Christoph Burckhardt
Wie ein Basler Daigler mit Sklaven handelte und wie seine Nachfahren alles vertuschen wollten

Christoph Burckhardt handelte mit Menschen, um sich von seinem Vater zu emanzipieren. Alles misslang.

Benjamin Rosch
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Um die Schicksale der Menschen ging es ihm nie: Christoph Burckhardt.

Um die Schicksale der Menschen ging es ihm nie: Christoph Burckhardt.

Historisches Museum Basel

Als Christoph Burckhardt am 22. Oktober 1815 in Nantes starb, tat er dies im Bewusstsein, ein «eifersüchtiger», «nachtragender» und «boshafter» Mensch zu sein, der viel riskiert und alles verloren hatte und sich deshalb das Leben nahm. Ein gescheiterter Sprössling einer reichen Basler Patrizierfamilie, die ihr Geld mit undurchsichtigen Geschäften verdiente, von denen er im verwerflichsten tätig war: dem Sklavenhandel. Christoph Burkhardt führte keine Peitsche, um die Schwarzen zu unterjochen, und wahrscheinlich berührte er in seinem ganzen Leben nie eine Kette, die um einen Menschen gelegt war. Wenn heute im Zuge der BlackLivesMatter-Bewegung aufgebrachte Demonstranten in Belgien, Holland und Grossbritannien die Büsten von Kolonialherren stürzen, dann geschieht dies aus einem anderen Umgang mit der eigenen Vergangenheit als hier. Christoph Burckhardt verrichtete wie einige andere aus dem Basler Daig seine Verbrechen, die damals oft gar keine waren, vom Schreibtisch aus.

Diese Distanz zum Tatort blieb bis heute und ermöglichte es Burckhardts Nachfolgern lange, seine Taten zu vertuschen. Erst 2004 berichteten die Historiker Niklaus Stettler, Peter Haenger und Robert Labhardt umfangreich über die Verflechtungen von Basler Industriellen und den weltweiten Menschenhandel.

Firmengründer, um sich vom Vater zu emanzipieren

Es muss ein gutes Gefühl gewesen sein, als Christoph Burckhardt mit 23 Jahren die engen Banden seines Elternhauses in Basel verlassen konnte, um nach Nantes zu ziehen. Er war der zweite Sohn des strengen Christoph Burckhardt-Vischer, der alle seine fünf Söhne straff im Familienunternehmen beschäftigte. Nantes, die florierende Küstenstadt in der Bretagne, erlebte ihre Hochphase just dann, als der junge Christoph Burckhardt 1789 dort seine Zelte aufschlug. Wie um seine biedere Schweizer Identität abzustreifen, nannte er sich künftig Christophe Bourcard. Der Grund für die wirtschaftliche Prosperität lag im Handel: Nantes war Frankreichs wichtigster Dreh- und Angelpunkt in dem, was man früher den transatlantischen Dreieckshandel nannte. Europäer verhökerten Tücher, Gewehre und Schnaps in Afrika und kauften Menschen, die sie an Gutsherren in Amerika verkauften und im Gegenzug Kolonialwaren für Europa erhielten – Zucker, Kaffee, Baumwolle. Die Sklavenhändler bildeten in Nantes eine fast schon aristokratische Oberschicht, die sich nur ungern mit gewöhnlichen Kaufleuten abgab. Sie trugen Stöcke mit vergoldeten Knäufen und Schwerter, die ihren Status unterstreichen sollten. Burckhardt dürften diese menschenhandelnden Dandys mächtig imponiert haben. Bald schrieb er seinem Vater, dass auch er sich für den Sklavenhandel interessiere.

Stiller Teilhaber: der «reiche Merian»

Christoph Burckhardt gründete eine Aktiengesellschaft, um auf solche Geschäfte zu spekulieren. Stille Teilhaber: Die «Frères Merian», wovon einer der Vater des späteren Stadtmäzenen Christoph Merian war. Auch Vater Christoph Burckhardt lieferte viel Kapital, damit sein Sohn ein Geschäft in der Fremde aufziehen konnte. Ihm selber war die Sklaverei nicht ganz fremd; er war beteiligt an verschiedenen Sklavenschiffen von Geschäftspartnern aus Basel. Insgesamt gehen die Forscher davon aus, dass sich die Familie Burckhardt während drei Jahrzehnten an 21 Sklavenhandelsexpeditionen beteiligten, die 7350 afrikanische Sklaven nach Amerika verschifften, wovon rund tausend alleine auf der Überfahrt über den Atlantik starben. Sohn Christoph trat für die Familie denn auch als Vermittler auf für den Handel mit Saint Domingue im heutigen Haiti. Die Fäden liefen in Basel zusammen, am Segerhof beim Blumenrain.

