Pilotprojekt

Graffitikünstler sprayen in Liestal legal

Alternative Künstler dürfen sich in Liestal an bestimmten Standorten austoben. Falls das Pilotprojekt erfolgreich ist, können weitere folgen.

«Sind graue Wände schöner als Graffiti?» Diese Frage prangte über Jahre an einer vom Wetter gezeichneten Fassade am Rande der Liestaler Altstadt. Während viele Jugendliche die farbenfrohe Kunst monochromen Anstrichen vorziehen, antwortete die Liestaler Regierung vor drei Jahren mit einer breit angelegten Entfernungskampagne.

Ziel war es, möglichst viele Tags, Bombings und andere Schmierereien zur Strafanzeige zu bringen, die Übeltäter zu erwischen und Wahrzeichen wie den Spitalbrunnen endgültig von hastig angefertigten Wandbemalungen zu befreien, erklärt René Frei, Bereichsleiter Sicherheit und Soziales Liestal, und fügt an: «Ich unterscheide ganz klar zwischen laienhaft angefertigten Schmierereien und professionell gestalteten Graffiti, welche sehr ästhetisch sein können». Genau deswegen erklärten Frei und die damalige Stadträtin Marion Schafroth, künftig der Graffitiszene ihren Platz zu geben. Dieses Versprechen wird nun – drei Jahre später – eingelöst.

Kulturraum schaffen

Über Jahre hinweg tolerierte die Liestaler Regierung Wandmalereien an einzelnen Orten, wie dem «Holy Hole», das sich auf dem Kiesparkplatz beim Grienmattweg befand und sich über die Jahrzehnte zum Schmelztiegel der nationalen und internationalen Graffiti-Kultur mauserte. Mit der neuen Überbauung wurde jedoch das zeitgenössische Kulturgut unter tonnenweise Bauschutt begraben. Eine Tragödie für viele Mitglieder der Szene. Doch unweit von dieser untergegangenen Kulturstätte entfernt, entsteht nun ein neuer Raum für, wo Graffiti nicht lediglich toleriert, sondern akzeptiert und sogar erwünscht ist.

Einer, der diese Kultur seit vielen Jahren lebt, ist Projektinitiant Daniel Meier, der einen langen Atem beweisen musste. «Wir arbeiten daran», hiess es jeweils von der Stadtverwaltung, wenn Meier sich nach legalen Wänden in Liestal erkundigte. Auch zwei Jahre später erhielt der gelernte Elektriker dieselbe Erwiderung. Ende 2015 kam die Erlösung. Die Verantwortlichen um René Frei waren soweit. Doch weshalb konnten die repressiven Massnahmen umgehend, aber die konstruktive Zusammenarbeit mit der Szene erst drei Jahre später umgesetzt werden? «Das Anliegen der Jugendkommission bestand nicht darin, lediglich Wände zur Verfügung zu stellen, sondern neue Kulturareale zu schaffen, die verschiedene Bedürf-nisse der Jugendlichen befriedigen», erklärt René Frei. Für diesen umfassenden Ansatz musste zuerst die politische Grundlage in Form eines Jugendleitbildes geschaffen werden. Danach konnte das Graffiti-Projekt lanciert werden.

Mitstreiter waren schnell gefunden. So sagt Urs Hess, Leiter des Geschäftsbereichs Kantonsstrassen beim Tiefbauamt Baselland: «Ich unterstützte das Projekt von Beginn weg. Diese kreativen Jugendlichen müssen doch auch ihren Platz haben.» Dem ehemaligen Landratspräsidenten legte die Projektgruppe eine Zusammenstellung von 17 verschiedenen mögli-chen Standorten für legale Graffiti vor.

Szene entscheidet über Zukunft

Drei Standorte wurden inzwischen bewilligt. Ob weitere Flächen hinzukommen, entscheiden die Akteure der Szene. «Wenn die Testphase ohne grössere Beschwerden, Zwischenfälle und sauber verläuft, sind die Behörden gewillt, den Spielraum auszubauen», erklärt Frei. Begleitet wird diese erste Phase durch Samuel Hasler, Leiter aufsuchende Jugendarbeit Liestal. «Ich werde regelmässig die Spots aufsuchen, mich mit den Jugendlichen austauschen und dazu beitragen, dass die Sprayer diese Chance innerhalb des vorgegeben Rahmens nutzen».

Am Freitag startete das Street-ArtProjekt mit der Vernissage im Liestaler Café Farbklex. An der Ausstellung präsentierten Writer, Laien und gar Schulklassen ihre Skizzen, die sie auf die Wand bringen möchten. Eine fünfköpfige Jury, bestehend aus René Frei, Urs Hess, Samuel Hasler, dem deutschen Graffiti-Künstler «Boogie» und Stadträtin Regula Nebiker erkor die besten fünf Werke, welche am nächsten Samstag verwirklicht werden.

«Sinn und Zweck ist es, dass sich die Graffiti auch nach dem Kick-Off stetig wandeln, und immer wieder neue Pieces von den Spots grüssen», erklärt Projektmitglied Sebastian Benz, dem die Verwaltung der derzeit bewilligten Wände unterliegt. Um wildes Crossen bestehender Bilder zu unterbinden, erhalten Künstler, welche ihre Projekte bei Benz vorstellen, eine offizielle Bewilligung und einen eigenen Platz an der Wand. Ihnen sei es ein Anliegen, dass die Wände, für die sie Jahre lang gekämpft haben, nun nicht konzeptlos zu gesprüht werden. Es sollen letztendlich Wände für alle sein. Wo sowohl Geübte als auch Einsteiger ihren Platz haben und ihrer Kreativität freien Lauf geben können.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1