Trocken

Ein Ex-Alki erzählt: «Angefangen hat es sehr schleichend»

Gespräch über ein schweres Thema: Herr W. erzählt über seine Sucht, möchte aber anonym bleiben.

Gespräch über ein schweres Thema: Herr W. erzählt über seine Sucht, möchte aber anonym bleiben.

Die bz hat sich beim Blauen Kreuz in Liestal mit einem Ex-Alkoholabhängigen getroffen, um mit ihm über die Schwierigkeiten im Kampf gegen die Sucht zu sprechen.

Herr W. (Name der Redaktion bekannt), Ihre Alkoholsucht, die Sie aktuell im Griff haben, hat vor Jahren begonnen. Was hat Ihre Sucht ausgelöst?

Herr W.: Vor allem Stress im Job. Das war mein grösster Fehler. Ich habe den Job einmal gewechselt in jungen Jahren. In diesem Job wurde mir nicht so geholfen, wie man mir das gesagt hatte. Ich wurde allein gelassen. In der Firma durfte man Alkohol trinken. Das half ein bisschen — war aber der Anfang vom Ende. Man trank da zwischendurch ein Bier. Das hat einen gelöst, die Probleme aber nicht. Es hat andere Probleme erzeugt. Vorher hatte ich nie Probleme mit Alkohol.

Wie lange haben Sie gebraucht, bis Sie Hilfe suchten?

Das war ungefähr nach zehn Jahren. Angefangen hat es sehr schleichend, mit ganz wenig, dann gabs eine Steigerung. Zuerst bleibt es vielleicht bei Bier, und am Schluss ist es der Schnaps. Der wirkt schnell.

Wie viel Alkohol haben Sie in Ihren schlimmsten Zeiten getrunken?

Einen halben Liter Schnaps pro Tag.

Wie haben Sie gemerkt, dass Sie zu viel trinken?

Das merkt man gar nicht, wenn man in so einer Phase ist. Ein Komatrinker, der an einem Abend über den Durst trinkt, der merkt, dass er zu viel hatte, aber ein Pegeltrinker nicht. Man merkt einfach mit der Zeit, dass es einem nicht mehr gut geht. Der Alkohol steht im Vordergrund. Man braucht ihn zum Existieren.

Wie muss man sich einen Alkoholentzug vorstellen?

Als ich den ersten Entzug gemacht habe anfangs der Neunzigerjahre, lief das noch anders. Da hat man noch keine Hilfsmittel bekommen. Man hat einfach aufgehört zu trinken und musste unter ärztlicher Kontrolle zwei Wochen vor Ort bleiben. Und dann wurde man kontrolliert. Heute verabreichen Ärzte Beruhigungsmittel. Diese werden während des Entzugs langsam reduziert, damit die Betroffenen den Entzug am Anfang besser erleben. Früher war der Entzug eine harte Sache.

Sie besuchen schon seit längerem Gruppentherapien. Wie hat Ihnen das geholfen?

Die Gruppe wird geleitet von einem Sozialarbeiter. Aber die Gespräche finden unter Leuten statt, die wissen, wovon ich rede, wenn ich von einem Problem erzähle. Das läuft immer etwa gleich ab bei allen.

Wusste Ihr Umfeld von Ihrer Sucht?

Der engste Familien- und Freundeskreis hat es gewusst. Ich konnte die Sucht vor ihnen nicht verstecken. Alkohol verändert den Menschen. Ich habe auch selber gemerkt, dass ich nicht mehr derselbe war. Das Verlangen nach dem Alkohol wurde immer grösser. Ich brauchte immer grössere Mengen, bis der Pegel erreicht war, mit dem ich existieren konnte.

Wie haben Ihre Freunde und Familie darauf reagiert?

Freunde sagen meistens nichts. Sie machten höchstens versteckte Bemerkungen. Aber die Familie hat schon reagiert. Die haben mir gesagt, dass ich ein Problem habe, das ich lösen müsse. Sie waren nie bösartig zu mir, haben mich aber immer wieder auf die Problematik aufmerksam gemacht. Für nicht so enge Vertraute ist es sehr schwierig, einen Alkoholsüchtigen anzusprechen, bis er zugibt: «Ich habe ein Problem.» Wenn einer diesen Punkt erreicht, hat er schon eine grosse Hürde überwunden.

Wie sollten Leute idealerweise reagieren?

Es ist schwierig, denn die betroffene Person möchte ihre Alkoholsucht nicht zugeben. Vielleicht gibt es mal jemanden, der einen anspricht. Die meisten Leute reden aber eher hinter dem Rücken oder machen dumme Sprüche. Bei mir hat es geholfen, dass meine Familie mich immer wieder bat, Hilfe zu suchen. Irgendwann habe ich dann reagiert.

Nach Ihrem Absturz waren sie 16 Jahre trocken, hatten dann aber einen Rückfall. Was hat diesen ausgelöst?

Angefangen hat es mit einem blöden Unfall. Als es hiess «Sofort ins Spital, es stimmt etwas nicht», bin ich gerade ins nächste Restaurant und habe ein Bier bestellt. Das war eine Kurzschlussreaktion. Irgendwie habe ich den Faden verloren.

War es nach diesem Rückfall einfacher, sich wieder zu fangen?

Es war einfacher, vor allem, weil ich gewusst habe, wie es läuft. Ich habe dann bald Hilfe gesucht, und zwar hier beim Blauen Kreuz. Ich ging auch freiwillig in den Entzug. Ich war überrascht, dass dieser relativ harmlos vor sich ging. Der Entzug ist nicht das Problem. Das Problem ist, wenn man in die «Freiheit» kommt und man den Alltag wieder bestehen muss. Man muss sich durchkämpfen und durchbeissen ohne Alkohol.

Macht es Ihnen nichts aus, wenn neben Ihnen jemand ein Bier trinkt?

Nein. Wir waren kürzlich an einem Fest, und da haben ausser mir alle Alkohol getrunken. Das ist überhaupt kein Problem für mich. Ich weiss, dass ich nicht möchte, nicht sollte — und nicht darf.

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