Basel-Stadt

Zum Schutz der Kinder: Das Mutter&Kind-Haus führt engere Strukturen ein

Neun Frauen mit Kindern finden im Mutter & Kind-Haus in Basel Unterschlupf, so etwa Skala Djelane mit Tochter Darija: Links: Betreuerin Conny Saier. (Bild: 18.12.19)

Neun Frauen mit Kindern finden im Mutter & Kind-Haus in Basel Unterschlupf, so etwa Skala Djelane mit Tochter Darija: Links: Betreuerin Conny Saier. (Bild: 18.12.19)

Immer mehr Frauen im Mutter & Kind-Haus leiden unter psychischen Erkrankungen. Das Team reagiert mit engmaschigeren Strukturen – etwa mit nächtlichen Kontrollgängen oder Babyphones mit Kamera.

Das Telefon klingelt ständig. «In der Weihnachtszeit bekommen wir immer besonders viele Anfragen», sagt die Teamleiterin des Mutter & Kind-Hauses Gaby Schreiber. Häufig nehmen ambulante Betreuungspersonen über die Weihnachtsfeiertage frei. In ihren Ferien sind sie allerdings besorgt, dass ihre Klientinnen diese drei bis vier Tage nicht alleine mit ihren Kindern zurechtkommen. «Deshalb fragen sie uns an, ob die Mütter diese ohnehin sehr schwierige Zeit bei uns verbringen können». Im Mutter & Kind-Haus bemüht man sich dann, einen Platz zu finden.

Insgesamt können hier neun Frauen mit ihren Kindern wohnen. Im 1. und 2. Stock befinden sich die Zimmer. Die Zimmertüren haben bunte Rahmen. An den Wänden auf den Gängen sind Wandtattoos angebracht. Sie zeigen Schattenrisse glücklicher Kleinfamilien. Im Erdgeschoss befindet sich der Hort. Hier schaukeln die Mitarbeiterinnen die kleinen Kinder im Arm, während die Mütter an der Tagesstruktur teilnehmen, Termine haben oder sich im Mütter-Café austauschen.

Eine Etage weiter oben wird jeden Morgen gemeinsam gefrühstückt. Das sei sehr wichtig, damit die Mitarbeiterinnen die Sicherheit haben, dass die Kinder schon etwas gegessen haben, wenn sie in den Hort kommen, sagt Schreiber. «Früher war das anders», erklärt die Teamleiterin: «Damals haben wir nicht so eng begleitet.» Thorsten Binus, Gesamtleiter der Heime Auf Berg AG, nennt als Grund für die intensivere Begleitung und die engeren Strukturen den geänderten Bedarf.

Tragfähigere Institution gefordert

Einige Monate zuvor waren nur drei Zimmer im Mutter-Kind Haus besetzt. Die zuweisenden Stellen forderten eine tragfähigere Institution. Die Mütter, für welche die Sozialhilfe und die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) Plätze suchten, waren meist psychisch krank, hatten Suchtprobleme oder schwere Traumata. Auf diese Klientinnen war das Mutter & Kind-Haus aber nicht optimal ausgerichtet.

Hier wurde jahrelang vor allem jungen Müttern ein Platz geboten, die «nur» Unterstützung in ihrer Erziehungsfähigkeit brauchten. Mit den neuen Tatsachen konfrontiert, entschied das Leitungsteam vergangenen Januar, das bisherige Vertrauenskonzept anzupassen.

Die Kosten entscheiden: ambulant oder stationär

Warum sich die Klientel derart verändert hat, erklärt Thorsten Binus folgendermassen: «Vorrangig geht es dabei um die Kosten.» Eine stationäre Betreuung ist immer teurer als eine ambulante. Erstere wird deshalb zunehmend nur noch in schwerwiegenden Fällen in Anspruch genommen. Ausserdem fusionierte die Heime Auf Berg AG vor drei Jahren mit dem Übergangswohnheim «Wegwarte» in Basel und dem Schulheim «Wolfbrunnen» in Lausen. So entstanden neue Angebote im Bereich des betreuten Wohnens für Mütter und Familien. Dadurch hat sich der Bedarf an anderen Stellen verschoben.

