Kulturschock
Als Kleinbasler am Banntag in Liestal

Der Liestaler Banntag hat einige Gemeinsamkeiten mit den Basler Brauchtümern – aber auch Unterschiede.

Benjamin Rosch
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In diesem Jahr läuft der Banntag nicht über die Rathausstrasse, sondern vom Fischmarkt her abwärts zum Regierungsgebäude.
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Elementar: Der Maien wird an der linken Hutkrempe getragen und darf ziemlich üppig ausgestaltet sein.
Banntag in Liestal 2017
Mit der Vertreibung von Wintergeistern und ähnlichen Schreckgestalten hat diese Knallerei nichts zu tun.
Schiesszone mitten in der Stadt.

In diesem Jahr läuft der Banntag nicht über die Rathausstrasse, sondern vom Fischmarkt her abwärts zum Regierungsgebäude.

Kenneth Nars

Es war als Kulturaustausch gedacht. Den Anfang genommen hat die Bieridee an der Fasnacht. Am vielleicht höchsten Brauchtum der Stadt Basel, das ohne die Teilnehmerschaft aus dem Baselbiet wohl kaum noch über die engen Stadtgrenzen hinaus Bedeutung erlangen würde. Ein Kleinbasler am Liestaler Banntag; einer noch dazu, der ohne Prattler Ikea kaum je die Kantonsgrenzen überschreiten würde.

Mit der Erfahrung aus Vogel Gryff, Aeschermittwoch und natürlich den drei scheenschte Dääg im Hinterkopf weiss der Städter: Ein solcher Anlass ist eine ernste Sache. Die Möglichkeiten zur Blamage sind vielfältig, schnell gerät man in Verdacht, ein Auswärtiger, ein Fremdling zu sein. Die Liestaler haben dafür sogar einen eigenen Namen: «Tschamauch.» (Schreibt man das wirklich so?) Es klingt fast wie eine Abkürzung von «Ciao, auch dabei?». Und klingt damit weitaus freundlicher als «die Passive», die bei der Basler Fasnacht zum Zuschauen (und wirklich nur dazu!) verdammt sind.

Vorbereitung ist also das höchste Gut. Da kein Schiesseisen zur Hand, wird das Piccolo eingeölt. Und natürlich der Maien bereitgestellt. Der gehört ans linke Hutband, so die wohlgemeinten Ratschläge des Gastgebers – und einen solchen braucht ein Fremder, um durchs Stedtli paradieren zu dürfen. Die Tradition will es, dass dieser kleine Blumenstrauss gestohlen wird. Weil der Banntag offiziell in einer fast morgestraichlichen Frühe beginnt, kann man ihn natürlich schon am Vorabend besorgen.

Der Fünf-Töne-Marsch

Im Zug von Basel nach Liestal beäugen die Bahngäste den Banngast misstrauisch. Kaum jemand steigt auf dem Liestaler Perron aus, der das «r» in «Perron» nicht rollen würde. Im baustellenversehrten Stedtli dann der Schock: Gerade mal drei Mitpfeifer sind zur Tagwacht erschienen. Gottlob hat dieser Marsch etwa so viele verschiedene Töne wie der Landkanton Regierungsräte.

Die Melodie hat man nach zwei Minuten begriffen. Die restlichen 20 sind dann Geniessen. Der Maien wird noch korrigiert, weder Richtung noch Blumenstrauss stimmen. Dabei will man ja nicht den reichen Städter raushängen und hat deshalb ausdrücklich eine schlichte Margeritenkomposition gewählt.

Nach einem währschaften Zmorge geht’s dann richtig los. Das Stedtli ist derweil im Pulverdampf versunken – es fällt schwer, sich an den Donner zu gewöhnen. «Es ghört halt derzue», heisst es von überall – wahre Liebe klingt anders. Dann setzt sich die Rotte 3 in Bewegung. Mit ihr ein hoher Gast, SVP-Bundesrat Maurer. Hier ist er nur «dr Ueli».

Bissiger Städter erntet Applaus

Nun werden die Gemeindegrenzen abgelaufen. Zumindest, wenn sich diese zufällig auf dem Weg befinden. Ein Spruch zieht sich wie ein Hutband um die Gruppe: «Das Gesellige steht im Vordergrund.» Am Znüni-Halt wird dies besonders deutlich. Alle Teilnehmer werden verlesen, manche für eine kurze Rede auf die «Chischte» gebeten. Neben Maurer erhält Gast Lucien Stöcklin aus Basel-Stadt viel Aufmerksamkeit: In seiner Ansprache brüskiert er die Landschäftler mit bissigem Humor – diesen gefällts. Umgekehrt wäre dies nur schwerlich vorstellbar.

Sowieso sind schon alle bei einem Muff. Auch in der Stadt ist der Weisswein nie weit – allein im Wald wird er im 4-Deziliter-Glas serviert. Des Ersten kann man sich kaum erwehren, das Zweite hilft gegen den Durst. Das Dritte allerdings schmeckt am besten, auch Ueli greift – wenn auch erst nach leichtem Druck – zu. Danach setzt sich der Tross wieder in Bewegung. Über Stock, Stein zurück zum Stedtli.

Vom Znüni zum Zmittag zum Zvieri und schliesslich zum Znacht. Dann gleicht dieser Bummel plötzlich wieder dem Fasnachtszyschtig: Die Gruppen rotten sich zusammen und gässlen durch Liestal – und der Graben zwischen Stadt und Land wird ganz, ganz klein.

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