Widerstand

Ein «teuflischer» Pianist fordert Erdogan mit seinen Sonaten heraus

Hat das innere Exil gewählt: Fazil Say.

Hat das innere Exil gewählt: Fazil Say.

Der türkische Klaviervirtuose Fazil Say tritt heute in der Stadtkirche Liestal auf. Dabei spielt er auch seine politisch konnotierte Klaviersonate «Gezi Park».

Die Geschichte um die Entdeckung des türkischen «Wunderkinds» Fazil Say ist inzwischen zur Legende geworden. Der deutsche Komponist Aribert Reimann soll 1986 bei einem Besuch in Ankara zufällig auf den damals 16-jährigen Pianisten aufmerksam geworden sein. Mit den Worten «Der Junge spielt wie der Teufel!» soll er den amerikanischen Pianisten David Levine davon überzeugt haben, sich Fazil Say anzuhören. Levine war begeistert, er nahm das Talent unter seine Fittiche: So studierte Say bei ihm Klavier in Düsseldorf und Berlin.

In der Türkei selbst gilt Say bei manchen aus anderen Gründen als teuflisch. In der Vergangenheit hat sich der erklärte Atheist regelmässig über die politische Lage in der Türkei und die Instrumentalisierung der Religionen ausgelassen. 2008 war Say Ausgangspunkt einer Kontroverse, als er mit dem Gedanken spielte, auszuwandern. Und nachdem er sich im April 2012 auf Twitter spöttisch über die Scheinheiligkeit in konservativ-islamischen Kreisen äusserte, wurde er am 15. April 2013 von der Istanbuler Strafkammer wegen Blasphemie zu zehn Monaten Haft auf Bewährung verurteilt.

Seither hält sich Fazil Say mit politischen Äusserungen zurück und lässt die Musik sprechen. Nach der gewaltsamen Niederschlagung des Widerstands gegen die Überbauung des Gezi-Parks im Jahre 2013 komponierte Say die drei Werke «Gezi Park 1-3».

Die Klaviersonate «Gezi Park 2» spielt Fazil Say heute in der Stadtkirche Liestal. Die Titel der Sätze sprechen eine deutliche Sprache: «Von den Nächten des Widerstands in den Strassen von Istanbul» oder «Die Hoffnung bleibt immer in unseren Herzen».

Die Klaviersonate beginnt mit einem rhythmischen Klopfmotiv, wobei die Saiten mit einer Hand abgedämpft werden. Gewaltsam wird der eigentlich klare Ton des Klaviers unterdrückt, was auch durchaus für die Situation, in der Fazil Say heute steckt, stehen kann. Statt auszuwandern, hat er das innere Exil gewählt. Er ist bei Weitem nicht die einzige öffentliche Person in der Türkei, die vor dieser Wahl stand: auswandern oder Maulkorb.

Neben «Gezi Park 2» wird das Streichquartett in F-Dur op. 18 Nr. 1 von Ludwig van Beethoven und das Klavierquintett in Es-Dur op. 44 von Robert Schumann zu hören sein. Beide Werke waren zu ihrer Zeit Zeichen von Veränderungen. Während Beethoven mit dem Streichquartett op. 18, seinem ersten Versuch in der Besetzung des Streichquartetts überhaupt, die Gattung revolutionierte, begründete Schumann mit seiner Komposition sogar eine neue Gattung: die des Klavierquintetts.

Stadtkirche Liestal, 5.9., 19.30 Uhr.

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