Kampfmittelbeseitigerin

«Nichts für zarte Gemüter»: Eine Minenräumerin aus Blauen berichtet über ihren Job

Katrin Stauffer aus Blauen hat einen gefährlichen Job: Als Minenräumerin ist sie oft in Krisengebieten im Einsatz.

Hätte sie nichts verändert, würde Katrin Stauffer wohl noch immer eine erfolgreiche Werbeagentur führen. Das Bankkonto wäre stets gut gefüllt und in der Schweiz müsste sie sich um ihre Sicherheit keine Sorgen machen.

Aber weiter zu machen wie bisher war für die Bernerin vor zwölf Jahren keine Option. Hatte sie nach der Lehre als grafische Gestalterin eine Firma gegründet, war wieder Zeit für etwas Neues. «Ich brauchte eine Herausforderung, wollte eine nachhaltige Tätigkeit und dabei die Welt sehen», erinnert sie sich. Eine Fernseh-Dokumentation sollte ihrem Leben eine völlig neue Wendung geben. In der Sendung ging es um die Entschärfung und Räumung von Bomben in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg.

«Das kann ich auch», dachte sich die heute 41-Jährige. Da eine solche Ausbildung in der Schweiz nur in der Armee möglich ist, absolvierte sie die Rekrutenschule. Danach liess sie sich zur Kampfmittelbeseitigerin ausbilden und arbeitete während eines Jahrzehnts in verschiedenen Krisengebieten dieser Welt. Bei ihren Einsätzen geriet sie mehrere Male in brenzlige Situationen, aus denen sie gestärkt hervorging. Noch immer reist sie um die Erde, ist mittlerweile aber in der zweiten Reihe: Mit ihrem eigenen Unternehmen ist sie vor allem beratend tätig bei der Beseitigung von Hinterlassenschaften kriegerischer Auseinandersetzungen.

Minenräumung ist kein Job für zarte Gemüter

Spricht Katrin Stauffer über ihre Arbeit, tut sie das mit ruhiger Stimme. In ihren Schilderungen kommt immer wieder auch eine gewisse Härte zum Vorschein. Charaktereigenschaften, die für ihre Tätigkeit notwendig sind. «Dieser Job ist nichts für zarte Gemüter», sagt die Minenräumerin, die in Blauen wohnhaft ist. Vor fünf Jahren zog sie mit ihrem damaligen Freund ins Baselbiet. Er stammt aus dem Laufental und ist ebenfalls ausgebildeter Kampfmittelbeseitiger.

Während ihrer Zeit bei der Schweizer Armee hatte sie zwei längere Einsätze: zwei Jahre in Laos und eineinhalb Jahre im Kongo. «Es macht Sinn, mit der einheimischen Bevölkerung zusammenzuarbeiten.» Auf diese Weise sei der Einsatz am nachhaltigsten, auch wenn sie sich keine Illusionen macht: «Auf lokaler Ebene und bei Betroffenen ist das Interesse, das Engagement nach unserer Abreise weiterzuführen, da.» Die Institutionalisierung auf staatlicher Ebene sei jedoch oft schwierig.

«Bei meinen Einsätzen bin ich in instabilen Staaten unterwegs, in denen vieles nicht richtig funktioniert», sagt Stauffer. Ein grosses Problem sei die weit verbreitete Korruption, welche die Entwicklung der Länder hemmt. Durch ihren Job habe sie die Annehmlichkeiten, welche die Schweiz bietet, schätzen gelernt.

Arbeitet sie auf einem Feld, geht Katrin Stauffer immer auf die gleiche Weise vor: «Wir erhalten Informationen darüber, wo bereits Kampfmittel gefunden wurden oder vermutet werden.» Wenn sich der Verdacht erhärte, dass es sich nicht nur um ein einzelnes Objekt, sondern um ein ganzes Gebiet mit Kampfmitteln handle, werde mit technischen Gerätschaften genauer untersucht und geräumt. Um die Minen und Bomben aufzuspüren, setze man häufig Metalldetektoren ein. «Was gefunden wird, vernichten wir vor Ort mit Sprengstoff, wenn es die Umstände erlauben.»

