Das Virus und wir

Virus-Anekdoten, Gedanken und Stimmungsbarometer aus unserer Redaktion

Was das Virus mit uns macht? Einige Redaktorinnen und Redaktoren geben Einblick in ihren Alltag.

Was das Virus mit uns macht? Einige Redaktorinnen und Redaktoren geben Einblick in ihren Alltag.

«Das Virus und wir» heisst unsere bz-Kolumnenreihe, die regelmässig mit Anekdoten und ernst oder weniger ernst gemeinten Gedanken aus dem Corona-Alltag unserer Redaktorinnen und Redaktoren befüllt wird. Eine kleine Auswahl gibt es hier.

Mond, Mars oder Meisterwerk?

Ikonenhafte Filmszene aus «2001 – A Space Odyssey»: Stanley Kubrick dachte im Jahre 1968 weit über die Grenzen des Machbaren hinaus. Ob die hier beschriebenen Zukunftsvisionen den Zeitplan einhalten?

Ikonenhafte Filmszene aus «2001 – A Space Odyssey»: Stanley Kubrick dachte im Jahre 1968 weit über die Grenzen des Machbaren hinaus. Ob die hier beschriebenen Zukunftsvisionen den Zeitplan einhalten?

«Der Furcht einflössendste Fakt über das Universum ist nicht, dass es uns gegenüber feindselig eingestellt wäre – sondern gleichgültig.» Das Zitat stammt von Stanley Kubrick, der sich im September 1968 in einem Interview erfolgreich davor drückte, sein «2001: A Space Odyssey» zu erklären. Der Regisseur wollte das Publikum insbesondere bei der Deutung der kryptischen End-Sequenz allein lassen.

Allein gelassen oder zumindest allein fühlen sich in Zeiten von Social Distancing wohl einige; auch das Ende ist in der aktuellen Coronakrise nicht absehbar. Und manch einer flüchtet sich in den Glauben, das Virus sei ein Racheakt unseres Planeten. Dass wir COVID-19 im Grunde egal sind, ist noch schwerer zu ertragen.

Linderung verschafft die Science-Fiction: zum einen als Mittel zur Weltflucht, zum anderen als Wegleitung für die Tage im Lockdown. Denn in keinem anderen Genre sind Ungewissheit und Isolation so beherrschende Themen wie hier. Wie also gehen die Helden dieser Filme und Bücher mit der Einsamkeit um?

Tagebuch eines Marsreisenden

Astronaut Mark Watney wird in «The Marsian» (der Film mit Mat Damon ist gut, aber besser noch ist die Buchvorlage von Andy Weir) von seinen Kollegen auf dem Mars zurückgelassen. 678 lange Tage kämpft der Biologe ums Überleben. Das ist kurzweilig zu lesen, aber hilft nur bedingt. Denn die Einsamkeit macht dem Astronauten anscheinend nicht zu schaffen, jedenfalls schreibt er in seinen detaillierten Tagebucheinträgen kein Wort darüber. Dabei hatte er genau fürs Gegenteil trainiert: für das Zusammenleben mit anderen Marsreisenden auf engstem Raum.

Sam Bell zeigt da schon mehr Symptome: In «Moon», dem mutigen Regie-Debut von Duncan Jones (Spross von «Starman» David Bowie) bewacht er als einziger Bewohner eine Mond-Station. Bis er sich eines Tages selber begegnet. Wer in der Corona-Isolation bereits erste Selbstgespräche geführt hat, kann nur zu gut mitfühlen.

Weiter zum Jupiter und zurück zu Kubricks Meisterwerk: Auch «2001»-Held David Bowman trifft am Ende seiner Reise auf sich selbst – als Greis auf dem Sterbebett und als Ungeborenes im Mutterleib zugleich. Kubrick liess mehrfach durchscheinen, dass das Ende (wie bei manchen seiner Filme) anders geplant gewesen war. Aber zumindest in der häufigsten Deutung hat der Schluss etwas versöhnliches: Das Ende sei nämlich der Anfang.

Redaktor: Stefan Strittmatter

Theater

Auch in den Sozialen Medien gibts Theater. (zvg / Getty Images)

Auch in den Sozialen Medien gibts Theater. (zvg / Getty Images)

Die Schauspielhäuser haben zu. Man muss dennoch nicht ganz auf Theater verzichten, wie der folgende, fast wörtlich aus den Sozialen Medien übernommene Dialog illustriert.

A: Ich kann es nicht beweisen, aber ich weiss, dass die da oben uns anlügen.

B: Die Götter?

A: Nein, die Politiker. Die lügen doch alle.

B: Das weisst Du, ohne zu wissen, wieso Du es weisst?

A: Ja. Und Du glaubst denen ja alles, was die zu Corona sagen.

