Lesung

«Wie ist man wütend auf jemanden, der enthauptet worden ist?»

Der niederländische Bestseller-Autor Leon de Winter (rechts) im Gespräch mit bz-Chefredaktor Matthias Zehnder.

Der niederländische Bestseller-Autor Leon de Winter (rechts) im Gespräch mit bz-Chefredaktor Matthias Zehnder.

Der niederländische Bestsellerautor Leon de Winter hat den Mann, der ihm einst die Hölle heiss machte, zu einem Engel gemacht – in seinem neusten Roman «Ein gutes Herz». In Basel sprach er darüber.

«Wie ist man wütend auf jemanden, der enthauptet worden ist?» Leon de Winter macht eine rhetorische Pause und schaut durch seinen Hauch von Brille fragend ins Publikum. Der holländische Bestseller-Autor ist nicht nur ein saftiger Schreiber, er ist ein ebensolcher Vorleser und Redner. Das bewies er in Basel bei einem Glas Wasser im Speisesaal eines einstigen Nonnenklosters – das Literaturhaus Basel liess die von bz-Chefredaktor Matthias Zehnder moderierte Lesung im Refektorium des Museums Kleines Klingental stattfinden.

Im Traum erschienen

Wie bin ich wütend auf einen, der seit fünf Jahren tot ist, ermordet von einem islamistischen Fundamentalisten? Das musste sich Leon de Winter schon 2009 fragen, als er bei Recherchen zufällig auf ein YouTube-Video stiess, in dem ihn der Filmemacher Theo van Gogh aufs Primitivste diffamierte (das Gesagte soll an dieser Stelle nicht abermals wiederholt werden). Da, so erzählte der Autor, sei ihm eines Nachts im Traum Theo van Gogh erschienen – übrigens ein Urenkel von Vincent van Goghs gleichnamigem Bruder – und habe zu ihm gesagt: «Jetzt kannst du mit mir machen, was du willst.» De Winter arbeitete bereits an seinem nun erschienen Roman «Ein gutes Herz», der sich vor allem um einen Terrorakt fundamentalistischer Islamisten in Holland drehen sollte – und baute Theo van Gogh flugs darin ein.

Theo van Gogh als liebender Engel

Rache? Es sei eher «eine Art Versöhnung» geworden, sagt de Winter. Tatsächlich gewinnt man seinen Theo als rauchenden und saufenden Polterer im Wartezimmer zum Himmel in seiner komischen Deplatziertheit lieb. Aber, spätestens wenn man de Winter die Passagen lesen hört, in denen Theo ins Schutzengel-Business geschubst wird, merkt man: Diese Versöhnung ist die bessere, die süssere, die subtilstmögliche Rache.

De Winter macht aus dem Grobian, der zu Lebzeiten Muslime als «Ziegenficker» bezeichnete, einen esoterischen Engel, der plötzlich für alle Menschen Mitleid und Liebe empfindet: «Auf seinen Engelsflügeln verliess Theo die Kaserne einfach durchs Dach hindurch, wie es schien, und er liess sich von den Wolken aufnehmen und segelte darüber hinaus in das Blau der Atmosphäre, und er sah diesen lieblichen, verletzbaren Globus, den er mit seinen Flügeln umfassen und hätscheln konnte, und er empfand die tiefste Liebe, die ihm je zuteilgeworden war.»

De Winter hat auch niederländische Politiker und weitere real existierende Personen in seine Fiktion eingebaut. Einschliesslich seiner Ehefrau Jessica Durlacher («sehr gefährliches Gebiet») und sich selbst. Der stattliche bald 60er schrieb sich einige Kilos und Nasenhaare hinzu. Ausserdem Unvermögen im Bett, worüber er im Roman seine dortige Geliebte klagen lässt. De Winters Frau, ebenfalls Schriftstellerin, habe zu dieser negativen Selbstbeschreibung gemeint: «Das ist die höchste Form von Narzissmus.» Im Roman ist das Paar geschieden. Wen sie sich zum neuen Partner wünsche, habe er sie gefragt. Sie habe «verdächtig schnell» eine Antwort gewusst: «Einen reichen, kalifornischen Architekten.»

Politischer Anecker

De Winter zeigte sich in Basel von seiner charmantesten Seite. Er kann auch anders. Scharf bis provokativ sind so manche seiner Zeitungsbeiträge, nicht nur über die «islamistische Bedrohung», auch über die EU. Nichts gegen ein Näherrücken, aber die EU werde von einer Elite in Brüssel «viel zu schnell» vorangeprescht, antwortete er auf Zehnders politische Fragen. Die Unterschiede zwischen den Ländern seien offenkundig, ein Umzug innerhalb Europas sei viel schwieriger als innerhalb der USA, nicht zuletzt wegen der unterschiedlichen Sprachen.

De Winter könnte allerdings problemlos von Amsterdam nach Basel ziehen. Sein Deutsch ist fast perfekt.

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