Austausch
Sich finden, wo alles andere fremd ist

Ein Jahr in einer anderen Kultur zu erleben, ist gerade bei Schweizer Jugendlichen sehr beliebt: Es gibt dafür so viele Angebote, wie Gründe.

Delphine Conzelmann
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ICYE-Teilnehmer aus der ganzen Welt trafen sich in Neuseeland.

ICYE-Teilnehmer aus der ganzen Welt trafen sich in Neuseeland.

zvg

Für viele Schweizer Jugendliche gehört ein Jahr in einem anderen Land mittlerweile zu ihrer Ausbildungszeit dazu, wie der Schulabschluss. Der Dachverband zur Förderung von Jugendaustausch, «intermundo», hat untersucht, wie interkultureller Austausch heute funktioniert, und in einem neuerschienen Buch die grössten Trends präsentiert.

Guido Frey, Geschäftsleiter von intermundo, sagt, es sei schwer, sich im Meer der Austauschangebote zurechtzufinden: «Genaue Zahlen gibt es nicht, weil es besonders im kommerziellen Bereich sehr viele Angebote gibt». Es ist ein Geschäft mit dem Wunsch nach Selbstverwirklichung. Denn so sehr es um andere Kulturen geht, die man bei einem Austausch kennenlernen möchte, ist das, was oftmals wirklich im Fokus steht, die Suche nach dem Selbst.

In die Zukunft investieren

Zum Beispiel, nach dem erfolgreichsten Selbst. Die Leistungsgesellschaft ist nämlich auch im Austausch angekommen: «Es gibt eine zunehmende Sichtweise bei Schülern und ihren Eltern, dass bei einem Austausch, ein Jahr verloren geht, das in die Schule hätte investiert werden können». Diese Sichtweise sei problematisch, denn die Austauscherfahrungen seien für die Entwicklung der Austauschschüler meist von unschätzbarem Wert.

Dennoch gibt es Versuche, auch diese persönlichen Einsichten für den Lebenslauf greifbar zu machen: Ein Maturaprofil mit dem Fokus «interkulturelle Kompetenzen», bei dem das Jahr im Ausland ein Kernbestand sein soll, wird im Trend-Buch vorgestellt.

Aber nicht nur für Gymnasiasten soll ein Austausch die Perspektive für die eigene Zukunft erweitern: «Immer beliebter wird die Option, anstelle des zehnten Schuljahrs, vor oder während der Lehre ein internationales Berufspraktikum zu machen», sagt Frey. Für Jugendliche, die vor grossen Entscheidungen für ihre berufliche Zukunft stehen, sei die Möglichkeit, sich zu orientieren, einer der meistgenannten Gründe für einen Austausch.

Das berichtet auch Karoline Blok aus Dänemark, die vor drei Monaten mit der Austauschorganisation «International Cultural Youth Exchange» (ICYE) nach Basel gekommen ist: «Hier arbeite ich in einem Freizeithaus für Jugendliche. Das bereitet mir nicht nur grosse Freude, sondern hilft mir auch, mich für eine spätere Ausbildung zu entscheiden». Frey kennt das Phänomen aus eigener Erfahrung: «Um sich darüber klar zu werden, was man wirklich will, lohnt sich ein Ausbrechen aus der Routine, deren Sachzwänge oft die Sicht auf die eigenen Bedürfnisse verstellen».

Die stetige Erreichbarkeit und der Informationsüberfluss, den die Digitalisierung mit sich gebracht hat, würden deshalb dazu führen, dass sich Leute vermehrt eine Auszeit wünschen. Das immer beliebtere Modell, sich nach längerer Zeit der Berufstätigkeit ein Sabbatical zu gönnen, ruft auch im Austausch-Sektor neue Angebote auf den Plan: «Digital Detox» im Ausland, Yogamonate in Indien, oder Japanisch-Intensivkurse vor Ort.

Austausch ist nicht mehr nur ein Trend unter Jugendlichen, sondern gehört als Suche nach einem erfüllteren Leben zum modernen Lifestyle dazu. Dabei will nicht nur das Selbst verbessert werden, sondern am besten die ganze Welt.

Kulturschock vorprogrammiert

«Voluntourismus» heisst ein Trend, bei dem private Anbieter es selbst ernannten Wohltätern ermöglichen, kurzfristig in hilfsbedürftige Regionen zu reisen. Frey warnt vor den Schattenseiten dieses Geschäfts: «Oft werden prekäre Zustände dadurch sogar noch verschärft. Wer für zwei Wochen Baumwolle pflücken geht, hilft nicht nur niemandem, sondern nimmt unter Umständen sogar Einheimischen die Arbeit». Seriöse Freiwilligeneinsätze seien hingegen ganz im Sinne eines Austausches für alle Beteiligten ein Gewinn und erfreuen sich deshalb grosser Beliebtheit. So war es auch bei Lena Luchsinger.

Die FHNW-Studentin reiste mit ICYE für sieben Monate Kolumbien und vereinte dabei Wohltätigkeit und Selbstverwirklichung. «Die Sprache und die Kultur hatten mich schon immer fasziniert», sagt sie. Vor der Reise wurde sie aber von der Austauschorganisation von einer romantischen Vorstellung gewarnt: «Illusionen darf man sich keine machen. Auch wenn man sich noch so gut vorbereitet, fühlt es sich an, wie ein Sprung ins kalte Wasser».

Kulturschock vorprogrammiert – das sei aber nicht negativ. Das Leben in einer fremden Kultur habe sie gelehrt, Bekanntes zu schätzen, mit schwierigen Situationen lockerer umzugehen und andere Lebensarten zu akzeptieren. Und auch für Karoline Blok wird die Zeit in der Schweiz vor allem durch das Teilen bereichert: «Sogar beim gemeinsamen Mittagessen erlebe ich kulturellen Austausch und jede Unterhaltung ist lehrreich», erzählt sie und freut sich auf die acht Monate Basler Austausch, die noch vor ihr liegen.

Beide jungen Frauen sind sich einig, dass sie in der Welt des «Anderen», sich selbst noch einmal ganz neu kennen gelernt haben. Für Frey zeigen solche Berichte: «Die beste Friedensarbeit geschieht dort, wo sich Menschen von verschiedenen Kulturen begegnen und voneinander lernen». Und das, glaubt er, ist ein Trend, der anhält.

ICYE sucht derzeit noch eine Gastfamilie, die Karoline Blok ab Mitte August, idealerweise für sechs Monate aufnehmen kann. Interessenten sollen sich unter info@icye.ch melden.