Coronavirus

«Funk-Kontakt» mit dem Geschäftsführer des Birsmattehofs: «Veränderung braucht einen langen Atem»

Bei Alexander Tanner, Geschäftsführer des Birsmattehofs, hat sich die Nachfrage nach Gemüse-Abos in Zeiten des Coronavirus verdoppelt.

Bei Alexander Tanner, Geschäftsführer des Birsmattehofs, hat sich die Nachfrage nach Gemüse-Abos in Zeiten des Coronavirus verdoppelt.

Alexander Tanner, Geschäftsführer des Birsmattehofs in Therwil, hofft, dass Menschen die Region nach Corona wieder schätzen lernen.

In diesen Zeiten muss auch das Nähkästchen zu Hause bleiben. Stattdessen erreichen wir Persönlichkeiten aus der Region am Telefon: «Funk-Kontakt» heisst die neue Rubrik, garantiert ohne Ansteckungsgefahr.

Herr Tanner, wo erreichen wir Sie?

In unserer Wohnung auf dem Birsmattehof. Ich komme gerade von der Arbeitsbesprechung mit Kollegen.

Wie kann man sich eine solche Besprechung momentan vorstellen?

Das schöne Wetter hilft uns sehr: Für Besprechungen gehen wir ins Freie, wo wir genug Abstand halten können. Darauf achten wir auch bei Arbeiten auf dem Feld und beim Mittagessen. Dafür haben wir auf dem Hofplatz mit grossen Abständen Tische aufgestellt.

Wie unterscheidet sich Ihr aktueller Alltag sonst von demjenigen vor Corona?

Er ist hektischer und spontaner geworden. Auf die Massnahmen mussten wir immer wieder neu reagieren, sie waren meist nicht vorhersehbar. Wir mussten alle lernen, mit diesem Nichtwissen umzugehen. In vielen Bereichen ist der Alltag aber gleich geblieben. Die Arbeit auf dem Feld beispielsweise kann weder verlegt noch aufgeschoben werden. Wenn Gemüse und Ackerkulturen nicht gesät, geerntet und gepflegt werden, können sie sich ja nicht digital ernähren.

Ist die Nachfrage nach regionalen Produkten wegen Corona grösser?

Die Nachfrage nach regionalen Produkten hat enorm zugenommen: Man kann nicht mehr in Restaurants oder Kantinen essen oder im Ausland einkaufen, das spüren wir. An Wochenmärkten können wir nicht mehr verkaufen – das habe ich nie ganz verstanden. Unter freiem Himmel und beim grossen Platzangebot in der Stadt wäre es vielleicht sogar einfacher als im Grosshandel. Aber das müssen andere entscheiden. Deshalb haben wir den Hofverkauf ausgebaut. Die Nachfrage nach Gemüseabos hat sich ausserdem ungefähr verdoppelt.

Denken Sie, dass dies auch nach Corona so bleibt?

Für eine nachhaltige Veränderung von Gewohnheiten braucht es einen langen Atem. Ob die Menschen den haben oder schnell wieder zu alten Gewohnheiten zurückkehren, ist schwierig zu sagen. Ich hoffe, dass der Eine oder Andere etwas in der Region entdeckt, das ihm bis anhin entgangen war. Es wäre schön, wenn einige neue Kunden bleiben würden und das Gefühl und den Geschmack vom eigenen Garten wieder finden. Aber das hoffe ich nicht nur für die Landwirtschaft. Es wäre schön, wenn die Menschen die eigene Region wieder mehr schätzen würden und merkten, dass sie für einen Ausflug nicht ins Flugzeug steigen müssen.

Was kann die Landwirtschaft tun, um eine nachhaltige Veränderung in den Gewohnheiten der Menschen hervorzurufen?

Da sind viele Ideen gefragt. Ich denke, dass es wichtig ist, ein grosses Stück weit auf die Kunden zuzugehen. Zum Beispiel, was die sich verändernden Ernährungsgewohnheiten angeht. Es ist auch wichtig, den Konsumenten einen Einblick in die Arbeit zu ermöglichen und Verständnis zu wecken. Ob sich langfristig etwas ändert, hängt aber von allen Spielern ab: Wenn der Kunde hohe Ansprüche hat, muss er auch bereit sein, Produkte, die für die Umwelt, das Klima, die Wirtschaft und die Arbeitskräfte ein Mehrwert sind, zu kaufen. So etwas passiert aber nicht durch die Coronakrise, das klappt nur durch langfristiges Engagement.

Wie kommen Sie der erhöhten Nachfrage nach?

Wir haben zwar fast keine Erntehelfer aus dem Ausland, fast alle Mitarbeitenden wohnen in der Region. Zurzeit haben wir aber drei zusätzliche Saisonmitarbeitende, die uns unterstützen. Aus der Genossenschaft rufen uns auch viele an, die nicht arbeiten können und eine Beschäftigung suchen. Sie helfen beim Jäten oder beim Abpacken von Gemüse. Auch von den regulären 50 Mitarbeitern sind momentan viele im Einsatz, da einige ihre Ferien verschoben haben. Bisher können wir die Nachfrage so aber gut bestreiten. Auch die schnelle, frühe Wetterentwicklung kommt uns dabei entgegen. Aber wir denken jetzt schon an das, was nach der Krise kommt, wenn alle gleichzeitig in die Ferien wollen. Nicht, dass einige wenige dann die ganze Arbeit stemmen müssen.

Das Wetter hat zurzeit aber nicht nur positive Seiten.

Nein, wir geniessen die Sonne zwar bei der Arbeit, und die frühe Entwicklung hat uns dieses Jahr geholfen, aber die Folgen für die Natur sind besorgniserregend. Regen wäre dringend nötig. Auch für die Landwirtschaft: Die Bewässerung kostet viel Zeit und Geld. Die kalten Winter fallen ausserdem bereits seit Jahren aus. So haben wir vermehrt mit Schädlingen zu kämpfen.

Die Coronakrise und das Wetter erschweren die Arbeit – wie bleiben die Mitarbeitenden motiviert?

Die besondere Situation führt zu mehr Zusammenhalt und guter Zusammenarbeit. Ich denke aber, es wird guttun, wenn sich alles irgendwann wieder normalisiert. Vielleicht können alle daraus ein paar gute Elemente für den Alltag mitnehmen.

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