Coronavirus

Sonderschulen mit grossen Herausforderungen konfrontiert: Gefährlicher, komplizierter, teurer

Um die Ansteckungsgefahr zu minimieren, werden die Klassen an Sonderschulen strikt voneinander getrennt.

Um die Ansteckungsgefahr zu minimieren, werden die Klassen an Sonderschulen strikt voneinander getrennt.

Die Herausforderungen wegen Corona sind für Sonderschulen riesig. Sie benötigen nun finanzielle Hilfe vom Kanton.

Seit zwei Wochen sind die Schulen wieder geöffnet – für Schüler, Eltern und Lehrpersonen ist das mit organisatorischem Aufwand verbunden. Doch nirgends ist dieser so gross wie an Sonderschulen. «Der Aufwand ist sehr viel höher als an Regelschulen – insbesondere für Schülerinnen und Schüler mit Mehrfachbehinderungen», sagt Fabienne Romanens, Mediensprecherin der Baselbieter Bildungs-, Kultur- und Sportdirektion. Mit Schwierigkeiten verbunden sind etwa die Transportfahrten für Schüler, die Organisation der Mittags- und nachschulischen Betreuung, die Pflege- und Versorgungssituation bei Risikokindern und die Einhaltung der Hygienestandards.

Zwei Meter Abstand halten ist kaum möglich

Sabine Pfeifer, Schulleiterin des Therapie Schulzentrums Münchenstein (TSM), kennt diese Probleme gut: «Die grösste Herausforderung in der Schule ist, dass wir den Abstand nicht einhalten können.» Der Mindestabstand von zwei Metern, den das Bundesamt für Gesundheit (BAG) empfiehlt, sei weder unter den Schülern noch zwischen den Schülern und Pflegern, Therapeuten oder Lehrpersonen möglich. Für die Schulöffnung habe man deshalb neue Lösungen finden müssen – die Veränderungen seien gravierend, so Pfeifer: «Wir beschränken die Begegnungen so gut es geht auf die einzelnen Klassen.» Konkret: Die Mitarbeiter dürfen nicht mehr von Klasse zu Klasse wechseln. Dies ist nur noch den Therapeuten erlaubt – und nur mit Maske. In allen Bereichen der Schule werden die Klassen strikt voneinander getrennt.

Das führt zu erheblichem Mehraufwand: Für die Mittagspause beispielsweise, die bis anhin jeweils zwei Klassen in einem Raum verbracht haben, müssen mehr Räume und somit mehr Personal zur Verfügung gestellt werden. Der Chauffeur, der die Kinder bisher nach Quartier abgeholt hat, muss sie nun nach Klasse abholen und somit Umwege durch die gesamte Region fahren. «Für einige Kinder dauert es deshalb eine Stunde, bis sie in der Schule sind», sagt Pfeifer. Schüler mit starken kognitiven Beeinträchtigungen oder autistische Kinder hätten Mühe, mit der langen Fahrt umzugehen.

Bei einigen Kindern wäre Corona-Infektion tödlich

Doch der Präsenzunterricht ist nicht die einzige Schwierigkeit, mit der die Schule zu kämpfen hat. «Einige unserer Schüler sind schwere Risikopatienten», sagt die Schulleiterin. Dies sei etwa bei Kindern mit Muskeldystrophie der Fall. «Auch die Muskeln der Lunge bilden sich in diesem Fall zurück. Eine Infektion wäre bei diesen Kindern wahrscheinlich tödlich.» Eltern, deren Kinder Höchstrisikopatienten sind, hätten sich mit den Kindern seit Beginn der Pandemie zu Hause eingesperrt. Auch die Physiotherapie falle seither aus. «Für die Kinder kann die Situation wegen der sozialen Isolation und der fehlenden Therapie lebensverkürzend sein – auch wenn sie sich nicht infizieren», sagt Pfeifer. Auch für die Eltern sei die Situation belastend.

Aktuell müssen 20 Prozent der Schüler zu Hause bleiben – sind also auf Fernunterricht angewiesen. Diesen habe man zwar während der letzten Wochen üben können – herausfordernd ist er trotzdem. Wie an anderen Schulen per Videochat unterrichten sei jedoch nicht für alle die richtige Option: «Blinde Schüler oder solche mit schweren kognitiven Beeinträchtigungen brauchen andere Unterrichtsformen», gibt Pfeifer zu bedenken.

Fernunterricht müsse für die Schüler individuell geplant und durchgeführt werden.
Der Zusatzaufwand ist so gross, dass die Pensen der Mitarbeitenden aufgestockt werden mussten. Wie lange die Pensen erhöht bleiben, weiss sie noch nicht. «Aber wir wollen das aufrecht erhalten, so lange es nötig ist. Wir können das Leben der Kinder nicht riskieren», sagt sie. Auch wenn es finanziell zu Schwierigkeiten führe. Die Quartalszahlen sähen natürlich nicht gut aus, so Pfeifer.

Von der schwierigen finanziellen Situation weiss auch der Kanton. «Der Mehraufwand der Sonderschul-institutionen wird im jährlichen Finanz- und Leistungscontrolling entsprechend berücksichtigt», sagt Fabienne Romanens. Überbrückungsleistungen seien bereits erfolgt und kalkuliert. In Basel-Stadt seien solche Leistungen für Tagessonderschulen hingegen nicht notwendig, sagt Simon Thiriet, Sprecher des Erziehungsdepartements (ED).

Auf dessen Website ist nur das Schul- und Förderzentrum Wenkenstrasse in Riehen als Sonderschule aufgelistet. Dieses sei Teil des ED. «Eine spezielle Abgeltung ist deshalb nicht vorgesehen und nicht nötig», sagt Thiriet.

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