Ein jüdischer Witz stellt die Frage, wie man denn Gott zum Lachen bringen könne. «Erzähl ihm von Deinen Plänen», lautet die Antwort. Denn Pläne kommen zwar seriöser daher als Wünsche, aber ihre Erfüllung ist ebenso ungewiss. Das Leben bringt uns nur in seltenen Fällen an denjenigen Ort, von dem wir zu Beginn geträumt haben.

Im Stück «The Roommate» der US-amerikanischen Autorin Jen Silvermann sind es zwei Frauen, die sich in einer nie erträumten Situation wiederfinden. Auf den ersten Blick teilen sie einige Gemeinsamkeiten: Beide sind über Fünfzig, beide haben sich von ihren Männern getrennt, beide haben Kinder, die ausgezogen sind und sich für das Leben ihrer Mütter nur mässig interessieren. Sie sind einsam, isoliert und stehen vor der Frage, wie es weiter gehen kann.

«Ich wollte in meinem Stück zwei älteren Frauen die Stimme geben, was im Theater selten ist», sagt die Autorin in einem Interview. Einsamkeit, Verarmung und Perspektivlosigkeit sind in den USA, wo vierzig Millionen Menschen unter der Armutsgrenze leben, virulente Themen.

«The Roommate» wurde an der Uraufführung am «Humana Festival of New American Plays» in Louisville vor drei Jahren denn auch begeistert aufgenommen. Das Theater Orchester Biel Solothurn und das Neuetheater in Dornach haben Silvermanns Stück als deutschsprachige Erstaufführung koproduziert. Premiere war im September in Solothurn. Nun läuft das Kammerspiel in der Regie von Anna-Sophie Mahler in Dornach.

Kriminell sein macht Spass

Sharon, gespielt von Barbara Grimm, ist alleine in ihrem Haus im Provinzstädtchen Iowa City. Sie sagt: «Dieses Haus ist ganz leer. Und ich weiss nicht, wo ich anfangen soll. Ausser von vorn. Noch mal.» Die Tür geht auf und Robyn tritt ein, gespielt von Claudia Burckhardt. Sie ist die «Roommate», die Mitbewohnerin, die Sharon sich ins Haus geholt hat, um nicht in Einsamkeit zu verbittern.

Beide lassen sich auf den Versuch ein, gemeinsam zu wohnen, auch wenn sich herausstellt, dass sie, trotz Gemeinsamkeiten, unterschiedlicher nicht sein könnten. Hier Sharon, die ein Leben als Hausfrau und Mitglied im örtlichen Buchclub verbracht hat. Da Robyn, die mit einem Dutzend Papiertüten aus der Bronx in die Provinz zieht und vorgibt Slam-Poetin zu sein.

Ihre Biografie enthüllt sich erst nach und nach: Sie hat die Männer ganz hinter sich gelassen und steht nun auf Frauen, hat ihre «Heilkräuter», die Marihuanapflanzen, mit dabei und ist nicht einfach umgezogen, sondern untergetaucht, um ihrer Vergangenheit als Dealerin, Autodiebin und Trickbetrügerin zu entkommen.

Der gemeinsam gerauchte Joint, der erste für Sharon, wärmt die zuerst unterkühlte Begegnung auf. Die beiden Einsamen werden Freundinnen. Die Lesbe aus der Bronx lockt die biedere Hausfrau aus der Reserve. Zuletzt mehr als ihr lieb ist, denn Sharon entpuppt sich als gewiefte Dealerin und leidenschaftliche Trickbetrügerin.

Eine Herausforderung

Regisseurin Anna-Sophie Mahler stellt die Schauspielerinnen auf eine karge Bühne, in der nur eine Küchentheke den Haushalt markiert. Sie gewährt den Frauen nicht einmal eine Sitzgelegenheit. Beide Schauspielerinnen meistern diese Herausforderung gekonnt. Sie spielen das mit guten Pointen gespickte Stück, ohne auf die Lacher zu drücken.

Die vom Sounddesigner Marcel Babazadeh entwickelte Klangkugel trägt das ihre dazu bei, dass der filmreife Plot bis zum Ende in eine rätselhafte Atmosphäre getaucht ist.

Nach einem letzten Tanz und einem ersten Kuss ist Robyn so schnell weg, wie sie gekommen ist. Sie, die in der Fremde neu starten wollte, wurde wieder auf ihr altes Leben als Kriminelle zurückgeworfen. Sharon hat ihre dunklen Seiten mit Lust entdeckt und die Rolle der Hausfrau abgestreift.

Die Freundschaft der beiden Frauen ist nicht von Dauer. Doch sie war es wert, durchgespielt zu werden. Ob dieses Spiel gut war oder schlecht, ist unwichtig. Wichtig ist, dass das Leben weitergeht, besser irgendwie, als gar nicht. Oder mit den Worten von Sharon gesagt: «Jedes erste Gedicht, ist ein schlechtes Gedicht. Aber es liegt eine grosse Freiheit darin, schlecht zu sein.»


«The Roommate» bis 26. Januar, Neuestheater, Dornach.