Stadtcasino

Weltschmerz, Liebeskummer, Todessehnsehnsucht: Das war das zweite Konzert im renovierten Stadtcasino

Heinz Holliger gibt dem Kammerorchester den Takt vor.

Heinz Holliger gibt dem Kammerorchester den Takt vor.

Konzert Nummer zwei im renovierten Basler Stadtcasino: Das Kammerorchester spielte ein beziehungsreich komponiertes Programm.

Dass Pubertierende sich mit dem Tod auseinandersetzen, ist nicht so aussergewöhnlich. Auch der 16-jährige Schubert machte sich Gedanken über Tod und Sterben, schrieb 1813 eine kurze Trauermusik mit dem Titel «Franz Schuberts Begräbnis-Feyer». Dass es ein pubertärer Jux war, wie auch schon vermutet wurde, dagegen spricht die Ernsthaftigkeit und monotone Trauerstimmung in diesem Stück.

Es ist im Grunde ein einziges Motiv, das Schubert ständig wiederholt, variiert und harmonisch ein wenig abändert. Zwei Hörner intonieren es zuerst – das ist horrend schwer, wenn man es auf ventillosen Naturhörnern, wie sie zu Schuberts Zeit in Gebrauch waren, spielen will. Konstantin Timokhine und Mark Gebhart wagten es: Klanglich überaus schön, aber dass Chromatik und Triller auf diese Weise sehr schwer zu spielen sind, konnten sie nicht verbergen. Wenn dann das ganze Nonett aus tiefen Blasinstrumenten einsetzt – die hellen Farben von Flöte und Oboe fehlen –, dann entwickelt die klangliche Erweiterung eine faszinierend schöne, aber tief traurige Musik, die man von einem 16-Jährigen nicht erwarten würde.

Die «Unvollendete» erwacht wie aus dem Nichts

Heinz Holliger, der mit dem Kammerorchester gerade an einer Einspielung von Schuberts Sinfonien arbeitet – 3 CDs sind schon erschienen –, hat dabei jeweils kurze Orchesterstücke den Sinfonien an die Seite gestellt. Dass er diesen Trauermarsch als Ergänzung zur «Unvollendeten» wählte, macht gerade durch die Verwandtschaft der Hornmelodien Sinn. Aber Holliger ging noch einen Schritt weiter und liess den Basler Komponisten Roland Moser eine Reflexion über dieses Stück schreiben, das am Sonntag seine Uraufführung erlebte. Moser ergänzte die dunkle Bläserbesetzung durch die tiefen Streichinstrumente und nahm Schuberts Töne beim Wort, horcht ihnen nach, gibt ihnen Zeit, lässt die Echos in Glissandi auslaufen und verfremdet manchmal die Akkorde.

Der zweite Teil des Konzerts ist bedeutend schwerer als der erste.

Der zweite Teil des Konzerts ist bedeutend schwerer als der erste.

Aus dieser Stimmung modellierte Holliger anschliessend die wie aus dem Nichts erwachenden Klänge der populären «Unvollendeten». Die Sinfonie, die aus bloss zwei, aber dafür meisterhaften Sätzen besteht. Und zusammen mit den bestens aufgelegten Musizierenden des Kammerorchesters führte er wach und gleichermassen subtil durch diese Sinfonie. Meisterhaft austariert zwischen den romantischen Emotionen und dramatischen Akzenten und der Klanglichkeit des historisch informierten Spiels, welches das Kammerorchester seit Langem auch auf modernen Instrumenten mit viel Akribie und Fachwissen pflegt.
Aber da ist bei Holliger auch der Blick aus unserer Zeit auf Schubert, auf die brüchigen Seiten in seinem Werk, die tiefe Einblicke zulassen in die Seele dieses Komponisten, dem man überhaupt nicht gerecht wird, wenn man ihn einfach nur schön spielt.

Depressive Stimmung gibt dem Zyklus seine Schwere

Deutlich schwerer hatte es die Musik des ersten Konzertteils, der 1922 komponierte Liederzyklus «Elegie» vom Schweizer Komponisten Othmar Schoeck. Nicht weil hier wilde Avantgarde auf die Zuhörenden einprasselt oder atonale Experimente drohen, im Gegenteil: Schoeck verlässt die Tonsprache der Spätromantik kaum, wählt Gedichte von Lenau und Eichendorff, instrumentiert subtil und oft sparsam. Zusammen mit dem Können eines sensiblen Liedsängers vom Kaliber Christian Gerhahers würde man ein Fest an spätromantisch blühendem Gesang erwarten.

Aber das ist diese «Elegie» nur selten: Was dem Zyklus seine Schwere gibt, ist die praktisch nie ändernde depressive Stimmung. Die Referenz an Schuberts «Winterreise» ist überdeutlich, aber noch weniger als bei Schubert gibt es hier Momente es Lichts und der Freude. Es ist ein Strudel von Liebeskummer, Weltschmerz und Depression, an dessen Ende nur der Tod stehen kann. Gerhaher suchte und fand sehr viel Dunkel und Schatten in diesen Liedern, das Orchester begleitete subtil, hätte hin und wieder sogar noch subtiler spielen können: So schmerzlich schön diese Klänge manchmal auch aufblühten, hätten sie dem Wort und den Farben der Stimme noch mehr Platz lassen können.

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