Jörg Rieskamp
Wirtschaftspsychologe über Menschen in der Pandemie: «Die wenigsten sind risikofreudig»

Der Basler Wirtschaftspsychologe Jörg Rieskamp über das Verhalten der Menschen in der Pandemie und die Gnade des Vergessens.

Patrick Marcolli, Mathias Balzer
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In liberalen Gesellschaften soll man Risiken eingehen dürfen: Jörg Rieskamp.

In liberalen Gesellschaften soll man Risiken eingehen dürfen: Jörg Rieskamp.

Roland Schmid

Herr Rieskamp, wie viel Psychologie steckt in der Ökonomie?

Jörg Rieskamp: Eine Daumen­regel sagt ja 50 Prozent! Das ­entzieht sich aber einer wissenschaftlichen Basis. Genau ­quantifizieren lässt sich dies selbstverständlich nicht. Aber es ist wichtig, dass wir uns der grossen Rolle der Psychologie bei vielen ökonomischen Prozessen bewusst sind.

Wie wirkt sich eine Krise, wie wir sie heute coronabedingt haben, auf das ökonomische Verhalten der Menschen aus?

Wir wissen, dass in Zeiten der Unsicherheit das Sparverhalten der Menschen zunimmt und der Konsum abnimmt, man gibt also in der Regel weniger aus. Dies wiederum hat natürlich negative wirtschaftliche Effekte.

Gibt es nicht auch die Gegenbewegung, eine Trotzreaktion in der Krise: also die Befreiung von entsprechenden Hemmungen und eine hedonistische Form des Konsums?

Das ist eher der Einzelfall. Die meisten Menschen werden zurückhaltend.

Wir befinden uns in der wohl grössten Weltwirtschaftskrise seit den 1930er-Jahren – gleichzeitig boomt die Börse wie noch nie. Wie erklären Sie sich diese Diskrepanz?

Es gibt natürlich zahlreiche Unternehmen, die leiden und deren Aktienkurse unter Druck sind. Andere wiederum profitieren von der Krise. Beispielsweise der Onlinehandel oder die Technologieaktien. Die Technologiebörse Nasdaq verzeichnet hohe Gewinne, der Dow Jones aber nicht. Spezifisch an dieser Krise scheint mir, dass deren Ende absehbar ist: Durch Impfungen wird die Pandemie irgendwann gestoppt werden. Die Bewertung von Aktien spiegelt die Zukunftserwartung wieder. Insofern können derzeitige positive Entwicklungen durch das Ende der Covid-19-Pandemie bestimmt sein. Das war beispielsweise bei der Finanzkrise ab 2008 ganz anders. Die Unsicherheit war damals viel grösser und die Zukunftserwartungen viel pessimistischer.

In Ihrer Forschung ist der Begriff des Risikos zentral. Wie definieren Sie ihn?

Von Risiko sprechen wir, wenn die Konsequenzen unseres ­Handelns unsicher sind oder nur mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit eintreten. Im ­Alltagsverständnis stehen die möglichen negativen Konsequenzen oder ein möglicher Schaden, der eintreten kann, häufig im Vordergrund der Betrachtung. Wir beachten also, dass unser Handeln zu unterschiedlichen Zuständen führen kann, und wissen nicht genau, was passieren wird.

Wie verhält sich die Mehrheit der Menschen? Sind sie bereit, Risiken einzugehen?

Menschen sind grundsätzlich risikoavers, gehen nur ungern Risiken ein und wollen sie vermeiden. Die wenigsten sind risikofreudig. Menschen schliessen Versicherung ab, weil sie risiko­avers sind. Die Risikoaversion unterscheidet sich aber von Lebensbereich zu Lebensbereich. Manche Menschen sind finanziell risikofreudiger, aber bei ihrer Gesundheit risikoavers.

Gerade bei der Gesundheit tut unsere Gesellschaft scheinbar alles, um Risiken zu vermeiden: Wir üben uns in Prävention, entwickeln Medikamente, lassen uns impfen und werden fast schon penetrant auf Gefahren hingewiesen. Ist das nicht zu viel des Guten?

Dass die Gesellschaft und auch die Politik bemüht sind, Risiken abzuwenden, finde ich grundsätzlich gut. In liberalen Gesellschaften möchten wir aber die Wahlfreiheit nicht einschränken. Wenn wir Risiken eingehen, so sollen wir das tun dürfen. Oder, um es konkret zu sagen: Politik und Gesellschaft weisen uns auf die Risiken und die hohen gesellschaftlichen Kosten des Rauchens hin – aber jeder darf selbst entscheiden, ob er es tut oder nicht.

Wieso rauche ich dann trotzdem?

Weil die negativen Konsequenzen erst in der Zukunft eintreten. Gegenwärtig geniessen Sie das Rauchen und sehen positive Aspekte darin. Wir funktionieren leider so, dass wir Konsequenzen, die erst in weiter Zukunft eintreten werden, stark diskontieren, also ihnen wenig Wert beimessen.

Das war im Sommer gut zu beobachten: Kaum war die erste Welle der Pandemie vorbei, nahm alles wieder seinen gewohnten Gang. Bei der Klimakrise wiederum scheinen die Konsequenzen noch weiter entfernt zu sein.

Wir müssen uns zumindest ­bewusst sein, dass wir den Wert von Konsequenzen, die weit in der Zukunft liegen, in der Gegenwart unterbewerten. Und dass wir zu wenig Selbstkont­rolle haben, uns bei Dingen ­einzuschränken, die erst in ­Zukunft zu Konsequenzen führen. Das allein sind hilfreiche Erkenntnisse.

