Münchenstein

Mario Gasparini: Ein Automechaniker mit Glace-Erfolg

Seit fast 20 Jahren ist Mario Gasparini in der Firma angestellt.

Seit fast 20 Jahren ist Mario Gasparini in der Firma angestellt.

Vor 40 Jahren wollte Mario Gasparini den Betrieb von Glace Müller wiederaufbauen. Der Rest ist Erfolgsgeschichte.

Wenn er durch den Produktionsbetrieb im Münchensteiner Industriegebiet läuft, winkt Mario Gasparini hier einem Mitarbeiter, der sich in den Mittag verabschiedet. Dort öffnet er eine Türe und warnt: «Achtung, hier drin ist es wirklich kalt.» Und im hintersten Raum begrüsst er drei Mitarbeiterinnen auf Thailändisch. In der Glace-Fabrik – «Manufaktur», korrigiert Gasparini sofort – herrscht Vollbetrieb. Trotz des Coronavirus, den regnerischen Wochen und den abgesagten Anlässen läuft der Verkauf von Gelati Gasparini gut. «Wir schaffen fast den gleichen Umsatz wie im vergangenen Jahr», sagt der Gründer des Basler Unternehmens. Ein wenig wehmütig ist Gasparini dennoch, die hohen Erwartungen an das Jahr 2020 werden vermutlich nicht erfüllt.

Mario Gasparini ist mit Leib und Seele dabei – obwohl der gelernte Automechaniker eigentlich Autorennfahrer oder Berufsfussballer werden wollte. Seine Firma hat in den vergangenen Jahren regelrecht Erfolgsgeschichte geschrieben. Angefangen hat sie vor vierzig Jahren an der Allschwilerstrasse in Basel. Pasquale Gasparini, Marios Vater, kaufte die Liegenschaft, in der sich die Räumlichkeiten von Glace Müller befanden. Inhaber Fritz Müller war zuvor verstorben und hinterliess seine Glace-Fabrik, die nach seinem Tod gelitten hatte. Für Mario Gasparini hingen Kindheitserinnerungen an den Müller-Glace-Produkten. Er bat seinen Vater, der die Liegenschaft abreissen wollte: «Gib mir zwei bis drei Jahre, bis du die Baupläne fertiggestellt hast.» Er erhielt die Chance, den Betrieb und die Produktion wieder aufleben zu lassen.

Das Zolli-Cornet ist seit 66 Jahren ein Klassiker

Ein Jahr lang versuchte sich der damals frischgebackene, 23-jährige Vater unter dem bisherigen Namen Glace Müller auf dem Basler Markt. «Ich hatte keine Chance, der gute Ruf war dahin», sagt Mario Gasparini heute. Der Wechsel auf seinen Familiennamen – inklusive italienischem Flair – verhalf der Marke zu neuem Schwung. Die Glace-Produkte übernahm er jedoch fast vollständig von seinem Vorgänger: Die Zolli-Cornets und die Bananen-Schokolade-Stängelglace waren schon vor 1980 beliebte Klassiker.

Pasquale Gasparini erlebte den Erfolg seines Sohnes und dessen Unternehmen nicht mehr mit. 1983 verstarb er, und vererbte seinen Kindern unter anderem die Liegenschaft. Zusammen mit Mutter und Schwester kämpfte Mario Gasparini in den Folgejahren um das Glace-Geschäft: «Ich war nur noch am Arbeiten.» Ferien habe es kaum gegeben. Freie Tage seien nur bei schlechtem Wetter möglich gewesen. Für seine beiden Kinder war die Übernahme des elterlichen Betriebs keine Option gewesen: Zu oft hatten sie den Vater in ihrer Kindheit im Arbeitsstress erlebt. Stattdessen arbeitet der Sohn heute in der Verwaltung des Basler Strafgerichts und die Tochter ist Pflegefachfrau.

