Coronavirus

Oeschs Angriff auf die Einsamkeit: Wie sich dieser Baselbieter Musiker Gehör verschafft

Wechselt täglich den Standort für seine Konzerte: Oli Oesch mit seinem Bandkollegen Alex Watzdorf (r.).

Wechselt täglich den Standort für seine Konzerte: Oli Oesch mit seinem Bandkollegen Alex Watzdorf (r.).

Der Frenkendörfer Oli Oesch will mit unangekündigten Konzerten den Menschen Mut machen. Das gelingt ihm oft, aber nicht immer.

Er steht auf dem Tisch und erhebt seine Stimme gegen das Coronavirus. Und für ein gefühltes Miteinander. Seine Auftritte sind Kult geworden. Zwischen 18 und 19 Uhr singt der Musiker und Primarlehrer Oli Oesch an unterschiedlichen Plätzen in Frenkendorf seine Lieder. Weil die Menschen in Coronazeiten keine Konzerte besuchen können, «bringe ich die Unterhaltung zu ihnen».

Der 47-Jährige stimmt den Song «Zusammenstehen», den der deutsche Liedermacher Sebel zur Coronakrise geschrieben hat, an. Er steht im Garten eines Bekannten auf dem Tisch, von dem er in eine Häuserschlucht blickt. Auf der gegenüberliegenden Seite treten die Anwohner auf ihre Balkone. Das ist Oeschs Angriff auf die Einsamkeit.

Rührender Auftritt im Altersheim

Heute wird Oesch von Alex Watzdorf an der elektrischen Gitarre. begleitet, einem seiner Bandkollegen von «Back To». Dieser erzählt, was sie unterwegs erleben: «Wunderschöne Reaktionen. Es ist berührend zu sehen, wie Leute heraus auf den Balkon kommen oder ihre Fenster öffnen. Es ist wahnsinnig berührend, was abgeht. Von Tränen bis zu klatschenden Massen siehst du alles.» Oesch sind auch schon die Tränen gekommen. Während eines Auftritts in einem Alters- und Pflegeheim. «Ich war gerührt, als die Pflegerinnen und Pfleger mit den alten Leuten zu tanzen begannen.»

Ein Mann singt auf einem Dach in Frenkendorf BL

Ein Mann singt auf einem Dach in Frenkendorf BL

Oli Oesch singt inzwischen nicht mehr ausschliesslich in Frenkendorf. Er war schon in Füllinsdorf, Lupsingen, Nusshof, Bubendorf präsent. Heute ist auch Liestal dran, Watzdorfs Heimat. Mit Leidenschaft lässt er die letzten Akkorde von «Bella Ciao» durch seine akustische Gitarre beben. Ein Stück, das er nicht zuletzt als Solidaritätsbekundung mit dem arg gebeutelten Italien verstanden wissen will. Da klatscht auch SVP-Nationalrätin Sandra Sollberger vom Balkon herunter. Eine Anwohnerin kommt gelaufen. Stellt eine Flasche Wein in die Nähe der Musiker, verbeugt sich und verschwindet wieder. Ihr Mann prostet vom Balkon zu.

Weshalb er den Konzert-Ort ständig wechselt

Begonnen hat die Tour von Oli Oesch nach dem Happening vom 15. März. Als Musikerinnen und Musiker um 18 Uhr gemeinsam aus ihren Häusern oder Gärten gegen das Virus anspielten. Oeschs Nachbarjunge stöpselte die Stromgitarre ein, dessen Vater setzte sich auf dem Dach hinters Schlagzeug. Der Funke war übergesprungen. Am Tag danach stellte sich Oesch aufs Dach seiner Primarschule. Alles ging gut. Alle klatschten. Nicht so am zweiten Tag.

Oli Oesch stieg erneut auf dieses Dach. Er richtete seine Verstärker-Box einfach in die entgegengesetzte Richtung aus. Um nun andern als tags zuvor ein wenig Einsamkeit zu nehmen. Plötzlich habe ihn ein Anwohner aus der Ferne aggressiv beschimpft. «Ich brach sofort ab. Ich wollte niemanden belästigen.»

Dies wiederum habe die übrigen Zuhörer auf die Palme gebracht, die nun ihrerseits auf den Schimpfer eingeschimpft hätten. Er sei daraufhin nochmals ans Mikrofon getreten, um zu schlichten. Das Erlebnis habe ihn getroffen, erzählt Oesch. «Ich dachte mir, die Idee sei damit gestorben, doch dann fiel mir ein: Ich muss regelmässig den Standort wechseln.»

Oeschs Beispiel hat bereits Schule gemacht

Drei oder vier Lieder spielt Oli Oesch. Dann verschwindet er wieder. Es soll sich kein Menschenauflauf bilden. Inzwischen hat Oeschs Vorbild Schule gemacht. Mit Michel Trutmann bespielt ein weiterer bekannter Name aus der Musikszene die Quartiere. Etwa in Pratteln. Er selbst suche sich die Plätze, wo er spiele, spontan aus. «Ich gehe dahin, wo mein Herz mich hinzieht», sagt er, «ein Plan besteht normalerweise nicht.» Es gehe ihm vor allem darum, den Leuten Mut zu machen. Dafür steht er auch mal auf den Tisch und erhebt seine Stimme.

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