Können wir überhaupt Gegensteuer geben und heute Verzicht üben für etwas, was erst morgen Konsequenzen hat?

Wir können beispielsweise versuchen, nachhaltiger zu konsumieren.

Wäre ein Verzicht auf Konsum, psychologisch gesehen, überhaupt möglich?

Ich glaube nicht, dass es eine grundsätzliche Notwendigkeit zum Konsum gibt. Bei der Klimakrise geht es primär um eine Veränderung des Konsumverhaltens und erst in zweiter Linie um Verzicht.

Wissenschaftliche Erkenntnisse bringen uns immer mehr Erkenntnisse zur Bewertung von Risiken. Ändert sich damit aber auch unser Verhalten?

Ja. Die Einschätzung von Risiken ist verhaltensrelevant. Das sehen wir heute in der Covid-19-­Pandemie: Wer das Risiko der Krankheit geringer einschätzt, beurteilt die Massnahmen gegen das Virus eher negativ. Und umgekehrt. Bei der ersten Welle im Frühling standen uns viele Erkenntnisse noch nicht zur Verfügung. Es herrschte eine grosse Verunsicherung, und das trug dazu bei, dass das Risiko mitunter viel grösser eingeschätzt wurde als heute. Diese Bedrohlichkeit ist nicht mehr neu, wir sind vertrauter mit dem Risiko und schätzen es anders ein. Heute können wir sagen: Covid-19 ist viel gefährlicher als die normale Grippe, aber wir wissen auch, dass sich das Risiko je nach Altersgruppe unterscheidet. Es ist also durchaus rational nachvollziehbar, wenn jüngere Menschen das Risiko geringer einschätzen.

Das Risiko, selbst schwer zu erkranken – ja. Aber wie steht es mit der Verantwortung für andere, für die Gemeinschaft und Gesellschaft? Sie haben mit Fokus auf die Verwendung der Covid-19-App in einer Studie ja entsprechende Erkenntnisse gewonnen.

Das stimmt. In unserer Studie zeigen wir, dass die Verwendung der Covid-19-App wenig davon beeinflusst wird, welche sozialen Präferenzen die Menschen haben und wie wichtig ihnen die Gesellschaft ist. Das heisst: Unser Verhalten ist sehr stark durch unsere individuelle Perspektive beeinflusst und weniger vom Ziel gesteuert, etwas Gutes für die ganze Gesellschaft zu tun.

Ist das nicht auch eine kulturelle Frage?

Ja, das kann sich durchaus von Land zu Land und den spezifischen gesellschaftlichen und kulturellen Gegebenheiten unterscheiden. Und es ist auch eine Wahrnehmungsfrage: Denke ich, dass ein Mensch mit ­Maske primär sich selbst schützen will oder die anderen? Diese Interpretation mag sich von Kultur zu Kultur unterscheiden.

Die europäischen Gesellschaften sind hoch individualisiert. Ist das im Fall der Pandemie, gerade im ­Vergleich zu asiatischen Gesellschaften, nicht ein Nachteil?

Wir können und sollten uns die Kleinräumigkeit und starke Individualisierung zu Nutze machen: Es gilt hierzulande nicht unbedingt, das Gemeinwohl eines ganzen Landes vor Augen zu haben, sondern einen viel kleineren Kreis, zum Beispiel die eigene Gemeinde oder das eigene Quartier. Man kann sich dann ganz konkret fragen, was ich tun kann, um diese Umgebung zu schützen? Je kleinräumiger ich die Gesellschaft gestalte, desto einfacher ist es, das Gemeinwohl in den Vordergrund zu stellen. Dieser Ansatz würde sich dann letztlich auch wieder für das ganze Land auszahlen.

Spielt das Wirtschaftssystem bei unserem Verhalten eine Rolle, also der auf das Individuum ausgerichtete Kapitalismus?

Mir scheint, dass man gerade in der Schweiz immer wieder den Gegensatz herstellt zwischen den verordneten Massnahmen, die der Wirtschaft nützen, und jenen, die der Gesundheit nützen. Das ist aber falsch, dieser Widerspruch besteht nicht unbedingt. Kurzfristig haben die Massnahmen gegen die Pandemie zwar einen negativen Effekt auf die Wirtschaft, langfristig aber können sie sich sehr positiv auswirken. Leichte Massnahmen haben dagegen keinen grossen Effekt auf die Gesundheit und trotzdem einen negativen Effekt auf die Wirtschaft. Es geht somit nicht um ein Abwägen von Gesundheit und Wirtschaft, was auch in einer aktuellen Studie aus der Ökonomie und Immunologie nachgewiesen wurde.

Wie sieht unsere Gesellschaft aus nach der Pandemie? Werden die Menschen in Zukunft risikofreudiger sein?

Nein, ich gehe davon aus, dass Menschen risikoaverser werden und gerade bei physischen Kontakten, zum Beispiel dem Händeschütteln, oder im Umgang mit der Grippe vorsichtiger ­werden. Wer einen Velounfall hatte und dabei keinen Helm trug, der überlegt es sich gut, beim nächsten Ausflug einen Helm zu tragen.

Verflüchtigen sich unsere Ängste mit der Zeit nicht?

Natürlich sind wir vergesslich und weit zurückliegende Erfahrungen verlieren den Einfluss auf unser Denken und Handeln.

Etwas zu vergessen, ist nicht unbedingt schlecht.

Ja. Wären wir nicht in der Lage zu vergessen, müssten wir mit einer riesigen Informationsflut umgehen. Das wäre schwierig zu bewältigen.