Vom Chef zum Angestellten

Zwanzig Jahre lang gab Gasparini alles für sein Unternehmen. Bis er 2001 am Scheideweg stand: «Meine Mutter wollte sich altershalber zurückziehen und meine Schwester konzentrierte sich auf ihre Familie mit vier Kindern.» Gleichzeitig wusste er, dass die Firma eine Manufaktur bleiben soll, die Gasparini-Glace sollte weiterhin handgemacht sein. Mit dem Verkauf von Gelati Gasparini an die Gesellschaft für Arbeit und Wohnen (GAW) fand die Ära des Familienbetriebs zwar ein Ende. Name, Philosophie und Vision blieben hingegen – ebenso wie Mario Gasparini: Er ist seit der Übernahme angestellt und zuständig für Produktion, Entwicklung und Aussendienst. So war er es, der das Himbeer-Zolli-Cornet vorgeschlagen und – trotz Gegenwind – erfolgreich auf den Markt gebracht hat. Neben dem Rahmtäfeli-Glace, das eher für die Wintermonate geeignet sei, und dem Mango-Passionsfrucht-Stängelglace ist dies sein Liebling.

Die Glace gibts jetzt auch in Zürich, Bern und im Aargau

Noch immer ist Mario Gasparini das Gesicht der Marke. Um langen Gesprächen über seine Firma und seinen Werdegang zu entgehen, greift der 63-Jährige auch heute manchmal auf den Namen seiner Frau zurück: «Gehen wir ins Restaurant, reservieren wir den Tisch immer unter Müller», sagt Gasparini und lacht. Früher habe dies für einige Verwechslungen und Vorurteile gesorgt. «Man unterstellte mir, ich hätte mich in die Firma Glace Müller eingeheiratet.» In Wahrheit ist seine Frau jedoch nicht mit dem Vorgänger Fritz Müller verwandt.

Bei Kundengesprächen hingegen komme es oftmals gut an, wenn er selbst die Firma vertrete. Schliesslich ist der Name mittlerweile schweizweit bekannt. In Zürich oder Bern, im Baselbiet oder im Aargau: Die bunt eingepackten Glaces von Gasparini sorgen für glänzende Kinderaugen. Besonders in Basel – «hier sind wir natürlich am stärksten vertreten», sagt Gasparini – gehört die süsse, kalte Erfrischung zur Kindheit vieler. Der Gründer kennt das Erfolgsrezept seiner Marke: «Emotionen und lokale Produkte gekoppelt mit Kindheitserinnerungen.» So, wie für ihn früher Glace Müller einen besonderen Stellenwert hatte.

Gitarre, Berge und Blindenradio

In zwei Jahren wird die Zeit, in der Mario Gasparini durch die Produktionsräume schreitet, Glace im Fabrikladen verkauft oder mit Teamkollegen die neusten Werbekampagnen bespricht, zu Ende gehen. Der Gründer wird pensioniert. Unglücklich scheint Gasparini darüber nicht zu sein. «Ich freue mich auf die Zeit, in der ich etwa mehr Zeit in den Walliser Bergen verbringen kann.» Ausserdem bringt er sich derzeit gerade das Gitarrespielen bei.

Und er wird sich noch stärker seinem grössten Hobby widmen können: dem Radio Rotblau. Der Verein wurde im Februar 2020 gegründet, Gasparini engagiert sich als Marketingleiter und Kommunikationschef. Als ehemaliger Hobbyfussballer beim FC Birsfelden, als langjähriger FC Basel-Fan und regelmässiger Stadionbesucher scheint das Radio das perfekte Projekt zu sein für Gasparini. Die Spiele kommentiere er nicht. «Aber ich mache manchmal die Pausenanalysen», erzählt er. Zudem agiert der Sender auch als Blindenradio. Das heisst, die Kommentatoren beschreiben exakt, was auf dem Spielfeld los ist, damit Blinde im Publikum oder zu Hause den Match mitverfolgen können.

Doch kann Gasparini sein Unternehmen, an dem er 40 Jahre lang mitgewerkelt hat, einfach so verlassen? «Ich will gerne noch das Jahr 2022 fertig machen», sagt Mario Gasparini. Dann stehen unter anderem das Eidgenössische Schwingfest in Pratteln, die Tour de Suisse, die Baloise Session und die Art Basel an. Als Gesicht von Gelati Gasparini möchte er diese Grossanlässe noch mitbetreuen – und geniessen. Denn eigentlich müsste Mario Gasparini vermutlich seit dem Verkauf seiner Firma nicht mehr so streng arbeiten. Doch in ihm stecken eben auch die Emotionen, die Kindheitserinnerungen – weder Gasparini selbst noch sein Schaffen werden darum von der Bildfläche verschwinden.

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