Basel
Basel stellt auswärtige Schüler vor die Tür

Künftig sollen die städtischen Mittelschulen nicht mehr für Baselbieterinnen und Fricktaler offen stehen – doch jetzt regt sich Widerstand.

Benjamin Wieland
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Ausserkantonale machen einen Viertel der Basler Gymnasialklassen aus.

Ausserkantonale machen einen Viertel der Basler Gymnasialklassen aus.

bz-Archiv/Nars-Zimmer

Es ist eine alte Tradition. In Allschwil und in Schönenbuch können Schülerinnen und Schüler, die ans Gymnasium wechseln, wählen, ob sie jenes in Oberwil besuchen wollen – oder aber eines in der Stadt. Mit der Wahlfreiheit soll jetzt aber Schluss sein. Weil die Gymnasien, aber auch die Fachmaturitätsschulen (FMS) im Stadtkanton bald aus allen Nähten platzen, sollen die Ausserkantonalen nach und nach ausgesiebt werden (die bz berichtete). Zuerst trifft es die Fricktaler, dann die Baselbieter.

In Allschwil wurde man vom Entscheid der vier Nordwestschweizer Bildungsdirektionen überrascht. Die Gemeinde sei nicht in die Planungen involviert worden, sagt Gemeindepräsidentin Nicole Nüssli (FDP). «Wir wurden lediglich informiert – und zwar erst, nachdem die entsprechenden Entscheide schon gefällt worden waren.» Der Gemeinderat habe noch keine abschliessende Stellungnahme beschlossen. Das Thema wird laut Nüssli aber an einer der kommenden Sitzungen traktandiert. «Dort werden wir dann das weitere Vorgehen und eine Stellungnahme beschliessen.»

Sorge um die Attraktivität als Wohnort für Familien

Einige Ratsmitglieder haben sich ihre Meinung schon gemacht. «Ich finde es schade, dass der Regio-Gedanke hier nicht gelebt wird», sagt SP-Gemeinderat Christoph Morat. Silvia Stucki (SP) sagt, sie könne das Vorgehen nicht nachvollziehen. «Allschwil hat jetzt Handlungsbedarf aus meiner Sicht.» FDP-Gemeinderat und Landrat Robert Vogt sagt, er sei «nicht erfreut, dass diese Flexibilität über die Kantonsgrenzen nicht mehr möglich sein wird».

Auch Allschwiler Gemeinderatsmitglieder sind in Basel zur Schule gegangen, ebenso haben einige Kinder, die in Basel die Fachmaturitätsschule oder das Gymnasium besuchen. Gemeinderat und Landrat Andreas Bammatter (SP) etwa besuchte das Mathematisch-Naturwissenschaftliche Gymnasium, das heutige Kirschgarten. Er sagt, er fände es schade, wenn Basel die Schotten dicht machen würde. «Allschwil wächst stark, gerade in Richtung Stadt. Da ist es in meinen Augen ein falsches Zeichen, wenn Basel-Stadt Ausserkantonale aus den Mittelschulen ausschliesst. Und es senkt die Attraktivität Allschwils als Wohnort für Familien.» Bammatter und Vogt beteuern, das Thema im Landrat weiterzuverfolgen.

Die grosse Schüler-Züglete steht erst noch bevor

Gerade für Jugendliche, die in Neuallschwil wohnen, dürften die städtischen Gymnasien erste Wahl sein – das Leonhard etwa ist in zehn Velominuten zu erreichen. Das Gymnasium mit FMS in Oberwil hingegen liegt auf einem Hügel, die Busverbindungen gelten als wenig attraktiv.

Der Anstoss zu den Schülerverschiebungen kam von Basel-Stadt aus. Seit Jahren nimmt der Anteil der Ausserkantonalen zu. Sie machen an der FMS 22 Prozent der Schülerschaft aus, an Gymnasien ein Viertel (siehe Tabelle). Wenn nun die Bevölkerung in Basel, aber auch im Umland wächst, müssten die Kapazitäten ausgebaut werden – doch dazu ist das Basler Erziehungsdepartement offenbar nicht (mehr) gewillt.

In einer Medienmitteilung der vier Nordwestschweizer Bildungsdirektionen vom 6. Januar heisst es, um die Herausforderung zu meistern, solle im Fricktal eine Mittelschule gebaut werden. Baselland will zudem die Standorte Oberwil und Liestal erweitern. Ausserkantonales Bleiberecht geniessen künftig nur noch die Schwarzbuben.

Die Kantone wollen gestuft vorgehen. Eine Absichtserklärung hält die vier Eckpfeiler fest:

Ab dem Schuljahr 2022/23 werden die Fachmaturitätsschulen in Basel-Stadt von den Schülerinnen und Schülern aus dem Aargau und dem Baselbiet entlastet. Die Fricktaler wechseln vorerst an Baselbieter Schulen.

Der nächste Schritt erfolgt frühestens 2025/26. Ab dann besuchen die Aargauerinnen und Aargauer in beiden Basel keine Mittelschulen mehr – stattdessen soll dann ein neues Schulhaus im Fricktal parat stehen.

Die Baselbieter trifft es 2028/29: Frühestens ab dann können sie keine Mittelschulen in Basel mehr besuchen. Allschwilerinnen und Schönenbucher müssen somit künftig wohl die FMS oder das Gymnasium in Oberwil besuchen.

Für die Schwarzbuben ändert sich nichts. Für sie gilt das regionale Schulabkommen der Nordwestschweizer Erziehungsdirektorenkonferenz weiterhin uneingeschränkt.

Nicht nur die prozentualen, auch die absoluten Zahlen zeigen: Es gibt einen Run auf die Basler Schulen. 2015 besuchten 182 Baselbieterinnen und Baselbieter das Gymnasium in der Stadt, im laufenden Schuljahr sind es schon 230. Der Aargau hat Baselland gar überholt: Aus dem Fricktal und angrenzenden Bezirken stammten vor sechs Jahren 97 Schüler. Die Zahl hat sich fast verdreifacht, auf mittlerweile 266. Aus dem Schwarzbubenland nahmen die Schülerzahlen um einen Drittel zu. Die 125 Solothurner machen die drittgrösste ausserkantonale Fraktion aus, nach den Aargauern und den Landschäftlern.

Basler Kehrtwende: Früher weibelte man um Externe

Zumindest früher waren die Gäste aus dem Umland an den Basler Schulen gern gesehen. Ulrich Maier, Leiter der Mittelschulen beim Erziehungsdepartement, sagte 2018 zur bz, als es um den schon damals diskutierten Wegfall der Aargauer ging: «Wenn die Fricktaler Schüler nicht mehr in Basel ans Gymnasium gehen, ist das ein ideeller Verlust für uns, weil die Durchmischung von städtisch und ländlich geprägten Schülern verloren geht.» Es entspreche auch nicht dem gesellschaftlichen Trend zu Mobilität, wenn alle nur noch im Wohnkanton ins Gymnasium gehen würden.

Auch in Basel überwiegt aber offensichtlich das Argument der Planungssicherheit – für Idealismus bleibt da kein Platz.