Vor 70 Jahren
«Archäologie in Kinderschuhen» – Das Comeback der Munzach-Kinder

Eine neue Ausstellung im Dichter- und Stadtmuseum Liestal fördert spannende Geschichten zutage.

Bojan Stula
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Munzach-Kinder

Munzach-Kinder

bz-Archiv/zvg
Christian Wieser (unten rechts) im Oktober 1950, kurz bevor er mit seinem Kollegen auf den Mosaikboden stösst.

Christian Wieser (unten rechts) im Oktober 1950, kurz bevor er mit seinem Kollegen auf den Mosaikboden stösst.

ZVG/Archäologie und Museum Baselland

Es hat die Biografien vieler Liestalerinnen und Liestaler geprägt und sie auf die Spur der Weltgeschichte gebracht. Gleichzeitig haben sie selbst ein kleines Stück Archäologiegeschichte mitgeschrieben. Ja, die Story der rund achtzig «Munzachbuebe» und «Munzachmeitli», die zusammen mit Lehrer Theodor Strübin zwischen 1950 und 1954 in Liestal eine römische Villa ausgruben, ist eine verrückte.

Nicht nur weil der Vorgang als solcher so aussergewöhnlich war, sondern auch wegen des grossen Aufsehens, das die Kinderarchäologen erregten. Mit Reisebussen brachen die Besucherhorden über die Fundstelle nahe der heutigen Psychiatrie Baselland herein. Frischgetraute Brautpaare gaben sich dort ein Stelldichein. Die Begeisterung über die freigelegten Funde war so gross, dass immer mehr Schulkinder an ihren freien Nachmittagen als Freiwillige zu den Ausgrabungen eilten. Was sie fanden, war sensationell: Unter anderem kamen Objekte wie Mosaikböden und kunstvolle Figuren zum Vorschein.

Volles Programm

Die Ausstellung

Die Ausstellung «Archäologie in Kinderschuhen» öffnet am Freitag, 17. August 2018 um 18.00 Uhr mit einer öffentlichen Vernissage. Der Eintritt ist frei. Beim anschliessenden Apéro können Interessierte mit Munzachkindern ins Gespräch kommen. Das Dichter- und Stadtmuseum Liestal an der Rathausstrasse 30 ist von Dienstag bis Freitag jeweils von 10.00 bis 18.00 Uhr geöffnet sowie Samstag und Sonntag von 10.00 bis 16.00 Uhr. Neben der Dauerausstellung sind aber auch folgende Begleitveranstaltungen geplant:

Dienstag, 18. September 2018, 19.30 Uhr, Eintritt frei (Kollekte): Ein Blick zurück in die Zeit der Römermanie in Liestal. Ehemalige Munzachkinder erzählen von ihren Erlebnissen.

Freitag, 19. Oktober 2018, 19.30 Uhr, Eintritt frei (Kollekte): Damals und heute. 50 Jahre Kantonsarchäologie. Fast 30 Jahre lang leitete Jürg Ewald, der schon als Knabe an der Ausgrabung der Villa von Munzach beteiligt war, die Kantonsarchäologie Baselland. Anekdotenreich und spannend berichtet er über die prekären Anfänge in der Archäologie.

Mittwoch, 5. Dezember 2018, 13.00 Uhr und 15.00 Uhr, Unkostenbeitrag 6 Franken: «Do it yourself». Mosaikworkshop für Gross und Klein. Olivier Burnand führt die Teilnehmer in die bunte Welt der römischen Mosaike ein und zeigt, wie jeder sein eigenes, ganz persönliches Mosaik gestalten kann.

Mehr Infos: www.dichtermuseum.ch

Zu Strübins 30. Todestag

Dabei war es ursprünglich bloss um die Neueinfassung der Munzachquelle gegangen. Doch dann fand der Primarlehrer und begeisterte Altertumsforscher Theodor Strübin in der Baugrube römische Ziegel und Trümmerteile von antiken Säulen. Da im Baselbiet noch keine Kantonsarchäologie existierte, war es für ihn selbstverständlich, hier selber Hand anzulegen.

Vor 30 Jahren starb Theodor Strübin. Aus diesem Anlass verhilft das Liestaler Dichter- und Stadtmuseum – in Zusammenarbeit mit der Munzachgesellschaft und dem Ausstellungs-Atelier Degen & Meili – den noch lebenden Munzachkindern zu einem Comeback. Die am 17. August mit einer Vernissage öffnende Sonderausstellung «Archäologie in Kinderschuhen: Wie die Liestaler Schulkinder die römische Villa Munzach ausgruben» möchte den Protagonisten von damals eine Stimme geben.

Die wissenschaftliche Mitarbeiterin Rea Köppel beschreibt die Absicht der Ausstellungsmacher so: «Da die Munzachkinder alle längst im Pensionsalter sind, ist jetzt noch Zeit, sie nach ihren Erlebnissen zu befragen und ihre Erinnerungen für künftige Generationen festzuhalten, sie an Podiumsgesprächen zu Wort kommen zu lassen. In der Ausstellung sind sie in Videoaufnahmen zu sehen, die zusammen mit eindrücklichen historischen Fotografien ein buntes und fesselndes Bild der Ausgrabung und aller Beteiligten wiedergeben.» Doch sollen neben den individuellen Erinnerungen die Geschichten auch in grösseren historischen Kontexten verankert werden. Köppel nennt als Beispiel die Tatsache, dass die Munzachmeitli zu anderen Aufgaben als die Jungen herangezogen wurden, was ein Schlaglicht auf das Frauenbild der 1950er-Jahre wirft.

bz-Serie im Vorfeld

Die bz unterstützt das Museumsprojekt ihrerseits mit einer kleinen Serie, die in Zusammenarbeit mit der Munzachgesellschaft und dem Atelier Degen & Meili entstanden ist. In drei Folgen kommen in dieser Woche Ehemalige von damals im Originalton zu Wort.

Der erste Teil handelt vom heute 84-jährigen Christian Wieser, der eines der allerersten Munzachkinder war, die im Jahr 1950 bei Theodor Strübin auf dem Grabungsfeld der römischen Villa Munzach mitgeholfen haben. Und auch das Munzachmeitli Sonia Hauer wird diese Woche noch erscheinen.

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