Zweite Hammondwoche

Zum Durchbruch von Jazz, Rock und Pop beigetragen: Die Hammondorgel kommt auf die Bühne

Die Hammondorgel des Basler Musikers Stephan Ammann stand jahrelang in der Garage, bevor sie den Weg ins Musikmuseum fand.

Die Hammondorgel des Basler Musikers Stephan Ammann stand jahrelang in der Garage, bevor sie den Weg ins Musikmuseum fand.

Im Basler Jazzclub bird’s eye wird an vier Konzertabenden dem Sound der elektromechanischen Hammondorgel B3 gehuldigt.

Nach 2018 spannt der Jazzclub bird’s eye erneut mit dem Basler Musikmuseum zusammen und veranstaltet zum zweiten Mal eine Hammondwoche. Diese umfasst wiederum vier Konzerte, in deren Fokus die sich seit 2016 in der Sammlung des Museums befindliche Hammondorgel steht. Erfunden hat das Instrument 1935 der US-Amerikaner Laurens Hammond (1895–1973). Gedacht war es als preisgünstige Alternative für die Pfeifenorgeln in Kirchen, weiss Isabel Münzner, Kuratorin Musikinstrumente am Musikmuseum Basel.

Doch stattdessen habe die Hammondorgel mit ihrer neuen Klangwelt, die ursprünglich mittels Magnetspulen und rotierenden Zahnrädern erzeugt wurde, wesentlich zum Durchbruch der Musikgenres Jazz, Rock und Pop beigetragen. Obschon nebst George Gershwin auch Count Basie und Fats Waller zu den frühen Anhängern des langlebigen und strapazierfähigen Instruments gehörten, hatte die Hammondorgel ihre wahre Blütezeit erst in den 1960- und 1970er-­Jahren: Musiker wie Gregg Allman, James Brown oder Steve Winwood favorisierten dabei das Modell B3. Von diesem zeigte sich auch Stephan Ammann sehr angetan. Der Basler Musiker erstand sein Exemplar, nachdem er 1974 vorübergehend bei den versponnenen ­Progressive-Rockern Circus ausgestiegen war und sich nun als Solokünstler versuchte.

«Das Teil kostete damals 13'000 Franken, vorgeschossen von meinen Eltern», erinnert sich Ammann. Fasziniert am Instrument hätten ihn insbesondere die Sounds, die sich mit dem Vibrato-Scanner erzeugen liessen. «Der einzige Negativpunkt an der Hammondorgel war ihr Gewicht.» Wie schwer das Instrument exakt ist, weiss er zwar nicht, doch er schätzt, dass es insgesamt gegen die 80 Kilogramm wiegt.

Wichtiges Zeitdokument der Musikgeschichte

Folgerichtig hat sich Ammann, der auch bei Basler Bands wie Blue Motion, den Zodiacs und zuletzt bei Straw Dogs aktiv war, im Laufe der Zeit transportablere Instrumente zugelegt. «Und an diese habe ich mich gewöhnt.» Er räumt allerdings ein, dass die Hammondorgel-Modelle B3 und C3 für ihn immer noch das Nonplusultra darstellten. «Vor allem in einem geeigneten Raum und zusammen mit einem Leslie-Lautsprecher.»

Rund zwanzig Jahre lang sei ­seine Hammondorgel in der ­Garage «eingemottet» gewesen, sagt Ammann. «Bis ich ­begriffen habe, dass ich sie nie mehr benutzen werde.» Worauf er versucht habe, einen Interessenten für das gute Stück zu ­finden. Vergeblich. «Also habe ich vor vier Jahren beim Musikmuseum angefragt.» Wo die B3 mit Handkuss entgegengenommen wurde. «Die Hammond­orgel bedeutet für uns nicht nur die Erweiterung der früheren ‹Sammlung alter Musikinstrumente› ins 20. Jahrhundert, ­sondern ist auch ein wichtiges Zeitdokument in der Musik­geschichte», betont Kuratorin Isabel Münzner.

