In den vergangenen sechs Jahren wurde das gesamte literarische Werk von Jonas Breitenstein mitsamt dem Nachlass an Briefen aufgearbeitet und für die Leserschaft zugänglich gemacht. Der im Dichter- und Stadtmuseum Liestal aufbewahrte Nachlass Breitensteins wurde geordnet und minutiös ausgewertet. Ja selbst zwei Hörbücher machen es nun möglich, diesen Schriftsteller und ersten Baselbieter Mundartdichter kennenzulernen.

Zuletzt sind nun seine Briefe erschienen, bewundernswert sorgfältig und akribisch transkribiert von einem Projektteam unter Maja Samimi-Eidenbenz, Rosmarie Breitenstein-Thommen, Liselotte Andermatt-Guex, Robert Boss und den Historikern Remigius Suter und Stefan Hess, dem Leiter des Dichter- und Stadtmuseums Liestal. Die Briefe geben einen grossartigen Einblick in den Alltag des 19. Jahrhunderts, und zeigen die zahlreichen Probleme, Ängste und Sorgen, welche die Menschen damals umtrieben.

Jonas Breitenstein ist 1828 in Ziefen geboren und gewinnt daher von frühester Jugend an Einblick in das bäuerliche Leben der Dorfbewohner, aber auch ins Metier der Seidenbandweberei. 1846 kommt Breitenstein ans Pädagogium in Basel. Während dieser Zeit wohnt er am Heuberg und in der Spalenvorstadt und schliesst zwei Jahre später die Maturität als Bester seines Jahrgangs ab. Danach studiert er Theologie in Basel und in Göttingen, gemeinsam mit seinem Freund Martin Birmann.

Binningen, das arme, bäuerliche Dorf

Von 1852 an wirkt er 18 Jahre lang am Margarethenkirchlein als Pfarrer der Kirchgemeinde Binningen-Bottmingen. In diesen Jahren gründet er den örtlichen Frauenverein und eine Kleinkinderschule. Binningen ist zu jener Zeit noch ein armes, bäuerlich geprägtes Dorf, sodass er neben Predigt und Seelsorge auch viel Zeit für die Armenfürsorge aufwenden muss. Breitenstein ist mit Theresia Tschopp aus Ziefen verheiratet. Das Paar hat acht Kinder, zwei davon sterben früh. In die Binninger Zeit fällt auch hauptsächlich Breitensteins schriftstellerische Tätigkeit.

Von 1870 an lebt Breitenstein mit der Familie in Basel an der Friedensgasse, denn er ist nun Sekretär der Freiwilligen Armenpflege, einer privat organisierten Vorläuferin der staatlichen Fürsorge. Er wird 1872 Mitglied der Akademischen Zunft und erhält zudem ehrenhalber das Bürgerrecht der Stadt Basel. Im Jahr 1877 stirbt Jonas Breitenstein mit nur 49 Jahren und wird auf dem Kannenfeldfriedhof in Basel bestattet. Nach dessen Aufhebung überführt man seine Gebeine nach Binningen.

Sein künstlerisches Vorbild ist ohne Zweifel Johann Peter Hebel und seine Alemannischen Gedichte. Breitenstein kennt sie auswendig, und so fliessen immer wieder einzelne Wendungen in seine Werke ein. Zudem sind seine Gedichte oft in Hexameter abgefasst, wie es auch Hebel zu tun pflegte. Wegen seiner Volksnähe wird Breitenstein gerne als «Baselbieter Gotthelf» bezeichnet.

Über 170 Briefe wurden veröffentlicht

Die liebevollen und detailgetreuen Schilderungen des Baselbieter Lebens erinnern an Gotthelf, vor allem auch durch das Einstreuen von Dialektwörtern, wie es der grosse Schweizer Dichter zu tun pflegte. Breitensteins Dorfgeschichten kommen jedoch nicht mit so starken, wuchtigen Worten daher, wie diejenigen Gotthelfs. Sein Anliegen, Ehrlichkeit, Redlichkeit, gegenseitigen Respekt, Treue und Zuverlässigkeit zu vermitteln, teilt Breitenstein jedoch mit Gotthelf und mit Johann Peter Hebel.

Die über 170 Briefe nun veröffentlichten Briefe decken einen grossen Zeitraum des Lebens von Breitenstein ab. Der Briefwechsel beginnt mit den Jahren als Schüler am Pädagogium, es folgt die Zeit als Student in Göttingen und die Schilderungen seiner Reise nach Norddeutschland, Berlin und Sachsen.

Die sorgenvollen Briefe der Eltern zeigen ihr Mitdenken und ihre Sorge, ob der Sohn auf dem rechten Weg ist, während die Briefe von Jonas aus Göttingen das Studentenleben jener Tage köstlich zum Ausdruck bringen. Es folgen die anstrengenden Jahre als Pfarrer in Binningen, Sorgen und Freuden einer Pfarrfamilie aus der Sicht des Vaters und Ernährers, sowie auch Briefwechsel mit Bruder und Freunden.

Alltagsgegebenheiten neben Cholera-Schilderungen

Liebevoll und mit vielen Alltagsbegebenheiten ausgeschmückt sind die Briefe an seine Frau und die Eltern. So berichtet er: «Heute habe ich getauft und hatte einen gar schönen Götti rechter Hand, die Gotte habe ich nicht so ins Auge gefasst, das hätte sich nicht geschickt…» Briefe seiner Frau Theresia sind leider nicht erhalten.

Im Übrigen erfährt der Leser von Cholera-Epidemien, von Erdbeben und Hochwasser, und ebenso vom Deutsch-französischen Krieg 1870/71 und den Folgen für das Dorf Binningen. Aufschlussreich sind die Berichte über Breitensteins finanzielle Sorgen und über seine Hilfeleistungen beim neu gegründeten Frauenverein.

Seine Idee, eine «Grümpelgant» zu veranstalten und die gute Basler Gesellschaft um einen Beitrag zu bitten, findet grosses Echo: «Wir haben viele Leiterwagen voll geholt, theils allerdings wahren Grümpel, theils noch sehr werthvolle Sachen z.B. eine stürzende Badewanne, eine schöne Pendüle, 10 Krüge Hypokras, 10 Spinnräder, Garnwinden, Körbe, Kinderwägelein, Kaffeemühlen, Kaffeekannen, Lampen…»

Blicke ins Baselbiet des 19. Jahrhunderts

Es sind diese einfachen Begebenheiten und Geschichten, welche die Briefe unterhaltsam und lesenswert machen. Selten bietet sich die Gelegenheit, das einfache Leben und den gewöhnlichen Alltag des 19. Jahrhunderts so authentisch nachzuvollziehen.

Ergänzt wird die Herausgabe der Briefe mit der Trauerrede zu seiner Beerdigung und den Nachrufen in den verschiedenen Zeitungen, sowie mit Fragmenten von Erzählungen, die es ermöglichen, die Entstehung eines Werkes nachzuvollziehen. Ein Sachglossar und Dialektwörterbuch, Personenregister und – besonders interessant – ein Stammbaum der Familie finden sich am Schluss des Bandes.

Der Briefband ermöglicht jedem Interessierten einen aufschlussreichen Einblick in das 19. Jahrhundert im Baselbiet und in der Stadt Basel. Er ist reich bebildert– von den Ausgaben des Studenten in Göttingen bis zu Planaufnahmen des Binninger Pfarrhauses. Alle Briefe sind sorgsam gegliedert, und es ist sofort erkennbar, an wen sie verfasst wurden. Ein Lesevergnügen und historischer Tiefenblick in einem.