Costa Concordia Unglück

«Von Eindrücken überschwemmt»: So kommt es zu einem Trauma

Die Costa Concordia nach dem Unfall vor der Insel Giglio 2012. Bei Überlebenden eines solchen Unglücks kann es zu einer posttraumatischen Belastungsstörung kommen. (Archiv)

Die Costa Concordia nach dem Unfall vor der Insel Giglio 2012. Bei Überlebenden eines solchen Unglücks kann es zu einer posttraumatischen Belastungsstörung kommen. (Archiv)

Die Überlebenden einer Katastrophe wie etwa dem Unglück der Costa Concordia haben oft mit einem Trauma zu kämpfen. Der Psychiater und Chefarzt Joachim Küchenhoff erklärt die Besonderheiten des Krankheitsbilds «posttraumatische Belastungsstörung».

Wie kommt es zu posttraumatischen Belastungsstörungen, die bei betroffenen Menschen erst eine gewisse Zeit nach einem Ereignis auftauchen?

Joachim Küchenhoff: Die Menschen, welche die Katastrophe der «Costa Concordia» als Passagiere hautnah miterlebt hatten, waren gravierenden psychischen Belastungen ausgesetzt. Man muss sich vorstellen, was alles auf dem Spiel steht. Das ist eine grosse Lebensbedrohung. Dazu kommt das Schicksal anderer Leute, die dabei sind. Man wird von Eindrücken regelrecht überschwemmt. Das kann ein riesiges Trauma darstellen, das heisst – definitionsgemäss: die eigenen Verarbeitungsmöglichkeiten überfordern.

Costa Concordia: Momente der Panik an Bord des sinkenden Kreuzfahrtschiffs

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Wie lange kann es dauern, bis eine solche Krankheit auftritt?

Das kann man nicht normieren, aber man sollte den Zusammenhang zum Ereignis herstellen können. Ich gehe – wie es üblich ist – von einem Zeitrahmen innerhalb der ersten sechs Monate aus.

Beim Mann aus Muttenz machten sich die Symptome erst zwei Jahre nach dem Schiffsunglück bemerkbar.

Diese lange Zeit ist ungewöhnlich. Man müsste herausfinden, ob zwischenzeitlich Belastungen hinzugekommen sind oder Erlebnisse, die das erste Ereignis nochmals wachrufen. So können Re-Traumatisierungen entstehen.

Welche Gründe spielen mit bei der Verzögerung?

Was wir alle kennen, sind plötzliche Todesfälle, die sehr belastend sind. Zunächst befindet man sich in einer Notfallsituation, ist erst mal ganz stark beschäftigt damit, alles zu regeln. Man versucht nur, sich über Wasser zu halten. Das führt zu einer Verzögerung der seelischen Reaktion. Erst wenn man zur Ruhe kommt, empfindet man dann den vollen Verlust. Ähnlich ist es auch bei verzögerten Trauma-Reaktionen.

Costa Concordia: Ein Blick ins Innere des geborgenen Schiff-Wracks

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Hat Verdrängen auch einen Einfluss?

Das ist so. Es gibt eine ganz starke Form von Verdrängung, in der man erst einmal nichts an sich herankommen lässt, um überhaupt noch funktionsfähig zu sein. Das Ganze kann später mit enormer Macht auf einen zurückfallen.

Flüchtlinge und Kriegsopfer leiden auch häufig unter Traumata.

Absolut. Nehmen wir die aktuelle Flüchtlingskrise. In Deutschland gibt es einen erheblichen Prozentsatz von Flüchtlingen, die traumatisiert sind. Diese werden einerseits schon in ihren Herkunftsländern traumatisiert, wie in Syrien durch furchtbare Verlusterfahrungen im Krieg. Zusätzlich kommt es zu Traumatisierungen auf der Flucht, was die Situation noch schwieriger macht.

Viele gerettete Passagiere der Costa Concordia vergleichen ihre Erlebnisse mit dem Untergang der Titanic

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Wie werden posttraumatische Belastungsstörungen therapiert?

Eine Therapie muss darauf ausgerichtet sein, traumatische Erfahrungen ins eigene Leben zu integrieren und zu schauen, dass man irgendwann mit ihnen leben kann. Das geschieht auf unterschiedliche Art und Weise. Entscheidend in der Trauma-Therapie ist, dass der erste Schritt ein sicherer Ort ist, wo man wenigstens punktuell entspannen kann. Es braucht Vertrauen, damit man das Erlebte emotional verarbeiten kann. Heute geht man nicht mehr sofort direkt auf die Erlebnisse ein, davon ist man abgekommen.

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