Beginnend ab diesem Mittwoch wird diesem Zeitdokument vorübergehend wieder Livemusik entlockt werden: Der Auftakt zur Konzertwoche gebührt der Formation Christoph Grab’s Tenor. Das Trio um den Zürcher Saxofonisten verfolgt bei seinem Auftritt die Idee einer Big Band in Taschen­format. «Ich spiele die Hauptmelodie der Stücke und die Hammondorgel ergänzt die Big-Band-Sätze», führt Grab aus. «Der Klang der Hammond kann dabei sehr gut das Feeling eines Bläsersatzes erzeugen.» Und die Kombination aus Tenorsaxofon und Orgel habe eine lange Tradition. «Dies, weil die beiden Instrumente klanglich wunderbar verschmelzen können und über eine ähnlich bluesige und sprachnahe Rauheit verfügen.»

Aktuell arbeitet der bekennende Count-Basie-Fan, der im bird’s eye auch auf Material der Swing- und Jazzikone zurückgreift, an einem neuen Programm. Aus diesem verspricht er erste Kostproben: «Die Kompositionen schreibe ich speziell für unsere Formation und dabei versuche ich, die Qualitäten der Hammondorgel bestmöglich einzubeziehen.»

Auf der Suche nach ­klanglicher Schönheit

Am Folgetag nimmt Emmanuel Bex die B3 einen Abend lang unter Beschlag. Bevor er 1983 zur Hammondorgel wechselte, studierte der Franzose zunächst Klavier und Fagott. «Ich entschied mich, Jazz zu machen und erkannte, dass die Orgel mir dabei einen aussergewöhnlichen Garten mit wilden Blumen und exotischen Wegen bietet», sagt Bex auf Anfrage. Ihm zufolge lässt sich die Hammond im Jazzbereich mit allerlei Instrumenten verbinden. «Speziell mag ich die Kombination aus Orgel, Schlagzeug und Gitarre. Mit dieser werde ich auch in ­Basel antreten», kündet er an.

Dann ist die Reihe an Peter Madsen und seinem Organ Quartet: Obschon man den US-Amerikaner in der Regel eher mit dem Flügel als mit der B3 in Verbindung bringt, durfte er seine Affinität bereits mit Jazz-Funkern wie Maceo Parker oder Pee Wee Ellis unter Beweis stellen. «Obgleich ich die Hammondorgel nicht allzu häufig spiele, ist sie ein unglaubliches Instrument mit unglaublicher Geschichte», erzählt er.

Im bird’s eye werde er mit der Orgel sogar für die Bassparts zuständig sein. «Eine ziemliche Herausforderung, zum Glück habe ich mich in jungen Jahren lange dem Bassspiel gewidmet.» Die Hammond fasziniere ihn vor allem, weil sie ein mächtiges Instrumenten-Tier mit ­unzähligen Soundfarben und Klangoptionen sei. «Die Bandbreite an Ideen, die es der Orgel ermöglicht, den Geist zu öffnen, empfinde ich als atemberaubend.» Nebst eigenen Kompositionen stellt er von ihm arrangierte Stücke aus der Feder von Jimmy Smith, aber auch von ­Billy Strayhorn, Thelonius Monk oder Larry Young in Aussicht. «Das wird ein sehr lustiger Konzertabend.»

Abgeschlossen wird die Hammondwoche mit zwei Sets von Renato Chicco und seinem Encounters Trio. Chicco, der sich mit seinen beiden Begleitern Johannes Enders und Jorge Rossy im bird’s eye auf die Suche nach klanglicher Schönheit begibt, glaubt beim Piano und der Hammondorgel unterschiedliche Vorzüge zu erkennen: «Während das Klavier perkussive Qualitäten besitzt, lassen sich Töne auf der Orgel so lange ­halten, wie man möchte», sagt der Musiker mit slowenisch-italienischen Wurzeln.

Der Unterschied beim Spielen bestehe darin, dass man ­lernen müsse, das jeweilige ­Instrument zum «Sprechen» zu bringen. Die Hammondorgel sei «ein wunderbares Teil», das seinen Platz in vielen Musikgenres gefunden habe. «Mich begeistert nicht zuletzt die Tatsache, dass es ein komplettes Instrument ist – sowohl hinsichtlich Klang als auch Funktion.»

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