B: Nein.

A: Also meinst Du auch, dass die uns da Lügen auftischen.

B: Das habe ich nicht gesagt. Ich finde, die Politiker und Experten in unserem Land legen aktuell sehr transparent dar, was einerseits die Facts sind und wo man sich andererseits schlicht nicht sicher ist.

A: Ein Fakt ist, dass es 2017/18 wegen einer Grippe-Epidemie mehr Tote gab als jetzt. Da haben sie auch nichts gemacht.

B: Und ohne Bein kann man auch leben, also muss man wegen einem gebrochenen Fuss nicht zum Arzt.

A: Hä?

B: Ich wollte damit nur aufzeigen, dass das eine mit dem anderen doch nichts zu tun hat.

A: Es sind beides Epidemien!

B: Technisch gesehen ist das jetzt eine Pandemie.

A: Das ist das gleiche.

B: Wenn schon «dasselbe». Aber auch dann nicht: Wenn Du für das eine versichert bist, bekommst Du für das andere kein Geld.

A: Du schweifst ab.

B: Da stimme ich Dir sogar zu.

A: OK, dann lies mal das: (postet Link zu einem Internetportal, das einen Artikel einführt mit «Ein Schweizer Arzt hat uns gebeten, diese Informationen zu veröffentlichen».)

B: Das nenne ich mal einen Vertrauens erweckenden Quellennachweis.

A: Der getraut sich jedenfalls, Fragen zu stellen.

B: An jeder Corona-Pressekonferenz des Bundes wurden Fragen gestellt.

A: Vielleicht nicht die richtigen.

B: Das muss jeder für sich entscheiden. Hast Du denn die öffentlichen Übertragungen im Internet nicht mitverfolgt?

A: Nein, denn ich weiss ja, dass die da oben uns anlügen.

B: (Pause) Ich muss an die frische Luft.

A: Darf ich mitkommen?

B: Mit zwei Meter Abstand.

A: Sagen wir drei.

Redaktor: Stefan Strittmatter

Pas de pas de deux

Die Regale sind zum Bersten voll, aber die Besucherinnen und Besucher verteilen sich weiträumig.

Die Regale sind zum Bersten voll, aber die Besucherinnen und Besucher verteilen sich weiträumig.

Eigentlich mache ich mir nicht so viel aus Tanz. Umso erstaunter war ich, als ich mich vorgestern nicht nur unvermittelt in einer Vorführung wiederfand, sondern diese auch aus vollen Zügen genoss. Das Stück war nicht angekündigt gewesen, schliesslich sind sämtliche kulturellen Veranstaltungen bis auf weiteres abgesagt. Und es dauerte auch ein Weilchen, bis ich überhaupt bemerkte, dass ich mich im Ballett befand.

Alleine das Bühnenbild war eine Pracht: Überall standen berstend volle Regale, wie man es in unserem Lande gewohnt ist. Aber vereinzelt schimmerte das Grau des Metalls durch. Ein feines Detail, aber ein entscheidendes. Hiermit gelang den Requisiteuren eine subversive Zeit- und Konsumkritik: Ausgerechnet bei den Produkten des täglichen Bedarfes hatten Sie Löcher ins Bühnenbild eingearbeitet. Nudeln und WC-Papier als Luxusartikel – welch raffinierter Dreh im Drehbuch!

Und dann die Tänzerinnen und Tänzer: Sie traten als Einzelfiguren auf die Bühne, verteilten sich mit beinahe geometrischer Gleichmässigkeit auf der Tanzfläche. Keiner kam der anderen zu nahe, alle liessen sich Platz für ihre Bahnen und Bewegungen. Ein pas de deux? Pas du tout! Da wo sich sonst Tänzer in gewagten Arabesquen nach dem Mozzarella streckten, während ihre Partner einen bodennahen Grand-Plié beim Reibkäse vorzeigen, wurden nun ganz andere Bilder vorgeführt: Wer an ein Regal wollte, wo schon ein anderer Performer sein Spiel zeigte, der wartete. Warten – ein ohnehin viel zu selten gesehenes Motiv.

Die Choreografie war berauschend, vor allem auch weil hier bis vor kurzem noch ein ganz anderes Stück eingeübt und aufgeführt wurde. Sogar beim Anstehen an der Kasse wurde Anstand gezeigt und Abstand gehalten. Ein paar vereinzelte Tänzer waren mit dem noch recht neuen Drehbuch nicht ganz vertraut und mussten von der als Kassiererin verkleideten Regisseurin angewiesen werden, ihre Tanzschritte gemäss den Markierungen am Boden auszuführen. Doch das tat dem Stück als Gesamtkunstwerk keinen Abbruch. Rückblickend muss ich sagen: Das war die ergreifendste Choreografie, die ich seit langem gesehen habe. Mit Abstand!

