Kunsthaus Baselland

«Verkümmerte, verfressene Körper»: Videokünstler untersucht Beziehung des Menschen zu seiner Umwelt

Christoph Oertli: «Alle Arbeiten ergeben sich bei mir aus den Lebensumständen.»

Christoph Oertli: «Alle Arbeiten ergeben sich bei mir aus den Lebensumständen.»

Christoph Oertli erforscht mit der Kamera gesellschaftliche Realitäten. Nun stellt er im Kunsthaus Baselland aus.

In seinen Videoarbeiten, die momentan im Kunsthaus Baselland zu sehen sind, geht es nicht um temporeiche Action. Christoph Oertli ist ein Forscher, der die Beziehung des Menschen zu seiner Umwelt untersucht. Der in Winterthur geborene Videokünstler besuchte die Fachklasse Audiovisuelle Gestaltung an der Schule für Gestaltung in Basel.

Nach dem Abschluss des Studiums manifestierte sich das Reisen als Voraussetzung für die Realisierung seiner filmischen Projekte, wie er sagt: «Zu Beginn meines Schaffens war ich hauptsächlich im Studio. Da gab es keine realen, dokumentarischen Bilder, alles war komplett inszeniert.» Aber irgendwann entstand der Wunsch, mit realen Begebenheiten zu arbeiten. Seine langen Reisen von seinem Wohnort Basel nach Paris, Montreal und Brüssel ermöglichten ihm, in die jeweilige Kultur einzutauchen.

Persönliche Geschichten als Beweismittel

Dabei gehe es ihm auch heute weniger darum, mit einem konkreten Konzept an Orte zu reisen, sondern sich auf Gegebenheiten einzulassen: «Alle Arbeiten ergeben sich bei mir aus den Lebensumständen.» Tatsächlich steht hinter jeder Videoarbeit eine persönliche Geschichte. Diese Stories wirken wie Beweismittel dafür, dass Kunst für ihre Entstehung den Alltag braucht.

In der Videoarbeit «Monsieur René» gleitet die Kamera durch eine überfüllte Wohnung. Immer wieder zoomt das Objektiv an die angesammelten Objekte heran, ein beklemmendes voyeuristisches Gefühl wird spürbar. Diese Wohnung befand sich in einem baufälligen Bürgerhaus, in welchem Oertli einen Stock weiter unten selbst wohnte. Eines Tages sah er die obere Wohnungstüre eingetreten, der Bewohner war verschwunden.

Trotz der spürbaren Realitätsnähe ist Christoph Oertli kein Dokumentarfilmer: «Mich interessiert die Vielzahl von Realitäten, die gleichzeitig an einem fremden Ort vorhanden ist. Mit der Kamera kann ich durch verschiedene Realitäten schweben.» Nicht selten versetzt er in seinen Montagen Personen in Geschehnisse hinein, die sich in Wahrheit nie genau so abgespielt haben. Das Reale und Virtuelle fliessen in einander, die technischen Eingriffe sind als solche kaum mehr wahrnehmbar.

Ein unverhofft perfektes Filmset in Tokio

In seiner neusten Arbeit «Sensing Bodies» nützt er die japanische Stadtlandschaft als Bühne. Dabei erscheint die real aufgenommene Umgebung und Natur in einer solchen Perfektion und Reinheit, dass man sie beinahe für artifiziell hält. Drei Monate verbrachte Christoph Oertli in Tokio, der Park rund um den Kaiserpalast offenbarte sich als das perfekte Filmset. «Solche Orte kann man nicht suchen, man begegnet ihnen zufällig», schwärmt er begeistert. Die Parkbesuchenden hätten sich mit ihren reduzierten Bewegungen als ideale Performer erwiesen.

Auch wenn Oertli neue technische Entwicklungen bewundert, beurteilt der Künstler unseren heutigen Umgang mit dem eigenen Körper eher kritisch: «Früher hat man den Körper bei der Feldarbeit als Arbeitsinstrument gebraucht, heutzutage schaltet man den Körper beinahe aus. Irgendwann werden wir nur noch verkümmerte, verfressene Körper herumrobben sehen.»

Die Videoarbeit erscheint als erschreckend reale Zukunftsvision. Denn wer kennt sie nicht; die absorbierten Gesichter, die sich in erstarrten Körperhaltungen über kleine Bildschirme beugen?

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