Heute steht an dieser Stelle eine Kantonalbank, nur noch im Haus zum Kirschgarten erinnert ein Zimmer an die feudale Einrichtung des Basler Handelshauses. In Basel gab es zu jener Zeit durchaus Kritik am Kolonialismus und seinen Profiteuren. Zu den bekanntesten zählt Isaak Iselin, der die Sklaverei früh als unvereinbar mit der Aufklärung taxierte.

Christoph Burckhardt hingegen wollte früh in den Handel mit Menschen einsteigen. Schon 1790 versuchte er, ein Sklavenschiff auszurüsten, doch der oft faule Patriziersohn scheiterte bald, weil ihm jemand die Kaurimuscheln, die er gegen Menschen eintauschen wollte, vor der Nase wegschnappte. Ein Jahr später gelang es ihm doch. Der Handel mit Saint Domingue gestaltete sich zusehends schwieriger, weil dort Sklaven den Aufstand wagten. Etwas zufällig beschaffte sich Burckhardt das Schiff mit dem bezeichnenden Namen «L’Intrépide», die Waghalsige.

Für die Besatzung sowie die «Fracht» wurde das Schiff zur Tragödie, für Burckhardt war es ein wirtschaftliches Fiasko. Bei der Ankunft in Nigeria war das Schiff schon durch Stürme versehrt und zurückgebunden worden. Statt wie geplant 400, kaufte der Kapitän lediglich 240 Sklaven und Sklavinnen, für die er ein volles Jahr feilschte. Alle trugen das Brandmal: LTP, kurz für den Namen des Schiffs. Die hygienischen Bedingungen während der Warterei müssen grauenhaft gewesen sein. 77 Gefangene starben bereits während der Kaufverhandlungen, dazu sechs Mann von der Besatzung. Weitere 64 Sklavinnen und Sklaven starben bei der Überfahrt nach Cayenne an Pocken und Durchfall. Für Burckhardt besonders ärgerlich: Gegen Entstellungen aufgrund von Misshandlungen war er versichert, nicht aber für den Tod durch «natürliche» Umstände.

Er hatte sich inzwischen in seinem Landhaus bei Nantes verschanzt und hoffte auf ein Ende des Aufstands der Vendée als blutige Gegenreaktion zur französischen Revolution. Nie hatte er es geschafft, sich aus der väterlichen Abhängigkeit zu befreien. Doch aufgeben wollte er nicht; er fürchtete sich vor dem Gesichtsverlust. Wieder und wieder stürzte er sich in dilettantische Versuche, zu Geld zu kommen. Er zögerte auch nicht, Freibeuter zu finanzieren und versuchte sich im Geschäft mit sogenannten Aventuriers, bewaffneten Handelsschiffen mit Kaperbrief, die Güter hinter die feindlichen Linien zu bringen hatten. Noch 1815, als der Sklavenhandel in England schon verboten und in Frankreich höchst umstritten war, rüstete Burckhardt noch zwei Schiffe aus und schickte sie nach Afrika, um Ware gegen Menschen einzutauschen.

Als sich auch in diesen Expeditionen ein ökonomisches Desaster anbahnte, setzte Christoph Burckhardt seinem Leben ein Ende. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass er sich auch nur ansatzweise mit den Menschen auseinandergesetzt hat, deren Leben er gegen den Profit wettete.

Der Vertuscher erhält die Ehrendoktorwürde

Die Schicksale der Menschen blieben nicht mehr als Zahlen in Büchern, die während einer langen Zeit verschwanden. Und als ein Nachfahre der Burckhardts, der Hobby-Historiker Carl Burckhardt-Sarasin, ein Jahrhundert später auf die Dokumente stiess, war er mehr um die Familienwürde besorgt als um eine Aufarbeitung der damaligen Verhältnisse. Die «belastenden» Ordner liess er im Schweizerischen Wirtschaftsarchiv versiegeln, was auch dessen damaliger Leiter billigte. 1953 erhielt Carl Burckhardt-Sarasin für seine archivarischen und historiographischen Leistungen die Ehrendoktorwürde der Uni Basel.

Baumwolle, Sklaven und Kredite
die Basler Welthandelsfirma Christoph Burckhardt & Cie. in revolutionärer Zeit (1789-1815) Von Niklaus Stettler, Peter Haenger, Robert Labhardt. Basel: Christoph Merian, 2004.

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