Redaktor: Stefan Strittmatter

Die neue Normalität

Ein inniger Kuss zwischen Filmpartnern.

Löst ein mulmiges Gefühl aus: Ein Kuss auf dem Bildschirm.

Ein inniger Kuss zwischen Filmpartnern.

Vor einigen Wochen, als das Coronavirus begann, sich in der Schweiz breitzumachen, hatte ich noch Mühe, ständig an die neuen Regeln zu denken. Immer wieder streckte ich meine Hand aus, nur, um sie gleich wieder wegzuziehen, da ich mich daran gewöhnen musste, meine Mitmenschen neu mit einem Lächeln zu begrüssen.

Das ist noch nicht lange her. Doch diese Regeln, die Distanz zu den Menschen, die mir sonst nahestehen, haben sich in meinem Kopf eingenistet, als wäre das Leben schon immer so gewesen. Heute ist nichts mehr so, wie es noch vor einigen Wochen war. Während ich mich erst kürzlich noch unhöflich fühlte, wenn ich einem Interviewpartner die Hand nicht schütteln konnte, sind Telefoninterviews die neue Normalität.

Am Wochenende wurde mir erstmals bewusst, wie sehr sich diese neue Normalität manifestiert hat. Auf Netflix habe ich eine Serie geschaut – fernsehen, wenn draussen die Sonne scheint und Bäume blühen, ist übrigens auch kein seltsames Gefühl mehr. Ich bin zusammengezuckt, als sich in der ersten Folge zwei wildfremde Menschen die Hand schüttelten. Wie bitte? Und dann noch eine Umarmung? Spinnen die? Die Szene fühlte sich unnatürlich an, als wäre ich sprichwörtlich im falschen Film. Hände schütteln, Umarmungen, Küsse: Nähe passt nicht mehr in mein Weltbild.

Nicht nur mir geht es so. Erzähle ich das meinen Mitmenschen – am Telefon, natürlich –, geht es vielen ähnlich. Doch wie werden wir diese Gefühle wieder los, wenn die Pandemie vorbei ist? Werden wir die ausgestreckten Hände unserer Interviewpartner irritiert anschauen? Die Umarmungen unserer Familienmitglieder erwidern können? Wahrscheinlich wird es sein, wie vor einigen Wochen: Die neue Normalität werden wir erst wieder erlernen müssen, bevor sie normal wird.

Redaktorin: Kelly Spielmann

Unsere Kinder werden sich erinnern

Trotz Strahlenkranz keine Sonne: ein Coronavirus auf dem Asphalt.

Trotz Strahlenkranz keine Sonne: ein Coronavirus auf dem Asphalt.

Die Sonne scheint dieser Tage, als sei nichts passiert: Schliesslich ist es nicht ihre Korona, die den Menschen den Alltag verschattet – das kommt erst wieder im überhitzten Hochsommer (Pardon, Greta!). Jetzt drücken in den Rabatten die Blumen und in den Häusern die Sorgen. Woher kommt das Geld, aber auch: Wohin mit den Kindern? 

Die Trottoirs in den Wohnquartieren haben sich deshalb vielerorts zu temporären Freiluftgalerien gewandelt. Allenthalben kauern die Kleinen mit ihren Strassenkreiden am Boden und begrüssen den verfrühten Frühling mit kühnem Strich: expressive Schraffuren zielen ins Abstrakte, unförmige Hasen zitieren die Art brut, Himmel-und-Hölle-Spiele feiern die Konkrete Kunst. Und dazwischen immer wieder kreisrunde Gebilde mit seltsam verkümmerten Strahlen. In einem Fall gibt ein Dohlendeckel die runde Form vor, an den die knubbeligen Strahlen ansetzen. Die Sonne? Nein, ganz offensichtlich das Coronavirus – in aller Unschuld gemalt.

Erinnerungen an die eigene Kindheit werden wach. Damals, als Ende der Siebzigerjahre das Atomkraftwerk Kaiseraugst verhindert wurde und ich im Chinderwägeli den zivilen Widerstand aus der Froschperspektive erlebte. Ob die Demonstranten wirklich vor dem inneren Auge vorbeiziehen oder ob sie nicht eher aus den Erzählungen meiner Eltern marschiert sind, weiss ich nicht. Sehr wohl aber, dass ich ein, zwei Jahre später mit Ölkreiden bewehrt Plakate gegen Atomstrom an Gartenzäune klebte. Die Gefahr, die von atomarer Strahlung ausgeht, war mir nicht einmal ansatzweise bewusst, viel stärker war die Faszination am Grafischen: der massige Kühlturm, rot durchgestrichen. Und vor allem der Totenkopf mit gekreuzten Knochen.

