifest der Toleranz steckte, und begann von Genf aus, gegen ihn zu intrigieren.

Tod durch Erschöpfung

Sebastian Castellio lebte in Basel mit seiner Frau und sieben Kindern in bitterer Armut. Lange hielt der feinfühlige Intellektuelle sich und seine Familie mit einfachen Jobs über Wasser. Der Übersetzer von Grössen wie Homer und Herodot, der Verfasser von Werken wie «De arte dubitandi», die Kunst des Zweifelns, musste neben einer Arbeit als Korrektor selbst Holz hacken, Wasser holen. Erst 1553 bekam er an der Uni eine Altgriechisch-Professur.

1563 wurde auch Castellio der Ketzerei angeklagt. In einem Schreiben an den Grossen Rat konnte er sämtliche Anschuldigungen widerlegen. Wie der Prozess herausgekommen wäre, bleibt für immer offen. Castellio starb vor der Urteilsverkündigung, am 29. Dezember 1563. Erschöpft und unterernährt.

Der Schriftsteller Stefan Zweig erinnert 1936 in «Castellio gegen Calvin» an des Humanisten mutigen Kampf gegen den Totalitarismus. Für Zweig war diese späte Castellio-Biografie auch ein Appell gegen den Faschismus, gegen Hitler. Die Nationalsozialisten verboten das Buch. Zweig schreibt über Castellio: «Jahrelang lebt im Schatten der Verfolgung, im Schatten der Armut dieser grosse und bescheidene Humanist ein kärglichstes Dasein dahin, ewig beengt, aber ewig auch frei, weil keiner Partei verbunden und keinem Fanatismus verschworen.»

Castellio hätte weit Besseres verdient, findet auch eine Gruppe von Baslern. Zu seinen Ehren hat sie heute mehrere Castellio-Forscher und Autoren eingeladen. Der Historiker Peter Litwan wird zudem seine neuen Erkenntnisse über das Verschwinden von Castellios Grabplatte im Münster-Kreuzgang erläutern. Nicht zuletzt hofft die Gruppe, der Humanist möge endlich die Ehre bekommen, die ihm gebührt: eine Gedenktafel im Münster oder wenigstens im St. Alban-Tal.

Die Castellio-Vorträge finden heute um 14.30 Uhr in der Allgemeinen Lesegesellschaft am Münsterplatz statt. Lesen Sie dann hier am Montag über die konkreten Forderungen der Historiker.

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