In der Phase der Umstrukturierung war das Team im Mutter & Kind-Haus mit vielen Herausforderungen konfrontiert. «Früher haben wir den Müttern erst einmal vertraut, gingen vom Besten aus und reagierten dann, wenn es nötig war», erzählt Gaby Schreiber. Bald habe man aber gemerkt, dass die neuen Klientinnen so sehr mit sich selbst beschäftigt sind, dass das Kindeswohl teilweise gefährdet wird.

Deshalb kommt das Kind nach einem Eintritt je nach Bedarf erst in die Obhut der Mitarbeiterinnen, bis die Situation einschätzbar ist und entschieden werden kann, wie die weitere Betreuung aussieht. «Wir haben gemerkt, dass diese Kinder viel, viel mehr Begleitung von unserer Seite brauchen», so Schreiber. Neuerdings werden alle Babys, deren Mütter in einer kritischen Situation sind, mit Babyfones von den Mitarbeiterinnen überwacht: «In einem Fall haben wir zurzeit auch ein Babyfone mit einer Kamera im Einsatz.»

Besonders heikel ist die Lage in den Nächten, wenn die Mütter mit ihren Kindern alleine im Zimmer sind. Lange Zeit reichte es aus, wenn ein Pikett-Dienst vor Ort war. Die Mitarbeiterin konnte während ihres Dienstes von 23 Uhr bis 7 Uhr im Haus schlafen und stand nur dann auf, wenn das Telefon klingelte, wenn sie hörte, dass ein Kind lange schrie oder jemand kam, um sie zu wecken.

Kontrollgänge statt Pikett-Dienst

Nach einigen Zwischenfällen bemerkte das Team, dass dies nicht mehr ausreicht. «Wir mussten feststellen, dass wir mit dem Pikett-Dienst nicht sicherstellen können, dass es allen Kindern gut geht», sagt Schreiber. Ausschlaggebend war unter anderem eine Mutter mit Schizophrenie, bei der häufigere nächtliche Kontrollen notwendig waren. Deshalb sind jetzt jeweils Nachtwachen eingeteilt. Diese haben eine psychologische oder pädagogische Ausbildung und sind angewiesen, immer wieder Kontrollgänge zu machen.

Ausserdem nehmen sie häufig auch Kinder zu sich, wenn sich herausstellt, dass die Mutter nachts mit dem Kind überfordert ist. «So sinkt auch die Hürde für die Mütter, die Mitarbeiterinnen nachts zu wecken, wenn sie nicht mehr weiter wissen», erklärt Schreiber.

Der Traum von der eigenen Wohnung

«Das Ziel des Aufenthalts bei uns ist eine erfolgreiche Platzierung», sagt Vicente Marti, Bereichsleiter Eltern und Kind bei der Heime Auf Berg AG. Dies muss aber nicht die absolute Selbstständigkeit in einer eigenen Wohnung bedeuten, sondern eine adäquate und nachhaltige Lösung für Mutter und Kind im Sinne des Kindschutzes. Das kann beispielsweise auch der Übertritt in eine Pflegefamilie sein, wie bei der 31-jährigen Fabienne Fulin. Sie hat sich vor sechs Monaten selbst beim Mutter & Kind-Haus gemeldet. Damals war sie hochschwanger und wusste: Alleine wird sie mit der Situation nicht fertig. Einen Monat später kam ihr Sohn Emilio zur Welt. «Ich bin froh, ist er da, auch wenn er mich manchmal wahnsinnig macht, wenn er ständig schreit», sagt Fulin.

Sie selbst kommt aus einer zerrütteten Familie, musste ständig umziehen, lebte in Heimen und Pflegefamilien. Kurz vor Weihnachten zog sie nun mit ihrem Sohn wieder zu ihrer ehemaligen Pflegemutter. «Mein grösster Wunsch wäre es allerdings, gemeinsam mit meinem Partner und meinem Sohn in einer eigenen Wohnung zu wohnen», sagt sie. Momentan sei dies aber nicht möglich, da die KESB von einer Gefährdung des Kindeswohls ausgeht.

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