Kinder sehen die Welt anders. Harmloser, vielleicht. Ganz bestimmt aber mit einem feinen Gespür für die Ängste der Erwachsenen, die in verhuschten Gesprächen und leise gestellten Nachrichten umgehen. Diese Sorgen werden gebannt und in eine ansprechende Form gebracht – einfache Kreise und Strahlen, die uns in dieser unwirklichen Zeit auf Schritt und Tritt begleiten. Unsere Kinder werden sich daran erinnern. 

Redaktor: Hannes Nüsseler

Die Stunde der vermeintlichen Langweiler

Daniel Koch, Leiter Abteilung Übertragbare Krankheiten des Bundesamts für Gesundheit.

Daniel Koch, Leiter Abteilung Übertragbare Krankheiten des Bundesamts für Gesundheit.

Wie stand es in der Prä-Corona-Ära um die politische Kultur in unserem Land? Obwohl Ausgleich und vorsichtiges Abwägen fest in der Schweizer DNA verankert sind, wurde auch hier manche Debatte von Populisten und Ideologen geprägt. Daran trugen wir Journalisten eine Mitschuld, schliesslich lassen sich mit provokativen Forderungen oder ironisch-bissigen Statements die besseren Schlagzeilen zimmern als mit einer bedachten Analyse.

Nun, wo das Corona-Virus Gewissheiten umpflügt, ist alles anders – zumindest in unseren Breitengraden. Anstelle der Marktschreier prägen No-Bullshit-Typen die Schlagzeilen. Nüchtern, und doch empathisch und mit viel Geduld beantwortet BAG-Mann Daniel Koch seit Wochen die guten und schlechten Fragen der Medienleute. Der Spitzenbeamte, der bis vor kurzem der breiten Öffentlichkeit unbekannt war, erhielt in den letzten Tagen haufenweise Fanpost.

In unserer Region ist Thomas Steffen eine solche Stimme der Vernunft: Der Basler Kantonsarzt beleuchtete im Interview mit dieser Zeitung offen die schwierige medizinische Situation, unterliess es aber nicht, Worte der Zuversicht einzustreuen. Während Donald Trump in der Corona-Krise irrlichtert, kürt die «New York Times» Mutti Merkel nach ihrer faktenbasierten Fernsehansprache kurzerhand zur «Anführerin der freien Welt».In der Krise trennt sich eben die Spreu vom Weizen. Unspektakuläre Beamte und vermeintliche Langweiler – sie vermitteln uns Sicherheit angesichts der schwierigen Situation und Wochen voller Unsicherheit, die noch kommen werden.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Kritik an den Behörden muss auch in Krisenzeiten erlaubt sein. Sie soll aber mit Respekt vor dem Ernst der Lage erfolgen und am übergeordneten Ziel – der Bewältigung der Corona-Krise – orientiert sein. Nach meiner Einschätzung will eine Mehrheit der Bevölkerung genau das. Demgegenüber haben die Polemisierer in diesen Tagen selbst in den dafür anfälligen sozialen Medien einen schweren Stand. Bis jetzt. Hoffen wir, dass das so bleibt. Zudem wünsche ich mir, dass wir zumindest ein bisschen von der Unaufgeregtheit und Empathie eines Daniel Koch oder Thomas Steffen in den Polit-Alltag der Post-Corona-Ära retten.

Redaktor: Hans-Martin Jermann

Nichts geht über Kurven

Lieber am Herd als am Infektionsherd.

Lieber am Herd als am Infektionsherd.

Dieser Tage lese ich immer wieder gute Tipps, wie neben Joggen die Langeweile totzuschlagen sei. Ich kann dem wenig abgewinnen, denn ohne Kinderbetreuung ist mein Tagespensum exponentiell gestiegen (ich habe gelernt, alles mathematisch auszudrücken).
Vor allem eines schlägt mir auf den Magen: die Sache mit dem Essen. Ich bin in unserem Haushalt fürs leibliche Wohl zuständig, weil ich so schlecht Kleider zusammenfalte und alles immer bei 60 Grad wasche. Jetzt koche ich nur noch Esswaren.

Derzeit muss ich aber drei Mal am Tag mehrere Mahlzeiten für unterschiedliche Bedürfnisse zusammenstellen und das noch mit möglichst wenig Einkäufen (ich habe gelernt: lieber am Herd als am Infektionsherd). Das läuft gar nicht schlecht, wenn ich nicht auch noch alles essen müsste.
Um nicht bluthochdruckhalber in die Risikogruppe vorzustossen, habe ich deshalb die coronale Jojo-Diät erfunden: Montags fressen, dienstags joggen und so weiter. Es läuft ganz gut. Im Schnitt sind meine Kurven nicht abgeflacht. 

Redaktor: Benjamin Rosch

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