Behavioral Sciences
Sie durchleuchtet das Verhalten der grossen Firmenbosse

Ihre Themen sind abgehobene Chefs, blindes Vertrauen, geschockte Anleger: Die Ökonomin Ulrike Malmendier beschäftigt sich in ihren wissenschaftlichen Studien mit dem Verhalten von Firmenbossen und den langfristigen Folgen wirtschaftlicher Krisen.

Stefan Schuppli
Drucken
Ulrike Malmendier.

Ulrike Malmendier.

Nicole Nars-Zimmer

Wie ist so etwas nur möglich, rätseln wir derzeit. VW hat doch einen guten Namen, und von einem deutschen Konzern hätte man das auch nicht erwartet. War das Dummheit, Grössenwahn, eine Mischung von beidem oder noch anderes?

Mit dem Fall VW habe sie sich wissenschaftlich nicht befasst, sagte gestern die Ökonomin Ulrike Malmendier in einem Gespräch mit der bz vor ihrem Referat im Bernoullianum in Basel. Es sei aber gut möglich, dass es mit «over confidence», mit dieser Art blindem Vertrauen zu tun hat, das man innerhalb eines Betriebes dem allmächtigen und scheinbar unfehlbaren Konzernchef entgegenbringt.

Solch grosse Skandale kämen ja auch in der Regel nicht einfach so, sie bauten sich auf. Zuerst wird nur hier ein bisschen geschönt und da ein bisschen gemogelt, «und vielleicht ist das zunächst auch alles noch rechtens, mag sein», sagt Malmendier. «Und dann schlittert man immer mehr in eine Richtung, die ganz übel endet.»

Heilsame Schocks

VW war auch nicht das Thema des Vortrages, den Malmendier gestern Abend in Rahmen der «Bernoulli Lecture for behavioral Sciences» hielt. In ihren Studien fragt sie beispielsweise, welche langfristige Folgen wirtschaftliche Krisenerlebnisse oder Schocks haben. Ändert sich das Verhalten? Ändert sich die Risikoeinstellung?

Derzeit schaut sie sich die Bankengeschichte der letzten Hundert Jahre an. Es sei sehr interessant festzustellen, dass Banken, die einige grosse Krise erlebt hatten, mit der Zeit vorsichtiger und konservativer geworden seien. «Was ich im Zeitraum seit 1980 bis heute gefunden habe, überraschte. Banken mit kleineren Krisen, denen im Wesentlichen nichts passierte, gingen höhere Risiken ein, nach dem Motto «wir schaffen das eh». Ob sie deshalb Hoffnung für die UBS sehe? «Ja, sicher.»

Eine Entwicklung während und nach der Krise sei auch mit Blick auf den Anleger interessant. Ist das Vertrauen in die Firma gebrochen? Die Wertvernichtung an der Börse sei jedoch nur das eine. «Es gibt nicht nur einen Schaden für VW. Der ist irgendwann gemanagt», sagt sie. Eine Untersuchung einer schwedischen Kollegin habe gezeigt, dass bei grösseren Firmenkrisen das Vertrauen der Kleinanleger insgesamt erschüttert würde. «Die Kleinanleger werden verunsichert und verhalten sich risikoscheuer.»

Vergessen die Leute nicht auch rasch? Natürlich gibt es da ein gewisses Vergessen. Aber Krisen wirkten recht gründlich.

Auch der Herdentrieb kann eine Rolle spielen. So habe sie die Jungunternehmer-Szene in der Harvard Business School angeschaut. Die Erfolgsquote der Startups ist sehr gering, und trotzdem entscheiden so viele, Unternehmen zu gründen. Man könnte hier eine Bewegung vermuten, die durch Gruppen- und Erfolgsdruck zustande kommt. Sie habe aber das Gegenteil entdeckt: Es gab einige Unternehmensgründer innerhalb Harvards, die warnten, dass das Unternehmerleben mitunter auch recht hart sein kann. Die Warnungen seien angekommen.

Ein CEO wie ein Rockstar

Was kann eine erfolgreiche Industrie von den Erkenntnissen von Ulrike Malmendier lernen? Was in der Schweiz gut sei: es gibt keine Superstar-Kultur der Unternehmensleiter wie im angelsächsischen Raum. «In den USA werden sie zum Teil wie Rockstars hochgejubelt. Dann geben diese Leute viele Interviews und Homestories, gehen ans WEF nach Davos, sprechen da und dort und kommen gar nicht mehr dazu, die Firma zu leiten.» Da sei man hier ein bisschen bescheidener, nachhaltiger. «Konzentriert euch auf euren Job, lasst euch nicht ablenken», findet sie.

Sie selbst wird ja auch schon als Superstar gehandelt und hat Auszeichnungen erhalten. Wendet sie ihre Erkenntnisse auch auf sich selbst an? «Mir gefällt das nicht immer so gut, aber Anerkennung ist ja auch erfreulich. Das ist schon ein Dilemma. Und ich war auch schon am WEF», sagt sie schmunzelnd. «Das ist ein Schauspiel. Und es ist natürlich spannend, weil dort die Leute sind, die Gegenstand meiner Untersuchungen sind, meine Studienobjekte. Handkehrum frage ich mich schon, ob ich eine Woche dorthin fahren kann und ob ich das aus Sicht meines Arbeitspensums zu rechtfertigen ist.» So viel Zwiespalt darf sein.

Aktuelle Nachrichten