Coronavirus

Wenn dieser Schauspieler zur Gitarre greift: Andrea Bettini tingelt durchs stillgelegte Kleinbasel

«Mir läuft es wirklich rund»: Andrea Bettini erlebt in der Krise einen Energieanfall.

«Mir läuft es wirklich rund»: Andrea Bettini erlebt in der Krise einen Energieanfall.

Andrea Bettini tingelt mit den Pelati Delicati durch Basels Hinterhöfe und singt gegen Corona und die Angst.

Normalerweise zücken die Leute im Publikum das Handy. Dieses Mal greift er selber zur Kamera. Andrea Bettini, 59, steht unten in einem Basler Innenhof, und die Leute johlen von ihren Balkons, sie klatschen und pfeifen und schwenken Feuerzeuge zum Dank für das Gebotene. «Grazie mille», schreit Bettini in die Nacht hinaus.

Was sich soeben abgespielt hat, ist der vielleicht schrägste Konter auf die Krise: Italianità gegen den Corona, O sole mio gegen die Isolation. Andrea Bettini tingelt derzeit mit der Bühnenformation Delicati Pelicati durch die Basler Hinterhöfe und singt gegen Corona an. Auch, weil er selber Angst hat.

Sozialisiert im Widerstand

Das Zuhause der Delicati Pelicati ist die ehemalige Garderobe einer Fabrik im Kleinbasel. Das «Magazino» nennt es Bettini. In der Mitte steht ein grosser Tisch, und darauf türmt sich ein Durcheinander aus Weinflaschen, Notizen und Liebesbekundungen des Publikums. Der Raum ist eine seltsame Mischung aus Künstlergarderobe und Umkleide für Gastarbeiter, mit Fellini-Plakaten an den Wänden und einem Jesus am Kreuz. Bettini setzt sich ans entfernteste Ende des Tisches, locker drei Meter trennen ihn vom Journalisten. «Ich nehme das mit dem Social Distancing grausam ernst», erklärt er in rauchigem Höngger-Dialekt. Er hasst den Begriff, soziale Distanz ist ihm gänzlich fremd. Binnen Sekunden ist man mit Bettini beim Du. Dann legt er los, ein Mann mit breiten Schultern und kahlem Kopf, er spricht schnell und viel.

Andrea Arnaldo Bettini ist in Zürich geboren und aufgewachsen. Der Sohn italienischer Einwanderer erlebte in den frühen Achtzigerjahren die Jugendkrawalle aus nächster Nähe. Demonstration beim Opernhaus, der Kampf für ein alternatives Jugendzentrum, Züri brannte – Bettini, damals zwanzigjährig, mittendrin. Aus den Unruhen entstand die Rote Fabrik. Bettini wandte sich der dortigen freien Theaterszene zu und fand seinen Beruf. Bald merkte er, dass er dafür eine Ausbildung brauchte. Er absolvierte die Schauspielschule in Bern; darauf folgten die Stationen Göttingen, Oberhausen und Zürich, doch dorthin wollte er eigentlich nie mehr zurück, und so landete er schliesslich beim Theater Basel. Hier gehört er seit der Spielzeit 2001/2002 zum Ensemble.

Neben seinem Halbzeitpensum engagiert sich Bettini in verschiedenen Projekten, denn das offizielle Theater reichte ihm nie. So steht er auch beim Drummeli auf der Bühne. Er mit der «Zürischnurre» entdeckte die Fasnacht. Die letzten Jahre lief er selber am Morgestraich mit und rief sogar eine Goschdym-Börse ins Leben. Eine Herzensangelegenheit bleiben aber die Pelati Delicati. Zu den delikat Geschälten zählen neben Sänger Bettini Musiker Basso Salerno und Regisseur Christian Vetsch. Erklärtes Ziel der dreien ist es, die italienische Kultur über die Alpen zu bringen. «Das Klima ist ja bereits da», sagt Bettini vergnügt. Unterwegs lässt das Secondo-Theater kein Klischee links liegen.

