Universität Basel
Neun Jahre dauerte die Leidensgeschichte: Jetzt ist das Biozentrum eröffnet

Das Basler Biozentrum hatte in den vergangenen Jahren mit etlichen Bauproblemen zu kämpfen. Jetzt soll nur noch die Forschung zählen.

Silvana Schreier
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Das Biozentrum in neuem Glanz: Rund 900 Studierende dürfen hier lernen.

Das Biozentrum in neuem Glanz: Rund 900 Studierende dürfen hier lernen.

Bild: Kenneth Nars

Das Biozentrum gehört bereits zum Stadtbild. Wer den Neubau der Universität Basel vom Kleinbasler Rheinufer aus entdeckt, glaubt zuerst, auf eine wahrgewordene Visualisierung eines fast durchsichtigen Gebäudes zu blicken. Seit dieser Woche ist das Biozentrum nun auch belebt: Der Unilehrbetrieb hat begonnen, Studierende und Forschende sind in die Räumlichkeiten eingezogen. Grund genug, die offizielle Eröffnung des Biozentrums zu feiern.

Dass das Forschungsgebäude 110 Millionen Franken mehr gekostet hat, dass die Bauarbeiten auch nach Beendigung noch für politische Diskussionen sorgen, dass eine ausserordentliche Parlamentarische Untersuchungskommission (PUK) des Basler Grossen Rats das Debakel untersucht: Davon war am Dienstag kaum etwas zu spüren.

«Freude herrscht!»

Die Baselbieter Regierungsrätin Monica Gschwind begann ihre per Video übertragene Rede mit: «Freude herrscht!» Der von alt Bundesrat Adolf Ogi geprägte Ausdruck passe zum Eröffnungstag des Biozentrums, sagte sie weiter. Derweil betonte der Basler Regierungsrat Conradin Cramer die «Herkules-Leistung», die zum Erfolg geführt hätte.

Uni-Rektorin Andrea Schenker-Wicki nutzte den feierlichen Anlass für die Begrüssung des Professors und Leiter des Biozentrums, Alex Schier. «Vor fünf Jahren war ich in Boston und fragte mich: Wie schaffe ich es, ihn nach Basel zu holen?» Ihr einziger Trumpf sei dieses Gebäude gewesen. Auch wenn sie ihm eine Fertigstellung bis zu seinem Arbeitsbeginn in Basel im Jahr 2018 versprochen gehabt habe.

Pioniergeist ist in den neuen Wänden spürbar

Im neuen Biozentrum sind seit Montag 32 Forschungsgruppen mit rund 400 Wissenschafterinnen und Wissenschaftern aus über 45 verschiedenen Ländern tätig, schreibt die Uni. Der Unterricht der Studierenden hat bereits begonnen, und neu können auch Lernende der dritten und vierten Semester die Laborräumlichkeiten für Projekte nutzen. Biozentrum-Leiter Schier sagte: «Ich spüre einen ähnlichen Pioniergeist wie vor 50 Jahren.» Damit spricht er das Jubiläum des Biozentrums in Basel an, dessen Geschichte 1971 begann.

Das neue Biozentrum ist endlich fertig.
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Der Eingang für die Studierenden ins neue Biozentrum.
Im Untergeschoss sind die Vorlesungssäle und der Eingang für die Studierenden.
Ein Blick in einen der Vorlesungssäle.
Im Erdgeschoss befindet sich unter anderem eine Cafeteria.
Im ersten Stock befinden sich Arbeitsplätze und Seminarräume.
So sieht einer der Seminarräume aus.
An den Arbeitsplätzen kann man sich auch gut in grösseren Gruppen treffen.
Im zweiten Stock gibt es Praktikumsplätze für Studierende im Bachelor-Level Fokus Molekularbiologie.
Zwischen den Laboren gibt es eine sogenannte Sozialzone.
Die Arbeitsplätze im 11. Stock haben eine tolle Aussicht.
Ausserdem gibt es im 11. Stock weitere Labore mit einer ebenso tollen Aussicht.
In den Pausen kann man sich auch sportlich betätigen.
Draussen und sogar drinnen gibt es einzelne Vita-Parcous-Stationen.

