Zugegeben: Die Ausgangslage dieser Geschichte ist nicht besonders sexy. Ein junger, etwas tölpeliger Toggenburger Bursche unterschreibt 1620 im Vollsuff bei der Spanischen Armee und sieht sich fortan Mächten ausgesetzt, die ihn heillos überfordern. Konkret: Krieg und Frauen. Letzteres bei weitem grauenhafter als der katholische Feind. Doch Noldi Abderhalden kämpft sich durch und landet schliesslich in Kuba, wo er für den spanischen König eine Horde Rinder beaufsichtigen muss, eigentlich aber nur Käse im Kopf hat.

Wer denkt sich solch einen Irrwitz aus? Und, weit wichtiger: Wer kann ihn erzählen, ohne in die Falle des Irrwitzes zu geraten – der allzu konstruierten Erzählung? Die Antwort lautet: Patrick Tschan. Der Basler Autor, der im Klappentext mit sichtlichem Vergnügen als «Präsident der Schweizer Schriftsteller-Fussballnationalmannschaft» ausgewiesen wird, hat einen derart charmanten Sinn fürs Skurrile, dass «der kubanische Käser» auf keiner der 185 Seiten in die lasche Vorhersehbarkeit driftet.

Dabei ist Laschheit ein wesentliches Motiv des Romans – sein Protagonist ist nämlich alles andere als ein Draufgänger. Der Vollwaise Noldi Abderhalden aus Alt St. Johann nimmt erst ganz am Schluss alles in die Hand – vorher stolpert er förmlich in Situationen hinein oder agiert aus reflexionsloser Intuition. Seine Reise beginnt, als er mit 16 vom Chüeboden direkt in die Arme eines Anwerbers schlittert, der ihm für ein Fässchen Veltliner Schnaps zehn Jahre Dienst an der Spanischen Armee aufschwatzt. Noldi – von Alkohol und Liebeskummer getränkt – sagt zu und befindet sich plötzlich mitten im turbulenten Weltgeschehen, das Tschan salopp auf den Punkt bringt: «Es war ein hueren Puff zu dieser Zeit in dieser Ecke der Welt.»

Während der Autor kundig von den politischen Umständen der Zeit erzählt, interessiert Noldi mehr die andere Art von Puff, was er immer wieder mit seltsamen Murmeli-in-der-Hose-Episoden belegt. Das Murmeli verstummt schliesslich auch kurzzeitig – dank der Prostituierten Giuseppina, die nahe des Forts am Comersee arbeitet, wo Noldi seine Ausbildung als Söldner bekommt. Doch das Glück währt nicht lange, schliesslich befindet man sich im Krieg und in einer Erzählung, und da muss es vorwärtsgehen, zumindest wenn Patrick Tschan am Werk ist.

Noldi wird also rasant weitergetrieben, erst nach Tirano, wo er mit blossen Händen eine Kanonenkugel abwehrt und damit seinem Hauptkommandanten das Leben rettet. Danach gehts nach Valencia, wo «Kugelfang-Noldi» König Phillip III. (diesem «schwächlichen, schwitzenden und stinkenden Männlein – ein im Keller vergessener rässer Chääs ist ein Scheissdreck dagegen») die Hand schütteln darf, von einer spanischen Edeldame angeklagt wird (das verflixte Murmeli!) und schliesslich um Haaresbreite der spanischen Inquisition entkommt.

Lehrmeisterliches Ende

Eine Seereise später findet sich Noldi in der Baracke des Hafenmeisters von Havanna wieder, wo ihm ein Unteroffizier das Kommando über sechs Rindviecher überlässt, die er auf einer Wiese mit stillgelegter Goldmine halten soll. Noldi tut wie ihm geheissen und baut sich in Kuba eine bescheidene Existenz auf – nicht zuletzt auch dank seiner Käser-Fähigkeiten. Am Ende begreift er, dass er selbst, Noldi Abderhalden aus Alt St. Johann, seines Glückes Schmied ist, was etwas gar lehrmeisterhaft rüberkommt. Aber man verzeihts dem Roman, schliesslich hat man gerade erstklassige Unterhaltung hinter sich – und erst noch was über den Dreissigjährigen Krieg und die vielfachen Deutungsebenen von Murmeli gelernt.