Reaktion auf die Krise: ein kreativer Energieanfall

Andrea Bettini steht auf, öffnet die Türe zum Innenhof und blickt hinaus. «Ich habe die italienischen Medien sehr aufmerksam verfolgt, schliesslich habe ich auch Verwandte in Mailand», erzählt er. Die schockierenden Bilder aus den Intensivstationen gingen ihm tief unter die Haut. «Man kann natürlich alles immer relativieren, aber 20000 Tote in so kurzer Zeit sind einfach eine unglaubliche Katastrophe.»
Bettini, der stets versucht, die beiden Nationen in seinen Pässen zusammenzuführen, ist froh, in der Schweiz zu sein. «Ich muss sagen, ich bin ein Fan des Bundesrats.» Die Schweiz habe hervorragend reagiert, auch wenn natürlich die Lage hier eine andere sei. «Geholfen hat sicher auch die Schweizer Mentalität, die Selbstdisziplin.» Er selber hält sich strikt an die Vorgaben, auch wenn er darunter leidet.

Es tut weh, meinen Sohn, der bei der Mutter lebt, nicht in die Arme schliessen zu können.» Sorgen bereitet ihm auch der Vater, der in Zürich in einem Pflegeheim wohnt. Die Einschränkungen und die Angst gehen Bettini nahe: Es sei eine emotional schwierige Zeit, sagt er. Der Einzige, dem Bettini in diesen Zeiten manchmal näher kommt als einen Meter, ist Musiker Basso Salerno. Bettini wohnt alleine. «Da ist es gut, wenn ich nicht gross ‹is Grüble› gerate.»

Bettinis Reaktion auf die Krise ist ein kreativer Energieanfall, der ihn auf Trab hält, vielleicht sogar auf Trab halten muss. Die unfreiwillige Freizeit vom Theater kompensiert er doppelt. Er hat ein Hörspiel inszeniert mit Kollege Micha de Roo. «Corona-Notstand im Altersheim Ändspurt» ist eine Komödie, in der sich die Betagten gegen die Krise zur Wehr setzen. «Sie solidarisieren sich gegen das Vergessen-Gehen und entwickeln eine Eigendynamik», erzählt Bettini von seiner Idee, die er mit zahlreichen Kontakten in die Freie Theaterszene umsetzt. «Mir läuft es wirklich rund», bilanziert er.

Intimer Rahmen trotz physischer Distanz

Einen grossen Teil seiner Zeit wendet Bettini derzeit aber für die «Pelati» auf. Inspiriert vom Balkon-Singen in Italien, stellte er ein kurzes Programm aus den Jahrzehnten seiner Bühnenerfahrung zusammen. Entstanden ist dabei «Felicità, oder eine halbe Stunde Glück», ein buntes Programm aus verschiedenen Liedern – Mitsingen erwünscht.

«Ma adesso resta a casa
esci solo per la spesa
domani un nuovo giorno,
ci sarà»

So klingt dann der Klassiker «Il mio canto libero» von Lucio Battisti in der «versione corona», wie sie in Italien auch schon Ärzte und Ärztinnen sangen: «Aber bleib jetzt zu Hause/ Geh nur zum Einkaufen raus / Morgen wird’s einen neuen Tag geben».

Den Anfang machten die «Pelati» auf Bettinis Balkon, die Nachbarschaft hörte zu und ein Stream erreichte die Verwandtschaft in Italien und im Zürcher Pflegeheim. Seither flattern beinahe ununterbrochen Anfragen in die Briefkästen der Künstler. «Vor drei Wochen sind wir gestartet, seither hatten wir fast jeden Abend einen Auftritt», sagt Bettini. Inzwischen hat er den Überblick verloren, wann er in welchem Garten stand oder auf welcher Garage er ein «Volare» angestimmt hat.

«Die Freude, die wir bei den Menschen erleben, ist unglaublich», sagt Bettini. Oft würden sie zu einem Gläschen Wein eingeladen, «aber da sind wir sehr streng und sagen entschieden ab». Nach manchen Vorstellungen hätten die Leute getanzt oder selber die Musik aufgedreht. Was einen grossen Teil vom Charme der Balkon-Konzerte ausmacht: der intime Rahmen. «Wenn wir aufbauen, sehen wir direkt in die Wohnungen. Manchmal sitzen die Leute alle dort und essen ihr Abendessen, bevor wir loslegen.» Und plötzlich ist der Abstand zwischen Sängern und Publikum trotz Balkonen ausser Reichweite gar nicht mehr so gross.

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