Therapie mit Tier

«Viele Kinder wissen auch nach der dritten Therapie nicht, wie ich heisse, kennen aber die Namen aller Tiere»

Tiere spiegeln das Verhalten der Menschen wider. Auf dem Bäumlihof in Riehen lernen Patienten so, ihre eigenen Ängste zu überwinden.

Am Zaun des Pferdestalls hängen 26 Fotos. Sie zeigen alle Tiere, die auf dem Bäumlihof leben - Pferde, Ponys, Geissen, Kaninchen und Hühner. Unter jedem Foto steht ein kleiner Text. Dort wird beschrieben, wie das Tier auf den Hof kam und was seinen Charakter ausmacht. «Viele der Kinder, die zu uns in die Therapie kommen, wissen auch nach der dritten Stunde nicht, wie ich heisse, kennen aber die Namen aller Tiere und ihre Charaktere», erzählt Milena Petignat. Sie ist Therapeutin und Co-Präsidentin bei Compas, einem Institut für natur- und tiergestützte Interventionen auf dem Bauernhof Bäumlihof in Riehen.

Bis vor kurzem hielt eine Bauernfamilie ihre Tiere auf dem Bäumlihof. Petignat kannte die Familie und war oft vor Ort. Nach ihrem Psychologiestudium arbeitete sie bei einem Projekt zu tiergestützter Therapie, wo sie die Arbeit von Dr. Karin Hediger kennenlernte. Als die Familie sich entschied, auf einen eigenen Hof zu ziehen, ergriffen Petignat und Hediger die Chance. Sie schlossen sich mit dem Pächter und Landwirten des Bäumlihofs zusammen und gründeten gemeinsam den Verein Compas.

Als ambulantes Institut ist dieses Angebot einzigartig in der Region. Mittlerweile arbeiten 13 Personen für den Verein. «Im Vergleich zum Jahr 2018 haben sich die Therapiestunden 2019 verdreifacht», sagt Petignat.

Gemeinsam mit dem Tier Hürden überwinden

Die meisten Patientinnen und Patienten bei Compas sind Minderjährige, erzählt die Co-Präsidentin. «Aber nicht nur für Kinder, auch für Erwachsene ist die tiergestützte Therapie eine sehr hilfreiche Methode.» Oft sei sie gerade für Menschen, die keine klassische Therapie möchten, besonders gut geeignet. «Das Setting ist sehr unbedrohlich. Im Gegensatz zu herkömmlichen Therapiestunden steht hier nicht das Gespräch unter vier Augen im Zentrum, sondern das Tun. Man ist meistens draussen in der Natur und aktiv.»

Hinter dem Pferdestall liegt das Hühnergehege. Vor dem Tor spazieren Talvi, Liis, Asca und Helin über den Platz. Sie sind Seidenhühner und sehr klein. «Deshalb passen sie durch die Lücken im Zaun und büxen immer wieder aus», erzählt Petignat. Der Hühnerstall ist gross und fast schon gemütlich eingerichtet. Bei schlechtem Wetter finden auch hier manchmal Therapiestunden statt.

Auf dem Zaun zum Hühnergehege sitzt Ophelia, ein schwedisches Isbar-Huhn. Sie ist neugierig, kommt immer näher und pickt ins Notizbuch. Sie will genau wissen, was da besprochen und aufgeschrieben wird. Das Phänomen, dass Tiere die Menschen ins Hier und Jetzt holen, sei wichtig bei der Therapie, erzählt Petignat. Die Tiere spiegeln die Patienten und helfen ihnen dadurch, sich selbst besser wahrzunehmen. Ausserdem sei das Prinzip der Triade entscheidend. Therapeutin, Patient und Tier stehen in einer Dreiecksbeziehung. Ohne über sich selbst zu sprechen, zeigt der Patient seinen Charakter, seine Ängste und Verhaltensmuster im Umgang mit dem Tier.

Zudem kann der Patient

beobachten, wie die Therapeutin mit dem Tier umgeht, ohne selbst involviert zu sein. Er lernt, dass man sich in gewissen Momenten behaupten muss und dass auch die Therapeutin manchmal nicht alles unter Kontrolle hat, aber immer ein Weg gefunden werden kann, um die Situation zu lösen.

«Häufig üben wir in den Therapiestunden auch gemeinsam mit den Tieren Hürden zu überwinden», sagt Petignat. Sie erzählt von einem Mädchen im Teenageralter, dem ein wichtiges Gespräch bevorstand - ein grosses Hindernis für sie. Um zu lernen, sich solchen Ereignissen zu stellen, bekam sie ein Pferd zugeteilt, das grosse Angst vor einem Tor aus bunten Schaumstoffstangen hatte. Die Aufgabe der jungen Patientin war es nun, das Pferd zu ermutigen, vertrauensvoll durch das Tor zu gehen. So erlernte sie Methoden, die sie danach auf ihre eigene Situation anwenden konnte. Oft helfen die Tiere den Patienten auch, ihre eigenen Gefühle überhaupt erst zu erkennen. «Pferde sind Meister im Spiegeln von Gefühlen. Wenn man selbst nervös oder schlapp ist, reagiert das Pferd dementsprechend», sagt Petignat.

Für jedes Kaninchen ein eigener Steckbrief

Bei dem elfjährigen Benjamin sind es allerdings nicht die Pferde, sondern die Kaninchen, die ihm beigebracht haben, sich selbst genauer wahrzunehmen. Im Sommer dieses Jahres war er oft sehr niedergeschlagen, ihm fehlte der positive Blick nach vorne. Mit 18 Monaten bekam er die Diagnose Asperger-Syndrom. Seitdem haben seine Eltern mit ihm schon zahlreiche Therapiemethoden ausprobiert. Auch jetzt macht er verschiedene Therapien. «Der wöchentliche Besuch bei seinen Kaninchen ist aber immer das absolute Highlight der Woche», erzählt sein Vater. Er ist heute das erste Mal mit dabei. Sonst wird Benjamin meistens von seiner Mutter begleitet. Trotzdem kennt er alle Tiere schon ganz genau, weil sein Sohn ihm so viel von ihnen erzählt. Benjamin hat Karotten mitgebracht. Zielstrebig läuft er zum Hasenstall und sucht nach Ayoko.

«Ayoko ist mein Lieblingskaninchen, weil er ist wie ich. Er ist oft sehr nervös und braucht Zeit für sich.» Solche Erkenntnisse sind zentral für die Therapie. Milena Petignat erzählt, dass sie gemeinsam mit Benjamin Steckbriefe zu den einzelnen Kaninchen angefertigt hat. So konnte er beschreiben, wie er die Tiere sieht, was sie besonders mögen und was nicht. Nun ist er dabei, einen Steckbrief über sich selbst zu erstellen. Ausserdem haben sie gemeinsam eine «Relax-Bag» erstellt. Darin sind unter anderem Bilder von seinen Lieblingstieren. «Wenn Benjamin dieses Fotoalbum zu Hause anschaut, hilft ihm das sehr gut runterzukommen und sich zu entspannen», erzählt sein Vater.

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