Quasi über Nacht sang sich Ira May auf Platz eins der Schweizer Charts. Dann der Schock: Burnout, Panikattacken und Depressionen. Es folgte ein Jahr Pause. Seit der Veröffentlichung ihres zweiten Albums 2016 ist es ruhig geworden um die Sissacher Soul-Sängerin. Heute hat sie ein Heimspiel — am Leimentaler Openair in Oberwil. Im Interview mit der bz spricht sie über Zukunftspläne, Schubladendenken und was sie gerne auf morgen verschiebt.

Ira May, heute spielen Sie am Leimentaler Open Air. Es ist eines der einzigen Festivals, an denen Sie diesen Sommer auftreten. Warum?

Ira May: Als Künstlerin wird man nicht so oft angefragt, wenn man nicht gerade ein neues Album veröffentlicht hat. Die Veranstalter wollen auf Nummer sicher gehen und mit aktueller Musik ein grosses Publikum anlocken.

Generell ist es eher ruhig um Sie geworden. Hat das Gründe?

Das hatte nach meinem ersten erfolgreichen Jahr einen ganz klaren Grund, ja.

Sie sprechen von den Panikattacken und Depressionen. Die haben Sie nach Ihrem Nummer-eins-Album gezwungen, ein Jahr zu pausieren …

Genau. Dann ging es wieder etwas bergauf. Ich habe aber auch klare Grenzen gesetzt und höchstens drei Auftritte pro Monat angenommen, um sicherzugehen, dass das nicht mehr passiert.

Hat das energetisch hingehauen?

Für mich hat das wunderbar funktioniert. Man muss sich aber schon bewusst sein, dass die Uhr tickt. Ich hatte nie Zeit, mich auf eine Karriere vorzubereiten. Das möchte ich jetzt nachholen. Darum dauert es halt etwas länger, bis wieder mehr von mir kommt.

Wie geht es Ihnen heute?

Um Welten besser. Ich bin aber der Überzeugung, dass man konstant an sich arbeiten muss. Nur weil es mir jetzt gerade besser geht, bin ich noch lange nicht gefeit vor einem Rückfall. Im Gegenteil – mein Körper signalisiert mir viel schneller als vorher, wenn etwas zu viel ist. Das ist zwar gut, aber auch schwierig: Ich habe nach wie vor Ängste, die mich hemmen, in die Öffentlichkeit zu gehen. Ein innerer Kampf, den ich mit mir führe.

Hört sich sehr anstrengend an …

Ist es auch. Das vergangene Jahr war für mich ein sehr schweres, auch in beruflicher Hinsicht. Ich hatte extrem Mühe, ausserhalb des Musik-Business einen Job zu finden. 2013 habe ich zuletzt auf meinem eigentlichen Beruf im Detailhandel gearbeitet. Da ich auch selbstständige Musikerin bin, konnte ich nicht einfach aufs RAV. Deshalb legte ich den Fokus klar auf die Jobsuche. Anderen dient so etwas vielleicht als Inspiration – ich war damit einfach nur überfordert.

Würden Sie sich manchmal wünschen, gar nie so erfolgreich geworden zu sein?

Das ist schwierig. Der Erfolg fühlt sich für mich manchmal an wie o

und Segen zugleich. Die Musik war immer meine Leidenschaft. Es ist traurig, wenn die unter solchen Ängsten leidet. Jetzt habe ich aber wieder einen Job und merke, dass etwas Normalität in meinem Leben Einzug hält. Das gibt mir Luft, um wieder bewusst Musik zu machen.

Im Januar haben Sie Ihre neuste Single «Cold» veröffentlicht. Die klingt relativ elektronisch. Orientieren Sie sich gerade neu?

Es ist lustig. Viele haben das Bedürfnis, Musik klar einem Genre zuzuordnen. Ich finde aber, es ist wichtig, dass man wandelbar bleibt. Ausserdem ist es einfach spannend, andere Dinge auszuprobieren. Der Song ist sehr spontan entstanden. Er ist anders, hat aber rein gar nichts mit einem Album zu tun. Deshalb ist es keine Neuorientierung, sondern eher ein Ausflug in eine andere Richtung.

Kommt bald auch ein neues Album?

Es ist eines in Arbeit. Nach dem zweiten Album merkten mein ehemaliger Produzent Shuko und ich, dass wir nicht mehr auf der gleichen musikalischen Welle schwimmen. Deshalb planen wir kein gemeinsames Album mehr. Mein Herzenswunsch ist ein selbst produziertes Album. Das ist für mich aber Neuland. Wann das Album erscheinen wird, kann ich deshalb noch nicht genau sagen.

Was erhoffen Sie sich von der Zukunft?

Ich würde unglaublich gerne hinter den Kulissen arbeiten und Musik komponieren, bei der ich nicht mit meiner Stimme oder mit meiner Person im Vordergrund stehe.

Und was hindert Sie daran?

Das ist eine sehr gute Frage. Die letzten paar Jahre waren schwer zu verdauen. Auch heute ist es manchmal anstrengend, für alles einen Kopf zu haben: für sich selbst, sein Umfeld, seinen Berufsalltag, die Band und die Konzerte. Ich denke, ich konnte das alles noch immer nicht ganz ordnen. Vielleicht habe ich aber einfach auch Schiss, bewusst einen solchen Schritt zu wagen. Einerseits weiss ich, dass ich als Musikerin gut bin, andererseits habe ich Angst, nicht gut genug zu sein. Und manchmal sind wir auch alle einfach super gut darin, Dinge auf morgen zu verschieben.

 

Festival Leimentaler Openair, Freitag und Samstag, Bruderholzstrasse 150, Oberwil; www.leimentaler-openair.ch