Das neue Biozentrum ist endlich fertig.

Bilder: Kenneth Nars

Doch auch in Zukunft wird wohl nicht nur die Forschung für Schlagzeilen sorgen: Ende Jahr wird der Bericht der Parlamentarischen Untersuchungskommission (PUK) des Basler Grossen Rats erwartet. Dass eine PUK das Baudebakel untersucht, zeigt die Bedeutung: Zuvor wurde erst einmal – 2003 aufgrund eines Milliardenverlustes der Pensionskasse des Basler Staatspersonals – eine solche Kommission eingesetzt.

Die PUK wird in ihrem Bericht die entstandenen Mehrkosten über 110 Millionen Franken, die Bauverzögerungen und die Schwierigkeiten bei der Planung des Neubaus angehen. Bildungsdirektor Cramer sagte an der Eröffnung optimistisch:

«Es ist nicht alles nach Plan gelaufen. Etwa die Kosten stiegen ins Unplanbare. Aber nie ins Unkontrollierte.»

Die Chronik des Biozentrum-Debakels

  • Mai 2012: Der Bebauungsplan für den neuen Campus der Universität Basel auf dem Schällemätteli wird aufgelegt. Der Life-Science-Campus soll bis 2028 fertiggestellt sein, heisst es damals. Das Biozentrum macht dabei den Anfang und soll 2017 eröffnet werden.
  • August 2012: Die Basler Regierung beschliesst den Bebauungsplan. Das Biozentrum darf 240 Millionen Franken kosten.
  • November 2012: Die ersten Mehrkosten von 20 Millionen Franken werden bekannt. Im Sommer 2013 sollen Bauarbeiten beginnen. Christoph Eymann (LDP), damals Regierungsrat, sagt damals zur bz: «Die Parlamente wollen zu Recht möglichst früh wissen, was ein Projekt ungefähr kosten wird. Wenn man sich dann, dank des Projektierungskredites, den das Parlament gesprochen hat, vertiefter mit der Materie befasst, tauchen meist neue Kostenfaktoren auf.»
  • Januar 2013: Der Grosse Rat segnet den Bebauungsplan für das Biozentrum ohne Gegenstimme ab. Eine Einsprache wurde abgewiesen. Die Bildungs- und Kulturkommission drängt in ihrem Bericht darauf, dass wegen der Mehrkosten von 34 Millionen Franken die Legislative in Zukunft auch bei Projekten dieser Grösse verlässlichere Angaben erhält.
  • April 2013: Der Baselbieter Landrat segnet den 158-Millionen-Kredit ab.
  • Frühjahr 2014: Die erste Bauphase beginnt. Die Baugrube wird bis Mai 2014 ausgehoben. Die Inbetriebnahme des Biozentrums ist für 2017 geplant.
  • April 2014: Die Bauarbeiten stehen still: Eine bei der Submission eines Bauauftrags unterlegene Firma hat gegen den Vergabeentscheid Rekurs eingelegt, wie das Basler Bau- und Verkehrsdepartement (BVD) mitteilt.
  • 13. Mai 2014: Grundsteinlegung mit Bundesrat Johann Schneider-Ammann.
  • August 2014: Das Appellationsgericht lehnt den Rekurs eines österreichischen Generalunternehmers ab, der im Bieterverfahren unterlegen war. Das Verfahren verzögert die Bauarbeiten, und deshalb wird der Termin der Fertigstellung nicht eingehalten werden können.
  • Oktober 2014: Die Generalunternehmung Erne AG aus Laufenburg erhält den Auftrag nun definitiv. Damit können die Bauarbeiten am 20. Oktober 2014 wieder aufgenommen werden.
  • April 2016: Ein Verteilerkasten im Biozentrum fängt Feuer. Der Sachschaden beläuft sich auf 20'000 Franken.
  • Mai 2016: Das Biozentrum hat seine endgültige Höhe erreicht. Es soll im September 2018 eröffnet werden.
  • September 2016: Der Rohbau ist fertig. Im Herbst 2017 sollen die Bauarbeiten abgeschlossen sein.