Die Umgebung kann sie nicht kontrollieren

Obwohl sie vieles gesehen hat, sei Angst das Falscheste, was man haben dürfe. «Aber Respekt vor der Aufgabe ist sehr wichtig.» Unfälle bei der Kampfmittelbeseitigung habe sie während ihrer gesamten Tätigkeit nur einmal erlebt. «Der Mann hatte einen Kater, war nicht bei der Sache und hat seine Suchgasse verlassen.» Vor der Räumung wird ein Feld in mehrere solcher Gassen aufgeteilt und einzeln abgesucht.

«Wenn ich arbeite, habe ich es im Griff», sagt sie. «Die Umgebung kann ich jedoch nicht kontrollieren.» Im Kongo habe sie einmal miterleben müssen, wie ein Soldat hinten an einem Auto angebunden und mitgeschleift wurde. Ein anderes Mal habe sie sich im zentralafrikanischen Land auf der Rückfahrt von einer Räumung befunden. «Ich war alleine unterwegs, hatte einen Platten und musste am Wagen das Rad wechseln.» Da sei eine Gruppe angetrunkener Soldaten aufgetaucht. «Das hätte schiefgehen können.» Obwohl ihr in der Armee beigebracht worden sei, sich nicht provozieren zu lassen, habe sie die Männer angeschrien. «Sie waren dermassen baff, dass sie sich wieder aus dem Staub gemacht haben.» Dadurch habe sie gelernt, sich auf das Bauchgefühl zu verlassen.

In Laos liegen noch immer Tausende Blindgänger rum

Das Bauchgefühl war es auch, das ihr sagte, den Job bei der Schweizer Armee hinter sich zu lassen und sich wieder mit einem eigenen Betrieb selbstständig zu machen. «Mein Wunsch nach Selbstbestimmtheit und Unabhängigkeit hat mich dazu gebracht.» In den letzten beiden Jahren reiste sie im Auftrag der Vereinten Nationen oder Stiftungen in Länder wie Kambodscha, Vietnam und Tadschikistan. «Ich war dort für Projektmanagement und Qualitätssicherung bei der Kampfmittelbeseitigung zuständig.» Da die Branche klein sei, habe sie sich einen Namen machen können und erhalte Engagements.

Vor wenigen Tagen ist Stauffer aus Laos zurückgekehrt. «Dort hat sich seit dem ersten Einsatz während meiner Zeit bei der Schweizer Armee viel getan.» Im Auftrag von Welt ohne Minen, einer Schweizer Stiftung, hat sie untersucht, welche Auswirkungen das Engagement der Stiftung hat, die seit über zehn Jahren laotische Räumteams finanziell unterstützt. Auch wenn die Leute das Land meistens schon vor der Räumung landwirtschaftlich nutzen, sei die Kampfmittelräumung wichtig. «Diese Leute haben jeden Tag Angst, in die Luft zu fliegen, wenn sie auf ihren Feldern arbeiten.» Wenn geräumt werde, sei dies eine grosse Erleichterung für die Menschen.

Laos hat mit den Altasten des Vietnamkrieges zu kämpfen. «Damals bombardierten die Amerikaner den Ho-Chi-Minh-Pfad, der grösstenteils auf laotischem Boden liegt.» Noch heute lägen Tausende Blindgänger rum.

Es sei schwierig, keine Zynikerin zu werden

Über viele Alltagsprobleme der Schweizer kann Katrin Stauffer nach zwölf Jahren in der Beseitigung von Bomben und Minen nur noch müde lächeln. «Ich bin viel gelassener und zufriedener geworden», sagt sie. Gleichzeitig müsse sie aufpassen, keine Zynikerin zu werden. Dabei helfe es, mit vielen Menschen zu sprechen.

Mittlerweile hat die rastlose Bernerin eine neue Herausforderung ins Auge gefasst: «Ich werde Entwicklungshilfe studieren.» Sie habe feststellen müssen, dass in der Entwicklungshilfe vieles falsch laufe. «Das möchte ich besser machen.»

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