  • Juli 2017: Erneut entstehen Verzögerungen, weil die Sanitärplanung ausgewechselt werden muss. Die Mängel an der Gebäudetechnik wurden bereits Ende 2016 festgestellt. Der Neubau kann damit erst 2019 bezogen werden.
  • Oktober 2017: Alex Schier wird neuer Leiter des Biozentrums der Universität Basel. Der Basler Forscher verlässt für diesen Posten die Harvard University in Cambridge (USA).
  • Mai 2018: Das BVD prognostiziert Mehrkosten im einstelligen Prozentbereich. Das ist neu: Denn bisher hiess es, dass trotz Baumängeln der Kostenrahmen eingehalten werden könne. Nun soll das Biozentrum 20 Millionen Franken mehr kosten.
  • September 2018: «Bei der Betonplatte im Bereich der beiden Brunnenanlagen an der Spitalstrasse sowie durch einen undichten Schlammsammler ist Wasser in die Untergeschosse des Gebäudes eingedrungen», teilt das BVD mit. Zudem sei eine Wasserleitung in einem Lüftungsgerät geborsten und habe Teile der Technikzentrale beschädigt. Der Bezugstermin für das Biozentrum, der eigentlich für den Sommer 2016 geplant gewesen war, verzögert sich somit schon zum vierten Mal. Neu vorgesehen ist der Oktober 2019.
  • Mai 2019: Die Untergeschosse werden geflutet. Schuld ist ein Rohrbruch im dritten Stock. Das BVD nennt mittlerweile keinen Einzugstermin mehr. Wie hoch die Mehrkosten ausfallen, wird ebenfalls nicht kommuniziert. Das BVD schreibt: «Eine Beurteilung, ob es sich um ‹aussergewöhnlich viele Regiearbeiten› handelt, ist schwierig, weil uns vergleichbare komplexe Bauvorhaben fehlen.»
  • Juni 2019: Bis jetzt sollen 43 Schadenfälle vermerkt sein. Darum wurde ein Schadenmanager eingesetzt. Bis Ende 2019 sollen die Bauarbeiten abgeschlossen sein, sodass das Biozentrum übergeben werden könnte an die Uni. Die Kantone gehen davon aus, dass die Kosten um einen Betrag im zweistelligen Prozentbereich steigen.
  • Juli 2019: Es wird bekannt, dass der Neubau zwischen 32 und 64 Millionen Franken teurer wird.
  • Dezember 2019: Die Bauarbeiten sind eigentlich fertig, aber die technischen Anlagen funktionieren noch nicht. Laut BVD sind vertraglich geschuldete Leistungen noch ungenügend oder unvollständig erbracht worden. Die Regierungen beider Basel rechnen beim neuen Basler Biozentrum mit Mehrkosten von 21 bis 33 Prozent. Der Termin für die Übergabe des Neubaus an die Universität wurde nun auf das vierte Quartal 2020 festgesetzt. Und die Geschäftsprüfungskommission (GPK) des Grossen Rats will sich als Parlamentarische Untersuchungskommission (PUK) einsetzen lassen.
  • Januar 2020: Das Basler Parlament sagt Ja zur PUK.
  • März 2020: Der Grosse Rat spricht eine Million Franken für die PUK-Untersuchung. Der Bericht zum Biozentrum soll bis Ende 2021 fertig sein.
  • April 2020: Die Abwasserleitungen im Biozentrum sollen zu stark blubbern. Darum müssen sie «ummantelt und schallisoliert» werden.
  • September 2020: Die PUK startet einen Aufruf. Sie braucht Whistleblower für den Bericht zum Biozentrum.
  • Januar 2021: Die Regierungen beider Basel übergeben das Biozentrum an die Universität. Der Lehrbetrieb soll im Herbst 2021 starten.
  • 21. September 2021: Das Biozentrum wird eröffnet, und der Unibetrieb beginnt.

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